Unerschöpflich

Über die Königin von Saba
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Die Erzählung von Salomo und der Königin von Saba verbindet die drei großen Weltreligionen.

Auf Litfaßsäulen kann man hin und wieder den Spruch lesen "Die Bibel ist ein Märchenbuch". Dieser abschätzig gemeinte kritische Satz spricht eine Wahrheit aus, die ihrem Urheber wahrscheinlich nicht bewusst ist. Die Bibel enthält in der Tat viele schöne Geschichten, die nicht historisch zu beweisen und doch von großer religiöser und kultureller Bedeutung sind. Zu ihnen gehört die Geschichte vom Besuch der Königin von Saba bei König Salomo in Jerusalem. Im zehnten vorchristlichen Jahrhundert soll dieser Besuch stattgefunden haben, der im ersten Buch der Könige, Kapitel 10, berichtet wird. Danach hört die Königin von Salomos Weisheit und kommt in die jüdische Hauptstadt, um ihn mit Rätselfragen zu prüfen.

Der emeritierte Dresdener Theologieprofessor Ulfrid Kleinert hält sich in seinem mit vielen farbigen Abbildungen und Fotos prachtvoll ausgestatteten Buch nicht lange mit historischen Verifikationsversuchen dieser legendenhaften Visite auf, sondern sagt gleich zu Beginn: "Eine historische Begegnung zwischen einer Königin von Saba und einem König Salomo hat es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben." Denn weder gab es in dem südarabischen Sabäerreich damals eine Königin noch war Salomo so reich und mächtig, wie ihn die Bibel schildert. Eine erfundene Begegnung also, die aber den Wünschen der sie Erzählenden entspricht. Eine zunächst mündliche, dann schriftlich fixierte Erzählung, in ihrer endgültigen Gestalt im Buch der Könige ist sie Teil des deuteronomistischen Geschichtswerks, das erst zwischen dem sechsten und vierten Jahrhundert vor Christus entstand. Diese Literatur gewordene Begegnung hat eine Fülle von kulturellen, religiösen und bildnerischen Wirkungen aus sich herausgesetzt, denen Kleinert minutiös nachgeht. Er verhält sich dabei selbst wie ein kluger und gebildeter Märchenerzähler, der die Lesenden an die Hand nimmt und sie umsichtig durch die vielfältige Wirkungsgeschichte dieses Textes führt. Nach Kleinert erzählt die Geschichte von der Begegnung zweier gleichberechtigter, gleich kluger und gleich reicher Herrscherpersönlichkeiten. Es ist vor allem die Begegnung von einem Mann und einer Frau, Kleinert berücksichtigt die Genderperspektive dieser Erzählung ständig und geht auch auf ihren erotischen Aspekt ein. Es ist weiter die Begegnung von zwei Völkern und schließlich auch die Begegnung zweier Religionen. Indem er andere biblische Traditionen, Urgeschichte, Jona-Novelle, Völkerwallfahrt, anführt, zeigt er, wie diese Geschichte in einer Zeit großer Horizonterweiterung Israels stattfindet.

Wichtig aber ist Kleinert, dass die Königin von Saba im Mittelpunkt der Erzählung steht, als eine fremde Frau, an der viel Rätselhaftes bleibt, vor allem auch die Rätsel, die sie Salomo stellt, welche er zwar alle lösen kann, die aber inhaltlich nicht benannt werden, so wenig wie die Geschenke, die sie von ihm erhält.

Erstaunlich genug stellt dann Jesus die Königin als Vorbild für seine Generation hin, weil sie neugierig von der Weisheit Salomo lernen wollte, "und hier ist mehr als Salomo"(Matthäus 11, 42). Auch scheint Matthäus 2 als Folie hinter dem Auftritt der Weisen aus dem Morgenland auf. So weit so gut. Doch dann im Hauptteil seines Buches, unter der Überschrift "Die Geschichte verzweigt sich. Die Erzählung in Darstellungen jüdischer, christlicher und islamischer Tradition", wird es manchmal recht kompliziert und allzu detailreich. Die Palette reicht von Josephus' Schilderung einer Begegnung der Königin von Ägypten mit Salomo über die Koransure 27, die die Bekehrung der Königin zum Islam durch Süleyman (=Salomo) mithilfe eines Wiedehopfs schildert, über ihre Wandlung zur Hexe und Adams Frau Lilith in jüdischen Auslegungen bis hin zur Saba-Königin als eine, die Kirche darstellende, Kathedralskulptur in Freiberg/Sachsen. Zu lernen ist daran, dass die religiöse Phantasie unerschöpflich ist und selbst im Islam wunderschöne Bilder von Salomo und der Königin schafft. Kleinert gelingt es aber, die Fülle des Materials durch die Erklärung großer Kunstwerke aufzulockern.

In seinem Fazit macht Kleinert deutlich, worum es ihm bei dieser genauen Recherche geht. Die Erzählung von Salomo und der Königin von Saba verbindet die drei großen Weltreligionen. Sie kennen und interpretieren die Begegnung der beiden. Trotz der sich dabei zeigenden männlichen religiösen Dominanz behauptet sich in allen drei monotheistischen Weltreligionen die Wahrnehmung der sagenhaften Königin als souverän handelnde Person.

Kleinert hofft, dass die legendenhafte Erzählung so zur gegenseitigen Wertschätzung der drei Weltreligionen beiträgt. Und wie schön wäre es, wenn die friedliche Begegnung dieser beiden Herrscher heute im Nahostkonflikt eine Neuauflage fände.

Ulfrid Kleinert: Das Rätsel der Königin von Saba. Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2015, 207 Seiten, Euro 29,95.

Hans-Jürgen Benedict

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Hans-Jürgen Benedict

Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich  der Literaturtheologie.


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