Zöpfe / Schwänze

Tied to the Moon
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Suchend, verlassen, verloren, verwirrt, selber verlassend, gefunden, aber immer ganz bei sich.

Verkappt und desillusioniert lüstern leben drei alternde Künstler, ein Bildhauer, ein Komponist und ein Schriftsteller, alle schon mit junger Sechs als Jahrzehnt, in einem Haus zusammen und schlagen sich so durch. Der Besuch einer adretten Zeitungskorrespondentin enthüllt dann erst, wo hinaus der Titel "Schwänze" von Arno Schmidts ländlicher Erzählung wirklich will. Schlüpfriges, wie es Anfang der Sechzigerjahre wohl vermutet wurde, zumal Schmidt diesen Ruf genoss, ist es nicht. Doch spielt er natürlich damit, nasführt derlei Erwartungen aber und lockt auf ein ganz anderes Terrain. Das Erwartbare vorzutäuschen und so andre Ziele zu finden, ist auch der Ansatz von Rachel Sermannis zweitem Album "Tied to the Moon", das vom Frausein handelt. Die 23-jährige Singer-/Songwriterin aus Schottland schiebt die Kuh aber von der anderen Seite her aufs Eis. Der gängige, mehr oder minder esoterische Frau-Mond-Bezug spielt nämlich keine Rolle, vielmehr dekliniert sie die Stadien der Weiblichkeit, vom Mädchen zur Frau, zur Liebhaberin.

Suchend, verlassen, verloren, verwirrt, selber verlassend, gefunden, aber immer ganz bei sich. Sermanni nimmt dazu oft eine umgekehrte Coming-of Age-Perspektive ein, blickt also quasi vom Ende her auf das Werden. Das tut sie in zehn lyrikstarken Songs erfrischend abgeklärt und larmoyanzfrei. Sie schafft jeweils Story-Szenarien, in denen Selbstbeobachtung, Reflexion und Gefühl allen nötigen Raum bekommen, anstatt in Mondfrau-Klischees herumzudümpeln. Ähnlich facettenreich und überzeugend sind die Formen der Songs. Wenn Sermanni im opaken Midtempo-Opener "Run" die Refrain-Zeile "I'm on my way down" singt, meint man melancholisches "Psychedelic Paisley-Rock"-Gefilde zu betreten - die Instrumentierung mit Bass, Cello, Klavier, Orgel, Geige, Backgroundgesang und Gitarre zwischen Banjo-Stimmung, Folkpicking und Distortion liefert alles Zeug dazu. Klassische Folk- und Folkrocksongs, introspektive und einfühlsame Kunst- und Wiegenlieder, Kirmeswalzer und ein intensives Klavierkanon-Wogen ("This Love") hat sie daneben im Repertoire.

"Banks are broken" ist mit Pedalsteel, präparierter Orgel und einem Mann im Duett als Country-Ballade inszeniert. Rachel Sermanni hat großes Potenzial und schöpft es aus. Jeder Song fesselt. Sie schneidet auf "Tied to the Moon" die Zöpfe der Kindheit ab, im treibenden "Tractor"-Song explizit auch "Heroes", fächert sie zu spannenden Szenarien und knüpft Stricke, die das Kontinuum des Erlebens ertasten, also das Ich ausloten.

Ob blitzgescheit, nachdenklich, traurig, weise, verschattet, zerbrechlich, taff oder auch strahlend fröhlich, Rachel Sermanni hört sich toll an - und sie hat etwas zu erzählen.

Rachel Sermanni: Tied to the Moon. Middle of Nowhere Recordings/Membran 2015.

Udo Feist

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