pro und contra

Soll die Burka in Deutschlandverboten werden?
In Frankreich und Belgien ist Frauen das Tragen der Burka in der Öffentlichkeit verboten. Seit den Attentaten im Sommer wird dies auch in Deutschland immer wieder erhoben. Für ein Verbot der Burka ist der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn, dagegen ist Petra Bahr, Theologin und Leiterin der Hauptabteilung Politik und Gesellschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.

So ändern sich die Zeiten. Vor ein paar Jahrzehnten jagte Louis de Funès noch als tölpeliger Polizist an den Stränden von Biaritz Bikini-Trägerinnen und andere Nackedeis, um das christliche Abendland zu retten. Als die Filme erschienen, fanden die meisten Zuschauer das schon komisch. Einige Zeit vorher wurden Bikiniverbote diskutiert. Diese Bademode passe nicht zur europäischen Kultur, hieß es in Zeitungsartikeln. Von Kanzeln kam die Bekräftigung mit Bibel und erhobenem Zeigefinger.

Heute scheint es umgekehrt zu sein: je weniger Stoff, desto passender. Burka und Burkini rutschten in diesem Jahr in die Schlagzeilen, zwischen Terror und Terrorangst sollten die Bekleidungsregeln konservativer Muslima zum Gesprächsthema zwischen Strandkorb, Akademien und politischen Interviews werden. Keine Frage, dass Frauen ihre Gesichter unter einem schwarzen Umhang verhüllen, erzeugt großes Unbehagen.

Kontrolle des Begehrens

Es braucht keine feministische Theorie, um Protest anzumelden gegen die Forderung an die Frauen, den Blicken von Männern zu entgehen, indem man sich selbst zum Verschwinden bringt, anstatt den männlichen Blick zu erziehen. Diese Unterwerfung unter das vermutet unkontrollierte Begehren passt nicht in unsere Welt. Das Gesicht ist die vornehmste Äußerung der Individualität und damit mehr als ein Symbol für den guten Geist des Abendlandes. Wir erkennen einander, wenn auch nur aus den Augenwinkeln und kaum mehr bewusst, als einzigartig. Wir lesen in Gesichtern. Gesichter sind Resonanzen für Kommunikation. Deshalb ist die Debatte um den Umgang mit der Burka oder des Niqab keine Scheindebatte, nur weil sie symbolpolitisch aufgeladen ist. Sie unterscheidet sich auch deutlich von der Diskussion um den Burkini, weil hier kulturelle Selbstverständlichkeiten plötzlich im Alltag in Frage stehen.

Wie damit umgehen? Viel ist bei diesen Selbstverständlichkeiten von Werten die Rede. Werte kann man teilen, man kann aber, anders als gegen Gesetze, Normen und Prinzipien, nicht gegen sie verstoßen. Deshalb ist es tückisch, wenn angesichts der Verbotsforderungen die Argumentation eine moralische bleibt. Verbote sind wichtig, und gesetzliche Vorgaben sollten konsequent angewendet werden: keine Kinderehen, kein Entzug von jungen Mädchen aus der Schule, keine Gewalt und kein Zwang in Familien und religiösen Gemeinschaften. Wenn Verwaltungen, Sicherheitsbehörden und Nachbarn aufmerksam werden, dann ist Mädchen und Frauen in engen muslimischen Gemeinschaften viel geholfen. Aber im Namen der Frauenbefreiung die Burka verbieten zu wollen, ist dann doch ein seltsames Unterfangen. Entweder sind die Frauen Opfer eines Zwangs. Dann müssten wir über die reden, die sie zwingen, sich hinter schwarzem Stoff zu verbergen. Über die Männer und ihre Geschlechtervorstellung. Die Opfer mit einem Verbot zu belegen, führt nur zur weiteren Marginalisierung. Sie werden das Haus nicht mehr verlassen.

Zum Glück sind nicht viele Frauen betroffen. Die Gesichtsverschleierung gilt den meisten Islamgelehrten überhaupt nicht als Ausdruck besonderer religiöser Observanz. Wer in München schwarz vor dem Gesicht trägt, kommt denn auch in der Regel nicht aus deutschen Vorstädten und schon gar nicht aus Flüchtlingseinrichtungen, sondern als Medizintouristin und Shopping Queen. Wollen wir Frauen auf Bürgersteigen verhaften lassen? Oder nach dem Parkticket auch das Burkaticket einführen?

Es gibt Bereiche, wo das Gesicht zu zeigen, eine Pflicht ist. Bei Behörden, in allen erkennungsdienstlichen Zusammenhängen, aber auch in Schul- und Bildungsvollzügen. Bildung ist ein Kommunikationsgeschehen, für die die Gesichtszüge, das Funkeln in den Augen oder die heruntergezogenen Mundwinkel grundlegend sind. Abgesehen davon reden wir über eine verschwindend kleine Zahl an Frauen.

Vorsichtiges Ärmelzupfen

Die große Zahl der Neufeministen, die sich neuerdings auch in bürgerlichen Abendgesellschaften ausgerechnet mit Alice Schwarzer eng verbunden wissen, um stundenlang über die gleiche Freiheit der Frauen diskutieren, während ihre Gattinnen mit vorsichtigem Ärmelzupfen versuchen, auch mal zu Wort zu kommen, schlüpfen mit einer schaurigen Begeisterung unter den Niqab der fremden Frau, denn unter diesem Gewand hat alles Platz: Die Angst vor den radikalen Rändern des Islam und den wenig anpassungsbereiten Bewegungen aus seiner Mitte, die Sorge vor Statusverlust und sicheren Weltbildern, die Furcht vor der Zukunft mit oder ohne Muslime.

Die schwarz verhüllte Frau wird zum Symbol einer schwarzen Zukunft. Ist die Burka weg, wird alles wieder gut. Das erinnert von Ferne an die Art von Achtjährigen, sich mit den Händen vor den Augen unsichtbar machen zu wollen.

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