Nachdenklich

1989 und die Folgen
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Die große Bedeutung dieses Buches liegt darin, dass es die Grundfrage jedes christlichen Geschichtsverständnisses stellt: Ob und wie Gott in Geschichte eingreift.

Durch alle Beiträge dieses Buches zieht sich die grundsätzliche Frage, „ob ein Wirken Gottes in der Geschichte intellektuell verantwortlich konstatiert werden kann“, und auf die friedliche Revolution bezogen, „ob dergleichen sich gar 1989 zugetragen haben könnte“. Wenn die Möglichkeit einer transzendentalen Dimension der Geschichte anerkannt wird, erscheint der Gedanke einleuchtend, die Revolution von 1989 sei die heilsgeschichtliche Antwort auf die blutige Revolution von 1789 mit ihren gewaltsamen „Folgeumbrüchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Russland (1917) und Deutschland (1933)“. Dem antireligiösen Furor, der 1789 zu den Grundlagen eines neuen Staatswesens gehörte, antwortete 200 Jahre später eine Revolution, die aus dem christlich motivierten Geist der Gewaltlosigkeit heraus die Umwälzung nicht mit Waffen, sondern mit dem Wort erkämpfte. Die Französische Revolution von 1789 sei zum „Pilotprojekt der kommunistischen (1917) und nationalsozialistischen (1933) Revolution, zu einer geradezu diabolischen Kette von katastrophischen Geschichtszäsuren“ geworden. In dem Augenblick, da die Vernunft als höchste Instanz an die Stelle Gottes trete, komme es zur „Selbstvergöttlichung des Menschen“. Revolutionäre Heilspläne verwandelten sich in Terrorregime und das Versprechen einer perfekten direkten Demokratie nehme in der Praxis die Gestalt eines totalitären Systems an. Noch im Jubiläumsjahr 1989 bekannten sich die Führer der DDR zum Jakobinerterror: Revolutionäre Umwälzungen seien ohne Gewalt nicht möglich. Der Terror seit 1945 fand, marxistisch-leninistisch zugespitzt, eine „jakobinische Ur-Begründung“.

Auf diese Unheilsgeschichte antwortete 1989 die „ethisch qualifizierteste Revolution der deutschen Geschichte“. Und nun: lässt sich eine geschichtstheologische Deutung dieser Revolution rechtfertigen? Gottes Wirken in der Geschichte stehe nicht in Konkurrenz zu den natürlichen Kausalitäten und zu den menschlichen Aktionen. Es sei auch nicht im Sinne von Fatum, Vorsehung oder Schicksal zu verstehen. Ja, es sei letztlich nicht entscheidend, ob Gott in der Geschichte wirke oder nicht, wenn diejenigen, die sich auf ihn berufen, weil sie sich von ihm inspiriert wissen, in der Geschichte wirksam würden. Dietrich Bonhoeffer war zutiefst von der Überzeugung durchdrungen, dass „wir nicht Herren, sondern Werkzeuge in der Hand des Herrn der Geschichte“ sind.

Dies auf die 1989er Revolution bezogen: in der unerwarteten Wahl des polnischen Kardinals Karol Woytila zum Papst sei das Numinose in die geschichtliche Wirklichkeit eingebrochen. Bei allen unterschiedlichen geistig-ideellen und existenziellen Antrieben, die in die friedliche Revolution eingeflossen seien, bleibe doch deren christliche Signatur offenkundig. Die Revolution in der DDR habe sich radikal von allen vorausgegangenen Revolutionen dadurch unterschieden, dass sie gewaltfrei war, dass sie Versöhnung ermöglichte, eine genuin christliche Glaubenshaltung. Die große Bedeutung dieses Buches liegt darin, dass es die Grundfrage jedes christlichen Geschichtsverständnisses stellt: Ob und wie Gott in Geschichte eingreift. Die Antwortversuche sind gründlich durchdacht, in sich folgerichtig, gut verständlich und gelegentlich voller Leidenschaft. Da es sich um redliche Antwortversuche handelt und nicht um hinzunehmende Behauptungen, wird der mitdenkende Leser zur Auseinandersetzung ermutigt. Der Rezensent gesteht, dass ihm die Formulierung von der „gottgewollten Vereinigung beider deutscher Staaten“ zu weit geht. Er gesteht aber auch, seit Jahren kein „Sachbuch“ gelesen zu haben, das ihn so zum Nachdenken angeregt und so stark bewegt hat.

Jürgen Israel

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