Intim verwurzelt

Allen Toussaint: American Tunes
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Ein seelenvolles Album, bei dem wir in den Synkopen-Tropen im Feuchtheißen auf der Veranda sitzen und staunen.

Es gibt Alben, die sind unvergessliche Reise und wohliges Zuhause sein zugleich. „American Tunes“ von Allen Toussaint ist so eins. Der Jazz- und Rhythm and Blues-Pianist, Komponist, Arrangeur und Produzent war eine Ikone des Sounds von New Orleans, jener funky Wasserscheide zwischen großer Müdigkeit und Leidenschaft. Er gilt als eine der großen Hintergrundfiguren der Popmusik, bekannt war er aber nur wenigen. Dabei produzierte er Alben von Aaron Neville, Dr. John und vielen andern, betrieb ein Label und schrieb Hits wie „Working in he Coal Mine“ oder „Southern Nights“, die gesungen von andern weltbekannt wurden. New Orleans blieb er stets treu, bis Hurrican Katrina auch ihn 2005 vorübergehend vertrieb. Erst da begann Toussaint ausgiebiger zu touren (der „American Tunes“-Produzent Joe Henry holte ihn auch zur Ruhrtriennale), und mit 77 Jahren starb er auch fern von zu Hause – im vergangenen November in Madrid. „American Tunes“ ist so jetzt sein Vermächtnis: Songs aus der Jazz- und Popgeschichte, die er auch live oft interpretierte und die dabei seine New Orleans-Verwurzelung intim zeigen. Eingespielt in zwei Sessions, die eine nur mit Piano, die andere mit starker Bandbesetzung (Bass, Drums und Gitarre, unter anderem Bill Frisell) und der frappanten Rhiannon Giddens in zwei der 14 Tracks als Sängerin. Im Schlusssong, seiner Paul Simon-Adaption „American Tune“, singt er sogar selbst. Ansonsten glänzt er auf dem Album als Pianist und seelenvoller New Orleans-Impressario.

Das Album beginnt mit seinem eigenen Song „Delore’s Boyfriend“ – leichthändig, als wär‘s ein Stan & Ollie-Tänzchen. Und Fats Wallers snappender Dandy-Walk „Viper’s Drag“ im Anschluss erinnert an Bob Dylans „Dusquesne Whistle“-Video. In New Orleans spielte Dylan einst das Material für „Oh Mercy“ ein und schrieb: „Als erstes fallen einem die Beerdigungsstätten auf, die Friedhöfe – sie gehören zum Besten, was die Stadt zu bieten hat. Vergangenheit verblaßt hier nicht so schnell. Hier kann man lange tot sein.“ Und: „Hinter jeder Tür findet irgendwas obszön Vergnügliches statt, oder jemand stützt den Kopf in die Hände und weint. Ein träger Rhythmus liegt in der Luft. Ein einziges langes Gedicht. Hierher kommt der Teufel, um zu seufzen.“ Toussaints nun letztgültige „Southern Nights“-Version macht das spürbar. Daneben stehen Songs von Earl Hines, Earl King und dem New Orleans-Musiker Louis Moreau Gottschalk („Danza“), zwei von Duke Ellington und zwei von Toussaints Vorbild Professor Longhair (Henry Roeland Byrd).

Ein seelenvolles Album, bei dem wir in den Synkopen-Tropen im Feuchtheißen auf der Veranda sitzen und staunen, wie das Leben Blues, Jazz und feinen leichten Funk mischt. Klimatisch arg gefährdet, wie das in New Orleans und im Leben so ist.

Udo Feist

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