Das Glas ist halbvoll

Die Klimakonferenz in Paris könnte ein Erfolg werden
Niemand will ein zweites Kopenhagen, denn dann würde der gesamte UN-Klimaschutzprozess von niemandem mehr ernst genommen.

"Optimisten aller Länder, vereinigt Euch!" - und schaut - auch und gerade nach den Terrorangriffen - nach Paris, wo mal wieder die Delegierten der Vereinten Nationen zusammenkommen, um ein neues Klimaschutzabkommen zu verabschieden. Zugegeben, die UN-Klimadiplomatie gab bislang nicht immer Anlass zum Optimismus, zu oft kreißten die riesigen Konferenzen tagelang und brachten am Ende nur ein mausekleines Ergebnis. Und manchmal sorgten sie für echt depressive Verstimmung, wie 2009 in Kopenhagen, als schon einmal das Nachfolgeabkommen zum auslaufenden Kyoto-Protokoll beschlossen werden sollte. Das ging gründlich daneben.

Warum soll das diesmal anders werden? Der wohl wichtigste Grund: Niemand will ein zweites Kopenhagen, denn dann würde der gesamte UN-Klimaschutzprozess von niemandem mehr ernst genommen. Dabei geht es ja um viel, um Trinkwasser für Megastädte wie Lima, um fruchtbare Böden, die zu Wüsten werden könnten, um Wirbelstürme, die immer öfter und mit immer stärkerer Wucht die Küsten heimsuchen, um Hochwasser, um Hitzewellen, um steigende Meeresspiegel ... und natürlich auch um die Völkerwanderungen, die einsetzen, wenn sich die klimatischen Umstände so dramatisch verändern. Das, was wir gerade in Europa "Flüchtlingskrise" nennen, ist da nur ein Vorgeschmack.

Es ist in der Tat sehr wahrscheinlich, dass am Ende in Paris ein halbwegs belastbares Klimaschutzabkommen unterzeichnet wird. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem dieser Kommentar geschrieben wurde, hatten 146 Staaten beim UN-Klimasekretariat ihre CO2-Reduktionsziele hinterlegt. Darunter auch China und die USA, die bislang eher gemauert hatten. Diese Zusagen werden wohl nicht völkerrechtlich verbindlich sein, dann würden die USA nicht mitmachen. Aber es ist wichtiger, dass die großen Emittenten diesmal überhaupt mit an Bord sind. Zumal völkerrechtliche Bindung Staaten nicht daran hindert, ihre Verpflichtungen nicht einzuhalten. Das hat der Austritt Kanadas beim Kyoto-Vertrag gezeigt.

Zugegeben: Die bisher vorgelegten Reduktionsabsichten reichen nicht, um das so genannte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, bis zu dem der Klimawandel noch als halbwegs beherrschbar gilt. Aber man kann das Glas eben auch als halbvoll betrachten und auf einen weiteren großen Schluck aus der Pulle hoffen, der sich aus der Dynamik der Sache ergibt. Wer nämlich ernst macht, mit dem Klimaschutz, wird schnell merken, dass sich damit Geld sparen und Geld verdienen lässt - die Entwicklung der Öko-Strombranche in Deutschland kann da als Beispiel dienen.

Hinzu kommt: Der Klimaschutz ist längst nicht mehr nur Thema bei der UN: Unternehmen, Kommunen, zivilgesellschaftliche Gruppen engagieren sich, nicht zuletzt auch die Religionen der Welt in einem stärkeren Maße als noch zu Beginn des Jahrtausends. Auch die Kirchen machen ernst, sei es der Weltkirchenrat, sei es der Papst mit seiner jüngsten Umweltenzyklika, sei es mit ganz konkreten Klimaschutzplänen in den deutschen Landeskirchen. Diese Dynamik ist kaum aufzuhalten, und sie wird sich verstärken, möglicherweise auch ohne die UN-Diplomaten. Aber ein belastbares Abkommen in Paris würde diese Entwicklung noch unterstützen. Und die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Stephan Kosch

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