Weg zum Vater

Das Christuszeugnis gegenüber Juden ist keine Judenmisssion
Die Gruppe „Juden für Jesus“ ist überzeugt: „Wenn Jeschua der Messias ist, kann nichts jüdischer sein (...), als an Ihn zu glauben.“ Foto: dpa/ Stephanie Pilick
Die Gruppe „Juden für Jesus“ ist überzeugt: „Wenn Jeschua der Messias ist, kann nichts jüdischer sein (...), als an Ihn zu glauben.“ Foto: dpa/ Stephanie Pilick
In der EKD wird darüber diskutiert, ob Christen Juden zum Christentum bekehren oder zumindest die Messianischen Juden unterstützen sollen. Für Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender des Altpietistischen Gemeinschaftsverbandes Württemberg und Mitglied der EKD-Synode, gehört es „zu den Spannungen“, die „Christen und Juden miteinander aushalten müssen“, dass es Juden gibt, die sich „auf den Namen des dreieinigen Gottes taufen lassen“.

Es ist eine der größten Herausforderungen für die christlichen Kirchen besonders in Deutschland: Wie können wir einerseits jeder auch noch so subtilen Form des Antijudaismus und Antisemitismus entschieden entgegentreten – und gleichzeitig unseren Glauben an Jesus Christus fröhlich und leidenschaftlich, unaufdringlich, aber doch kraftvoll bekennen und bezeugen? Das Reformationsfest 2017 soll zurecht als großes Christusfest begangen werden. Es darf aber keine Antitöne verbreiten, auch keine Untertöne, die sich in irgendeiner Weise gegen das jüdische Volk richten. Mit ihrer klaren Distanzierung von Martin Luthers antijüdischen Schmähschriften hat die EKD-Synode im November 2015 hier einen deutlichen Akzent gesetzt. Das Christusfest der Kirchen soll ihr Christuszeugnis zur Geltung bringen, als eines, das Gott in seiner Pro-Existenz benennt und feiert. Denn als Christen erkennen wir in Jesus Christus, dass Gott unabwendbar für uns ist, dass mithin seine ganze Existenz eine Pro-Existenz ist, dass wir durch ihn das Leben haben – als Geschöpfe und als Gerechtfertigte. Ein Lob ohne Untertöne soll es sein, denn es ist das Lob des einen Gottes des Alten und Neuen Testaments, der zu Abraham, Mose und den Propheten und durch den Juden Jesus in einzigartiger Weise geredet hat. Zugleich aber darf sich das Christuslob der Kirche nicht so beschneiden, als gelte es nicht für alle Menschen zu allen Zeiten, als würde es nicht Himmel und Erde umfassen und als sollte es nicht universal zum Klingen kommen. Juden und Heiden, alle sollen es hören und zum Lob Gottes finden.

Was dies bedeutet für das Miteinander von Juden und Christen und messianischen Juden? In Begegnungen mit jüdischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern entdecken Christen den Reichtum des jüdischen Glaubens. Wir können so viel voneinander lernen. Als Christ beeindruckt mich die hohe Wertschätzung und das beständig neue Hören auf die Tora, die Freude am Studium der Heiligen Schrift, die jüdische Gelehrsamkeit und Weisheit, die Tiefe und Erhabenheit eines Glaubens, der Jahrtausende überdauert hat und bis heute einem Volk eine einzigartige Identität gibt. Zu Gast bei Juden lasse ich mich mit hineinnehmen in die Feier des Schabbat, in das Lob des Schöpfers und Befreiers und erlebe eine einzigartige Verbundenheit mit dem jüdischen Glauben und dem jüdischen Volk. Ich staune über die Treue der Glaubenden, die ein Spiegelbild der Treue Gottes ist, und spüre ihre messianische Hoffnung und Erwartung des Reiches Gottes, das nicht von dieser Welt ist.

Gemeinsames Hören

Es braucht immer wieder diese Begegnungen zwischen Juden und Christen, die uns einander näher bringen, ohne uns gegenseitig die jeweilige Identität zu rauben oder in Frage zu stellen. In solchen Begegnungen erfahren wir: Christen und Juden sind auf einzigartige und unlösbare Weise im Glauben verbunden. Wir teilen den Glauben an den einen Gott, der sich in der Hebräischen Bibel als Schöpfer und Erbarmer offenbart hat. Wir erkennen uns durch sein Wort als Ebenbilder Gottes, gewinnen im gemeinsamen Hören auf die Schrift einen Sinn für die Würde des Menschen und den Wert jedes einzelnen Lebens. Wir teilen dieselbe Ehrfurcht und Achtung vor dem Leben. Wir hören gemeinsam auf Gottes Gebote und fragen nach seinem Willen. Uns verbindet Gottesfurcht und Gottesliebe. Wir teilen die Haltung der Buße vor dem heiligen Gott und die Hoffnung auf seine Barmherzigkeit und Gnade. Uns verbindet die Erwartung auf den kommenden und endgültig Frieden schaffenden Messias. Wir teilen die Verantwortung für diese Welt, für die Bewahrung der Schöpfung und den Einsatz für gerechte Lebensverhältnisse. Uns verbindet die Wertschätzung und Achtung des Feiertages

Als Christen wissen wir uns in den Bund Gottes mit Israel mit hineingenommen. Wir erkennen eine einzigartige Verbundenheit mit den Juden, die wir in Demut und Dankbarkeit annehmen. Wir sind verbunden durch die gemeinsame Schrift der Hebräischen Bibel, die wir als Gottes Wort hören und achten. Das von Christen so genannte Alte Testament wird dabei durch das Neue Testament nicht abgelöst, vielmehr achtet es die Kirche als ursprünglichen, ersten und grundlegenden Teil der Schrift. Wir sind verbunden durch die Erwählung Gottes.

Als Christen halten wir uns an den Neuen Bund, den Gott in Jesus Christus geschlossen hat, und halten zugleich fest, dass der Bund mit seinem Volk Israel uneingeschränkt weiter besteht. Den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekennen wir Christen als Vater Jesu Christi und damit als den einen Gott der ganzen Bibel, den Schöpfer und Erlöser, von dessen Treue wir gemeinsam mit den Juden leben. Dabei löst die Erwählung der Kirche die Erwählung Israels keinesfalls ab. Im Gegenteil! Christen wissen sich in die eine Erwählung Gottes, die zuerst Israel gilt, mit hineingenommen. Jede Haltung der Überheblichkeit gegenüber dem jüdischen Volk ist darum gänzlich unangemessen; sie widerspricht dem Wesen des Gottesvolkes aus altem und neuem Bund, und sie verkennt völlig den Charakter der Erwählung Gottes, die uns unverdientermaßen zukommt.

Wenn wir diese grundlegenden Gemeinsamkeiten festhalten, übersehen wir die Unterschiede nicht: Als Christen glauben wir an Jesus Christus als den Sohn Gottes und Retter der Welt. Wir erkennen in ihm den erwarteten Messias, durch den Gottes Reich in dieser Welt anbricht und durch den es vollendet werden wird. Wir bekennen seinen Tod am Kreuz für uns und seine Auferstehung. Wir erfahren uns durch ihn gerechtfertigt allein durch seine Gnade und sein Erbarmen. Durch Christus erleben wir uns befreit zu einem neuen Leben, das nicht unter dem Gesetz steht. In Jesus Christus erkennen und bezeugen wir Gottes Heilsweg für alle Menschen. Wenn wir diese Glaubensunterscheide benennen, die wir etwa in der Christologie, in der Rechtfertigungslehre oder in der Ekklesiologie entfalten, wird die Verbundenheit nicht aufgehoben. Vielmehr stimmt das Christuslob der Kirche in das Lob Gottes des Alten Bundes so mit ein, dass eine neue Harmonie entsteht.

Wenn wir die einzigartige Verbundenheit und die bleibenden Unterschiede von Christen und Juden so skizzenhaft erfasst haben, können wir festhalten: Als Christen stehen wir an der Seite der Juden und achten sie in Demut und Respekt als Gottes erwähltes Volk. Jeder Form des Antijudaismus oder Antisemitismus widersprechen und widerstehen wir in Solidarität mit den Juden. Ohne Einschränkung erkennen wir die bleibende Erwählung Israels an. Allzu oft hat insbesondere auch die evangelische Kirche vergessen und missachtet, dass sie ihren Grund in der Erwählung Gottes hat, die zuerst Israel gilt. Mit tiefer Beschämung erkennen wir eine Mitverantwortung und Mitschuld an den Verbrechen gegenüber dem jüdischen Volk durch die Jahrhunderte und ein Versagen der Kirche in der Schoah des 20. Jahrhunderts. Als Christen in Deutschland erkennen wir in unserer Geschichte eine besondere Schuld, mit der eine besondere Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft einhergeht. Wir treten entschieden gegen die Abwertung des Judentums auf und für ein versöhntes Miteinander ein. Wir sind dankbar, dass in Deutschland wieder jüdische Gemeinden entstanden sind und Juden hier ihre Heimat haben. Als Christen erkennen wir ohne Einschränkung den Staat Israel an und wissen uns mit ihm in besonderer Weise verbunden.

Aus den Anfängen der Kirche erkennen wir: Es waren zuerst jüdische Männer und Frauen, die Jesus von Nazareth als den Gesalbten Gottes erkannt und als Messias, Christus bekannt haben. Die Evangelien und die Apostelgeschichte führen anschaulich vor Augen: Das Heil kommt von den Juden und erfasst nach und nach Menschen aus den Völkern. Schon bald bilden diese die Mehrzahl unter den Christen – und es gehört zur Tragik der Geschichte, dass Judenchristen nahezu gänzlich aus dem Blick geraten sind. Doch bis heute gibt es Menschen jüdischer Herkunft, die sich nach wie vor als Juden verstehen und zugleich Jesus als Messias erkennen. Sie leben in der jüdischen Glaubenstradition und verbinden diese mit dem Glauben an Jesus Christus. In diesem Glauben sind wir mit ihnen verbunden. Ihnen gilt dieselbe Wertschätzung und Anerkennung, wie wir sie etwa Christen anderer Denominationen entgegen bringen. Diese Verbundenheit schließt einen Raum für kritische Rückfragen nicht aus, die sich etwa auf Fragen der Glaubens- oder Missionspraxis beziehen können. Der prinzipielle Ausschluss von messianischen Juden, wie er bei den Kirchentagen immer wieder praktiziert und propagiert wurde, bleibt jedoch ein Skandal, der überwunden werden muss. Er gleicht einem Stachel, der bis in das Herz der Kirche reicht.

Es gehört zu den Spannungen, die wir als Christen und Juden miteinander aushalten müssen, dass es Menschen gibt, die sich als Juden auf den Namen des dreieinigen Gottes taufen lassen, von vielen Juden darum nicht mehr als Juden anerkannt werden, sich aber selbst gleichwohl immer noch als Juden verstehen, die an Jesus als Messias glauben. Christen verschiedener Konfessionen, Juden und so genannte messianische Juden sind die jeweils gegenseitige Anerkennung und ein gedeihliches Miteinander aufgetragen. Nur durch regelmäßige Begegnungen und das gegenseitige Glaubenszeugnis kann mehr Verständnis füreinander wachsen. Diesem Auftrag dürfen wir uns nicht weiter entziehen.

Verbindendes Gotteslob

Es gehört zur Eigenart des christlichen Glaubens, dass er sich artikuliert. Wer glaubt, bekennt und bezeugt. Mit ihrem Zeugnis von Jesus Christus bringen Christen ihr Wesensinneres zum Ausdruck, das ihnen persönlich wie auch allen anderen Menschen gilt. Es ist die gute Nachricht von der Rettung, Erlösung und Befreiung durch Jesus Christus. Diese Botschaft ist die Tonart, in der Christen in das Lob Gottes einstimmen. Es gibt keinen belastbaren theologischen Grund, dass Christen gegenüber Juden von Jesus Christus schweigen sollten. Ihnen zuerst galt die Predigt der Apostel, die Jesus als Heiland der Völker und Messias Israels bezeugte. Ein lebendiges Zeugnis von Christus stellt sich nicht über die Menschen, die es hören. Es vereinnahmt nicht, sondern lässt dem jeweiligen Gegenüber alle Freiheit zur Antwort offen. Das gilt generell, aber gegenüber Juden in besonderer Weise: Wenn Christen ihnen Jesus Christus bezeugen, so tun sie das auf der Basis einer gemeinsamen Gottesbeziehung. Sie stellen damit die jüdische Identität nicht in Frage, sondern bringen ihre eigene ins Gespräch mit ein. Gewissermaßen stimmen sie in einer Paralleltonart in das Lob Gottes ein, das Christen und Juden verbindet.

In einem Gutachten hat die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen am 23. Februar 2000 festgehalten: „Die den Christen im Ostergeschehen erschlossene Wahrheit über den Heilswillen Gottes ist das Evangelium für alle Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1,16). Das Evangelium Juden und Heiden zu bezeugen, gehört von Anfang an zur Apostolizität der Kirche (Galater 2,7-9). Dieses Zeugnis ist unablösbar vom Christsein selbst.“

Nach all dem, was wir bedacht haben, ist im Blick auf dieses Zeugnis der Begriff „Judenmission“ als unangemessen abzulehnen, denn er legt nahe, das Christuszeugnis gegenüber Juden sei eine Variante der Völkermission. Israel muss der Weg zu Gott aber nicht erst gewiesen werden; der Weg Gottes ist ja der Weg mit Israel. Wohl aber darf Jesus Christus als Weg zum Vater bezeugt werden. Die missionarische Verkündigung des Evangeliums unter den sogenannten Heidenvölkern ist vom Zeugnis gegenüber Juden daher kategorial zu unterscheiden. Als Christuszeugnis eigener Art ist das Zeugnis gegenüber Juden aber Ausdruck christlicher Identität auf der Basis großer Gemeinsamkeit, das in der gegenseitigen Begegnung einen Raum haben muss, wenn diese Begegnung authentisch sein soll. Ein solches demütiges Zeugnis wahrt den Respekt gegenüber dem Anderen, achtet dessen Freiheit und dient dem gemeinsamen Lob Gottes.

Steffen Kern

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