Frommer Held

Karl Mays Christentum
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Der Augsburger Fundamentaltheologe Peter Hofmann wirft in seiner gescheit geschriebenen Studie einen messerscharfen Blick auf den sächsischen "Mayster".

An Karl May scheiden sich die Geister. Die einen halten den Bestsellerautor, der Abenteuer in fremden Ländern erfand, für einen Vielschreiber mit schlechtem Stil, die anderen für einen fantasievollen Literaten mit hohen Ansprüchen. Noch kontroverser geht es zu, wenn er weltanschaulich relevant sein will. Auch wer Mays theologische Kompetenz nicht überstrapazieren will, kommt nicht umhin, den missionarischen Eros anzuerkennen, mit dem das fromme Helden-Ich seinen Lesern in den Ohren liegt. Das reicht von der gutgläubigen Predigt bis hin zu visionären Grenzerfahrungen im Roman Am Jenseits. Leidenschaftlich widerspricht May der Ansicht, alles sei bloß Zufall und nicht Gottes Wille. Zur Bekräftigung bemüht er einen naiven Tun-Ergehen-Zusammenhang, bei dem manch böse Romanfigur die verdiente Strafe ereilt. May hält an einer höheren Gerechtigkeit fest, weil der areligiöse Zeitgenosse die Stelle Gottes freigemacht hat und der Glaube an ein Fatum, das bestenfalls evolutionstheoretisch determiniert erscheint, nur zum Atheismus führt. Aber wo steht May mit seiner Religion wirklich?

Der Augsburger Fundamentaltheologe Peter Hofmann wirft in seiner gescheit geschriebenen Studie einen messerscharfen Blick auf den sächsischen „Mayster“, nach dessen Vorstellung sich der Mensch zum Edelmenschen emporschwingen soll, der seine gelebte Humanität als die wahre Religion der Nächstenliebe heiligt. Tiefschürfend durchpflügt Hofmann das Schaffen Mays von den frühen Kompilationen wie dem obskuren Buch der Liebe bis zu den späten Vorträgen und schärft die Sicht auf den Winnetou-Erfinder im Vergleich mit Goethes religiösen Denkeskapaden. May war kein Theologe, aber eben auch kein ungebildeter Tropf. Der Protestant, der für katholische Verlage schrieb, verstand sich auf ein überkonfessionelles, zeittypische Anschauungen aufsaugendes Individualchristentum, das zwischen Aufklärung, Panpsychismus, Mystizismus und Spiritismus changierte. Mays schillernde, auch widersprüchliche Persönlichkeit wird hier demaskiert, mit Wohlwollen zwar, aber gründlich. Hofmann legt die lebenslange Camouflage bloß, bis hin zur befremdlichen „Christus-Identifikation“, in die sich May wohl nicht zuletzt aus Selbstschutz vor seinen öffentlich auftretenden Gegnern hineinsteigerte. Dabei stellt gerade die Christologie einen wunden Punkt Mays dar. Jesus ist der gute Mensch von Nazareth und seiner soteriologischen Bedeutung weitgehend entkleidet. Von daher wird das Doppeldeutige des Buchtitels klar, der auf verstohlene Subtexte zielt. Vordergründig predigt May das Christentum, doch untergründig erscheint „sein Evangelium“ nicht ohne weiteres als die Frohbotschaft der Bibel, sondern eher als persönliche Heilsprophetie, die über die real existierenden Religionen hinausführen will. Gleichwohl bleibt dieses „Evangelium“ schwer zu fassen. Das liegt an May selbst, der Dichtung und Wahrheit vermischte und noch dazu sein Leben und Werk gern neu erfand. Platt gesagt, könnte man das Christentum auch als literarisches Element auffassen, das der Überlegenheit des Ich-Erzählers dienen sollte: Er ist eben in allem den anderen voraus, auch in seinem Glauben. So kann er wie etwa in der „Mahdi“-Trilogie rechthaberisch auf der Wahrheit der Bibel gegenüber dem Koran beharren.Die vorliegende Studie steht jedenfalls dafür ein, dass man es sich jenseits schöner Lesestunden mit Karl May nicht zu leicht machen sollte.

Roland Mörchen

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