Brückenbauer

Neues von Arvo Pärt
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Ein monumentales und gleichzeitig zartes, lyrisch-poetisches Werk von betörend duftender Schönheit.

Die Musik Arvo Pärts gilt als eine besondere Brücke zwischen der Gemeinde klassisch Genießender und der Neuen Musik, weil sie sich nicht im sinnlichen Reiz erschöpft, sondern eine geradezu ganzkörperliche Wahrnehmung ermöglicht und auch komplexe musikalische Strukturen zu ungeahntem, erkenntnisartigem Einklang führt. Schon mit György Ligetis „Lux eterna“ und Robert Heppeners „Im Gestein“ hat Daniel Reuss mit der grandios präsenten und klangschönen Cappella Amsterdam bewiesen, wie sehr er sich in derartige, metaphernartig Zeit und Klang symbiotisch verwebende Chormusik vertiefen und diese klar konturierten und parallel amorph umwölkten harmonisch-melodischen Gebilde zu erhebenden Erlebnissen werden lassen kann.

Greift Ligeti (1923-2006) mit dem „Lux aeterna“ (1966) auf den Text der Communio aus dem abschließenden Teil der klassischen katholischen Totenmesse zurück, setzt der in den Siebzigerjahren zum orthodoxen Glauben konvertierte Arvo Pärt (geboren 1935) auf die Kraft der orthodoxen Spiritualität. Der Bußkanon „Kanon Pokajanen“ (1998) speist sich aus dessen strömender Energie, er ist ein monumentales und gleichzeitig zartes, lyrisch-poetisches Werk von betörend duftender Schönheit. Er besteht aus neun Oden, als deren Verfasser der Heilige Andreas von Kreta gilt, und ist heute eigentlich der Privatandacht zugeordnet. Wie es die orthodoxe Liturgie gebietet, hat Arvo Pärt das Werk a cappella vertont. Es erklingt nur die menschliche Stimme. Alle Oden folgen der Form des einführenden Poems mit anschließender Ausführung, die von der Einführung metrisch und rhythmisch bestimmt ist. Dabei gibt Pärt in seiner die Sphären des Horizonts immer neu auslotenden Weise dem Ton jeder Ode und ihrem individuellen Wort einen klanglichen Freiraum, der sich als mystisches Erlebnis öffnet. Jedes einführende Irmos strahlt in streng-schlichter Homophonie eine unbeirrbare Klarheit aus. Jedes ausführende Troparium öffnet sich anschließend auf dieser Basis der seelisch wurzelnden Trauer und Klage durch eine individuelle Auffächerung in vielschichtige Echo- und Einzelstimmen.

Daniel Reuss versteht es, diese spirituelle Wucht direkt ins Ohr und in den ganzen Körper strömen zu lassen. Die Tiefe der textlichen Reflexion, die Arvo Pärt in fortlaufende, fein profilierte Bögen immerwährender Weite fasst, spiegelt sich in den fantastisch ausbalancierten, das Werk marmorierenden Klangebenen des Chores, der wie ein Stein von Ode zu Ode tiefer in das Universum dieses atemberaubend inszenierten Klanggebetes sinkt. Dabei durchwirkt Reuss den Gesamtklang mit prophetisch präsenter, bebend sich weitender Körperlichkeit, dass man staunend still wird. Wunderbar.

Klaus-Martin Bresgott

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