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Kampf gegen Fanatismus
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Mit der „Ihr-Wir-Debatte“ muss endlich Schluss sein, wenn es um radikalisierte islamische Jugendliche geht.

Fast das einzige, das mir an diesem guten Buch nicht gefällt, ist der plakative Obertitel. (Militanter) Extremismus ist hierzulande kein neues Phänomen. Doch wer ist je auf die Idee gekommen, die sehr viel zahlreicheren Rechtsextremen „Generation Hitler“ und die Linksextremen „Generation Marx“ zu nennen? Von einer „Generation Allah“ zu sprechen ist auch theologisch irreführend, geht es doch radikalisierten Islamisten gerade nicht um Gott (arabisch: „Allah“), sondern darum, selbst Gott zu spielen und ihn zu einer Art „Supergötzen“ zu instrumentalisieren, in dessen Namen angeblich alles erlaubt ist.

Doch Ahmad Mansour, der in Berlin lebende arabische Israeli und Muslim, ist selbst kein Theologe, sondern Psychologe, dem solche Einwände womöglich spitzfindig vorkämen. Davon abgesehen, ist dieser Bericht eines in der Jugendarbeit und Deradikalisierung sehr Erfahrenen überaus lesenswert. Es ist kein abstraktes akademisches Werk. Es gibt weder Literaturangaben noch Quellennachweise. Dafür jedoch bekommt man als Leser das Gefühl, ziemlich nahe an die gefährdeten Jugendlichen mit ihren Nöten, Problemen und Versuchungen heranzukommen - an eine, der bürgerlichen Mitte dieser Gesellschaft überwiegend verborgene und unzugängliche, Welt.

Überhaupt ist jede Selbstdistanzierung von denen, die der Autor „Generation Allah“ nennt, sogar gefährlich. Mit der „Ihr-Wir-Debatte“ müsse endlich Schluss sein. Denn „wir haben es hier nicht mehr mit Migranten zu tun, sondern mit deutschen Jugendlichen. Das sollte man nicht verwechseln! Diese Jugendlichen sind Teil unserer Gesellschaft.“ Anhand konkreter Fälle beschreibt Mansour, wie diese Jugendlichen verführt und radikalisiert werden. Ein Prozess, der lange unsichtbar und unspektakulär verläuft. Wer mit Prävention erst dann beginne, wenn die Jugendlichen gewalttätig geworden seien, habe bereits verloren, so Mansour. Seine Beschreibungen sind auch deshalb authentisch, da er selbst eine islamistische Vergangenheit besitzt, was ihn zugleich für ein Engagement in der Präventionsarbeit besonders geeignet macht. Mit Recht prangert er das Versagen der muslimischen Verbände und Moscheevereine an, deren Import-Imame schon lange keinen Zugang zu den hier geborenen und aufgewachsenen muslimischen Jugendlichen mehr hätten. Ganz im Gegensatz zu den salafistischen Verführern: „Sie sprechen nicht nur Deutsch. Sie sprechen die Sprache der Jugendlichen. Sie sind, das muss man so sagen, die besseren Sozialarbeiter. Sie gehen dorthin, wo die Jugendlichen sind. In Jugendzentren, vor die Spielhallen und so weiter.“ Auch der in vielen konservativ-muslimischen Gemeinden und Familien gelebte Islam sei eine Gefahr.

Jegliches Islamverständnis, das die Sexualität tabuisiere, das Schwarz-Weiß-Bilder von den Muslimen als den Opfern und den anderen als den Tätern zeichne, ein Islamverständnis, das patriarchalisch geprägt sei und mit einem strafenden, in die Hölle verdammenden Gott arbeite, ein Islamverständnis, das Fragen und Kritik verbiete, könne in die Radikalisierung führen. Das Buch schließt mit zehn eigenen Vorschlägen Mansours, die durchweg überzeugen. Etwa, dass die Präventionsarbeit primär von den Bildungseinrichtungen geleistet werden und daher das Phänomen der ideologischen Verführung und Radikalisierung von Jugendlichen in der Pädagogenausbildung zentral vorkommen müsse. Was mir inhaltlich fehlt, ist eine Beschreibung der deutschstämmigen islamistischen Konvertitenszene und ihrer Starprediger, wie Pierre Vogel und Sven Lau, der derzeit vor Gericht steht. Mansour hat fast ausschließlich die Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Blick.

Martin Bauschke

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