Alte Hasen, junges Gemüse

Alles neu bei den Bachfesttagen in Köthen
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
In der Bachstadt Köthen ist Folkert Uhde ein großer Wurf gelungen, der Lust auf mehr macht.

Wo bleibt bloß der Sänger? Auf dem Programm steht sein Name, aber vom Altus Terry Wey ist weit und breit nichts zu sehen. Dabei ist das Vorspiel der weltberühmten „Erbarme-dich“-Arie schon weit fortgeschritten.

Ähnliche Sorge hatte das Publikum im Eröffnungskonzert der Bachfesttage in der St. Agnuskirche in Köthen schon bei der Arie „Ich habe genug“ aus der bekannten gleichnamigen Kantate von Johann Sebastian Bach (bwv 82) befallen. Auch da war der Einsatz näher und näher gerückt und kein Sänger in Sicht. Den brauchte es schließlich auch gar nicht, denn statt eines Bassisten „sang“ ein Bassinstrument in Gestalt der von Romina Lischka meisterhaft gespielten Viola da Gamba. Klang wunderbar. Danach hatte sich Frau Lischka mit ihrer Gambe ins Orchesters verzogen.

Also: Wer erbarmt sich und singt gleich? Die Spannung wächst, der Einsatz kommt herbei, und dann singt es auf einmal direkt neben einem: „Erbarme dich, mein Gott, um meiner Zähren willen“. Unmerklich hatte sich Terry Wey von hinten in der Kirche durch den Mittelgang auf den Weg gemacht und bewegte sich dann in Etappen auf das Orchester im Altarraum zu. Eine dramaturgische Würze, die fasziniert, ohne von den berückend schönen Klängen der Arie über Gebühr abzulenken.

Es waren solche letztlich einfachen Kunstgriffe des neuen Intendanten Folkert Uhde, die den Auftakt der Bachfesttage zu einem Erlebnis machten. Der erste Kunstgriff aber geschah schon im Vorfeld: Uhde, früher selbst Geiger, hasste es immer, wenn er nur für ein kurzes Konzert in einem Ort absteigen und dann wieder weiterreisen musste. „Man wusste eigentlich gar nicht, wo man gewesen war“, erinnert sich der 51-Jährige. Für die Bachfesttage initiierte er die Gründung eines so genannten „Ensembles in residence“. Unter Leitung der international renommierten Barockgeigerin Midori Seiler nisteten sich erfahrene Musiker und Newcomer der Alte-Musik-Szene im anhaltinischen Köthen ein. „Alte Hasen und junges Gemüse“, wie Seiler vorab dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) die Zusammensetzung des neuen Orchesters beschrieb, das sich den Namen „BachCollektiv“ gegeben hatte. Dieses Kollektiv stellte in der Stadt, in der Johann Sebastian Bach von 1717–1723 als Hofkapellmeister wirkte, einiges auf die Beine: Neben dem energiegeladenen und spannungsreichen Eröffnungsabend gab es viele kleinere Konzerte in den herrlichen Räumen Köthens, als weiteren Höhepunkt eine mit Lichteffekten und Raumdramaturgie eindrücklich gestalte Johannespassion (bwv 245) und zum rauschenden Finale ein Schlossfest, in das viele lokale Veranstalter und Initiativen eingebunden waren.

Das Resultat: Totale Begeisterung und ein sehr zufriedenstellender Publikumszuspruch für die zehn Konzerte und das Schlossfest. In der Bachstadt Köthen ist Folkert Uhde, der sich schon seit einiger Zeit auch an anderen Orten als „Konzertdesigner“ einen Namen gemacht hat, ein großer Wurf gelungen, der Lust auf mehr macht. Restlos begeistert war das Publikum schon im Eröffnungskonzert, nachdem es dem BachCollectiv gelungen war, durch spannungsreiches Improvisieren zwischen den Programmteilen zu verhindern, dass – welch Unsitte anderer Festivals! – zwischen den Werken geklatscht wurde. Am Ende entlud sich der Beifall mit voller Macht. Natürlich gaben Terry Wey und das Bach- Collectiv eine Zugabe und zwar die strahlend-festliche Eröffnungsarie „Erfreute Zeit im neuen Bunde“ aus der gleichnamigen Kantate (bwv 83). „Wie wahr“, dachte der geneigte Zuhörer…

Die Bachfesttage Köthen finden alle zwei Jahre statt, das nächste Mal vom 31. August bis 3. September 2018. Zuvor gibt es noch besondere Konzerte an Bachs Geburtstag am 21. März. Weitere Informationen: www.bachfesttage.de

zur Website der Wunderkammer

Reinhard Mawick

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