Weg ins Freie

Mit ausländischer Nachhilfe bekannte sich die EKD 1945 zu deutscher Schuld
In der unzerstörten Stuttgarter Markuskirche feierten Vertreter der Ökumene und der ekd am 17. Oktober 1945 einen Abendgottesdienst, bei dem Martin Niemöller predigte. Foto: dpa/ Florian Monheim
In der unzerstörten Stuttgarter Markuskirche feierten Vertreter der Ökumene und der ekd am 17. Oktober 1945 einen Abendgottesdienst, bei dem Martin Niemöller predigte. Foto: dpa/ Florian Monheim
Am 18. und 19. Oktober vor siebzig Jahren verabschiedeten Vertreter der Bekennenden Kirche die "Stuttgarter Schulderklärung". Wie es dazu kam und welche Folgen das Bekenntnis hatte, schildert der Kirchenhistoriker Gerhard Besier.

Als das Deutsche Reich am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierte, hinterließ die totalitäre Hitlerherrschaft ein komplett zerstörtes Land. In dieser ausweglos erscheinenden Situation meinten einige Geistliche, jetzt sei "die Stunde der Kirche" gekommen, sie stünde nunmehr vor "großen Aufgaben". Aber welche Kirche? Von der "Deutschen Evangelischen Kirche" (DEK), unterwandert von nazifreundlichen Pfarrern und Juristen, waren nur noch Reste übriggeblieben. Viele Landeskirchen galten als "zerstört", weil sie von den Deutschen Christen (DC) umgestaltet worden waren - also jenen, die gemeint hatten, der Nationalsozialismus könne das Christentum erneuern und ihm frische Impulse geben.

Aber auch die Gegenspieler der DC, die sich 1934 in der Bekennenden Kirche (BK) formiert hatten, waren im Frühjahr 1945 tief zerstritten und vielfach marginalisiert. Der eine Flügel, die "bruderrätliche" BK, war in den Auseinandersetzungen mit dem Regime und den DC am Ende des Krieges so geschwächt, dass kaum noch etwas von ihr zu hören und zu spüren war. Überdies hatte sie große Teile ihres Einflussbereiches, die östlichen Teile der unierten altpreußischen Landeskirche, verloren. Und Mitteldeutschland war von der Sowjetarmee besetzt. Der andere Flügel der Bekennenden Kirche, die "intakten" Landeskirchen Bayern, Württemberg und Hannover, sowie einige lutherische Bruderräte, hatten sich 1936 im "Lutherrat" zusammengeschlossen - mit dem Ziel, eine Lutherische Kirche Deutschlands zu bilden.

Die beiden Flügel der BK trennte vor allem ihr unterschiedliches Bekenntnis- und Kirchenverständnis. Daneben gab es noch den 1941 begonnenen Versuch des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm, die beiden zerstrittenen Flügel in einem "Einigungswerk" zusammenzuführen.

Aber ungeachtet des desolaten Zustandes der evangelischen Landeskirchen waren die westlichen Besatzungsmächte daran interessiert, sie zu stärken und zu einem Resozialisierungsinstrument für die Bevölkerung zu machen. In ihren Augen gehörten Entnazifizierung, Demokratisierung und Rechristianisierung unauflöslich zusammen. Ohne die tatkräftige Mitarbeit der Amerikaner und Briten wäre darum die erste Zusammenkunft von Vertretern der zerstrittenen Kirchenflügel, das Ende August 1945 im nordhessischen Treysa stattfand, kaum zustande gekommen. Mit diesem Treffen war der Grundstein für die Wiedererrichtung einer evangelischen Kirche in Deutschland gelegt.

Allerdings mussten die ausländischen Beobachter und Ratgeber auch feststellen, dass die kirchenleitenden Persönlichkeiten in Treysa keinerlei Anzeichen von Reue zeigten - weder über den von den Deutschen begonnenen Krieg, noch im Blick auf die Grausamkeiten, die in den überfallenen Ländern begangen worden waren. Es könne leider nicht gesagt werden, so fasste ein Beobachter am Ende der Treysarer Konferenz seine Eindrücke zusammen, dass die Haltung der Bekennenden Kirche, bezogen auf ihre politische Verantwortlichkeit, zufriedenstellend sei und oder gar klar.

Erbetene Einladung

Die Religionsabteilungen der westlichen Besatzungsmächte arbeiteten eng mit dem sich ebenfalls formierenden Weltkirchenrat (ÖRK) in Genf zusammen, dem hier eine Schlüsselrolle zukommt. Nicht nur dessen Generalsekretär, der niederländisch-reformierte Pfarrer Willem A. Visser't Hooft, sondern auch sein späterer Präsident und Vorsitzender des Zentralausschusses, der anglikanische Bischof von Chichester, George Bell, hatten während des "Dritten Reiches" enge Kontakte zur deutschen evangelischen Kirche gehalten - zunächst durch persönliche Besuche und dann über Kuriere und Begegnungen im Ausland.

Bell hatte Erhebliches zur Rettung von Verfolgten des NS-Regimes beigetragen, vielen zu einer neuen Existenz verholfen und weltweite Kampagnen gestartet - etwa, um auf den Fall des ins KZ verschleppten und mit dem Tod bedrohten Berliner Pfarrers Martin Nie-möller aufmerksam zu machen. Schließlich hatte Bell im britischen Oberhaus gegen die Flächenbombardements deutscher Städte durch die britische Luftwaffe protestiert.

Mit diesen Aktionen zugunsten einer differenzierten Betrachtung der Deutschen hatte sich der Bischof im Vereinigten Königreich nicht nur Freunde gemacht. In enger Absprache mit dem Generalsekretär des Weltkirchenrates Visser't Hooft, mit dem er beinahe täglich Briefe wechselte, machte sich Bell nun daran, die deutsche Kirche wieder in die ökumenische Gemeinschaft zu integrieren und für das verwüstete Land materielle Hilfe zu organisieren. Aber angesichts des Leides, das die Deutschen über die Welt gebracht hatten, schien es beiden Männern unerlässlich, dass sich die Kirchen zu ihrem Tun und Lassen während des "Dritten Reiches" erklärten. Bereits eine Woche vor Beginn der Kirchenführerkonferenz in Treysa hatte Visser't Hooft in einem Brief an den Berliner Bischof Otto Dibelius geschrieben, der Weltkirchenrat wolle alles tun, um wieder freundschaftliche Beziehungen zu den deutschen Kirchen aufzunehmen. Es gebe aber noch "gewichtige innere Schwierigkeiten zu überwinden, besonders bei den Kirchen, die so tief gelitten haben unter der deutschen Besatzung". Vieles werde leichter, wenn die "Bekennende Kirche Deutschlands sehr offen spricht - nicht nur über die Missetat der Nazis, sondern auch besonders über die Unterlassungssünden des deutschen Volkes, einschließlich der Kirche". Überdies seien eine Reihe kirchenleitender Persönlichkeiten wegen ihres Verhaltens während der NS-Herrschaft "untragbar" geworden. Die Besatzungsbehörden wollten diese "Säuberung" zunächst den Kirchen selbst überlassen, erwarteten aber endlich deren Handeln.

Der zweite Adressat für solche Appelle war der am Kriegsende aus der Haft befreite Pfarrer Niemöller. Ende September 1945 schrieb ihm der Basler Theologe Karl Barth, selbst ein Betroffener der NS-Kirchenpolitik und Teilnehmer an der Konferenz in Treysa, er wünsche sich ein klares und eindeutiges Wort, in dem das deutsche Volk seinen Irrweg und die Konsequenzen, die das für ganz Europa bedeuteten, zur Sprache bringe sowie die Mitverantwortung der evangelischen Kirche in Deutschland an diesem Irrtum.

Schließlich schrieb an Niemöller auch Adolf Freudenberg, ein deutscher Emigrant, der in der Genfer Zentrale des Weltkirchenrates das Sekretariat für "nichtarische" Flüchtlinge leitete. In dem ausführlichen Brief war auch von der Schuld der Anderen die Rede und davon, dass es der Ökumene sehr viel leichter falle, auf die Siegermächte positiv einzuwirken, wenn ein "klares Wort" seitens der deutschen Kirche gesprochen würde. Schließlich berichtete Freudenberg von den Anstrengungen, den Notleidenden und Kindern in Deutschland materiell zu helfen. Und er schließt: "Auch diese Arbeit bedarf von Eurer Seite der Ermutigung." Die Einladung an die ökumenische Delegation, zur ersten ordentlichen Sitzung des Rates der EKD Mitte Oktober 1945 zu kommen, erfolgte nicht spontan. Vielmehr wurde sie von Visser't Hooft in einem Schreiben an Martin Niemöller direkt erbeten. Neben Niemöller konnte sich die Ökumene vor allem auf einen weiteren deutschen Theologen stützen, den Lutheraner Hans Asmussen.

Während des "Dritten Reiches" hatte er maßgeblich an der Ausarbeitung zahlreicher Erklärungen und Synodenbeschlüsse mitgewirkt, nicht zuletzt an der Barmer Theologischen Erklärung vom Mai 1934. Nach einigen Jahren als Lehrer an der Kirchlichen Hochschule in Berlin hatte er Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet erhalten und musste mehrere Gefängnisstrafen verbüßen. Bereits im Dezember 1942 hatte Asmussen in einem Brief an Visser't Hooft gegenüber den Brüdern aus der Ökumene das Bewusstsein deutscher Schuld angesprochen. Abgesehen von Dietrich Bonhoeffer war er der einzige, der sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zur Schuldfrage geäußert hatte. Anfang und Mitte Juni 1945 schickte er dann George Bell und dem Erzbischof von Canterbury, Geoffrey Fisher, eine Predigt und einen Brief. In beiden Schriftstücken lässt er keinen Zweifel an der Schuld des deutschen Volkes und der deutschen Kirche.

Zweifellos waren diese Stimmen in der Minderheit. Eher sprach wohl Paul Althaus, der lutherische Theologieprofessor aus Erlangen, für die große Mehrheit der Deutschen, als er sagte, natürlich müsse auch von der deutschen Schuld gesprochen werden. "Aber das kann nicht das letzte, das ganze Wort sein. Nach der "Wende" sei "neues Unrecht geschehen von der anderen Seite".

Die Deutschen fürchteten ein "Super-Versailles", also eine moralische Totalverurteilung und die gezielte Dezimierung des Volkes durch Seuchen, Kälte und Hunger. Mit einem öffentlich gesprochenen Schuldbekenntnis, so meinten Kritiker, liefere man das deutsche Volk vollends der Willkür der Siegermächte aus. Aber mit welchen Konsequenzen musste man rechnen, wenn man ein Schuldbekenntnis verweigerte? Wie unabdingbar notwendig ein solches Wort war, hatte man Ende August 1945 erlebt. Gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen hatte die römisch-katholische Kirche auf der ersten Fuldaer Bischofskonferenz britischem Druck nachgegeben und in ihrem Memorandum an den Alliierten Kontrollrat "eine klare Aussage über die deutsche Schuld" aufgenommen, wie der zuständige Offizier zufrieden notierte.

Empörte Reaktionen

Die ökumenische Delegation, die zur Sitzung des EKD-Rates nach Stuttgart fuhr, bestand neben ÖRK-Generalsekretär Visser't Hooft und Bischof Bell aus fünf weiteren Persönlichkeiten aus der Schweiz, den USA, den Niederlanden und Frankreich. Ohne die besondere Unterstützung der Besatzungsmächte, die Einreisegenehmigungen und Transportmittel zur Verfügung gestellt hatten, wäre die aufwändige Reise nach Stuttgart kaum möglich gewesen. Im Gepäck hatte man einen 15-Punkte-Entwurf, der auch den Reden der Gäste aus der Ökumene zugrunde lag. Württembergs Landesbischof Wurm hatte nicht mit einer so großen Zahl gerechnet. Überhaupt schien die deutsche Seite weniger gut vorbereitet zu sein als die ökumenischen Gäste. Einige der deutschen Akteure erwarteten eine wechselseitige oder gemeinsame Schulderklärung.

Nach verschiedenen Vorgesprächen und Empfängen begann am 18. Oktober nachmittags die eigentliche Zusammenkunft der Repräsentanten der EKD und der der Ökumene. Visser't Hooft fasste noch einmal das Anliegen der Gäste so zusammen: "Helft uns, damit wir euch helfen können. Das ist die Absicht unseres Gesprächs."

Nach persönlichen Schuldbekenntnissen von Asmussen, Niemöller und dem reformierten Theologen Wilhelm Niesel bedankten sich die Gäste bewegt und erklärten, eine solche Erklärung schriftlich und von allen unterzeichnet mit nach Hause nehmen zu wollen. Daraufhin zogen sich die Deutschen zurück und diskutierten über den Wortlaut. Berlins Bischof Dibelius legte einen Entwurf vor, der sich weitgehend an Visser't Hooft's 15-Punkte-Programm hielt. Aus Asmussens Entwurf wurde auf Betreiben Niemöllers der Satz über das "unendliche Leid" übernommen, das Deutschland "über viele Völker und Länder gebracht" habe. Hanns Lilje, Oberlandeskirchenrat der hannoverschen Landeskirche und deren zukünftiger Landesbischof, bestand im Schlussabsatz auf dem Passus über den "Geist der Macht und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will".

Bevor er am Morgen des 19. Oktober den ökumenischen Gästen die schriftliche, von allen unterzeichnete Erklärung überreichte, mahnte Asmussen die Empfänger, sie möchten das Ihre tun, "dass diese Erklärung nicht politisch missbraucht" werde. Mit großer Dankbarkeit nahmen die Gäste aus der Ökumene die Erklärung entgegen.

Manch einer der Deutschen hatte gehofft oder gar erwartet, dass die Delegation nun ihrerseits ein Schuldbekenntnis ablegen werde. Aber zunächst geschah nichts dergleichen. Und auch die unrealistische Erwartung auf deutscher Seite, die Stuttgarter Schulderklärung werde ein internes Papier bleiben, erfüllte sich nicht. Vielmehr erhob sich in der deutschen Presse ein Sturm der Entrüstung. Einige der Beteiligten wollte ihm so beikommen, dass er beschwichtigende und abschwächende Interpretationen der Erklärung vornahm.

Obwohl das Zustandekommen der Stuttgarter Schulderklärung als mühsam bezeichnet werden kann und zu vielfältigen Kontroversen auch unter den Unterzeichnern führte, erwies sich das Dokument letztlich als theologisch sachgemäß und ein Weg ins Freie. Die Stuttgarter Erklärung ermöglichte die Versöhnung mit den Schwesterkirchen und eröffnete den Deutschen einen Neuanfang.

Zum vollständigen Text der Schulderklärung

Gehard Besier

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