Mysterium und Verstehen

Protestanten müssen die Spannung zwischen Ritus und Rede aushalten
Neue Symbole: Eltern haben für die Konfirmanden Kerzen gestaltet. Foto: epd/ Rainer Oettel
Neue Symbole: Eltern haben für die Konfirmanden Kerzen gestaltet. Foto: epd/ Rainer Oettel
Worte und Symbole sind keine Gegensätze, betont Michael Meyer-Blanck, der an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn Praktische Theologie lehrt. Er warnt vor einer Inflation von Symbolen in evangelischen Gottesdiensten und der Reduktion des Wortes auf Information.

Der evangelische Gottesdienst wird katholischer und der katholische evangelischer: Dieses Urteil gaben Experten schon vor zwanzig Jahren ab. Kerzen, Pfarrerstolas in den Farben des Kirchenjahres, liturgische Gesänge, häufigere Abendmahlsfeiern, bisweilen auch Tanz und Pantomime und individuell ausgestaltete Kasualien haben den predigtlastigen evangelischen Gottesdienst verändert. Symbole sind beliebt, und es vergeht kaum ein Familien- oder Schulgottesdienst, bei dem man nicht mit einem neudeutsch giveaway genannten Symbol wie Stein, Band, Blume oder Herz nach Hause geht. Umgekehrt haben die Katholiken in den vergangenen fünfzig Jahren Wort und Predigt entdeckt, so dass die Messe längst mehr als ein Ritus ist. Der Tisch des Wortes Gottes soll reicher gedeckt werden, lautet das Prinzip seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Es ist eine positive Entwicklung, dass sich Einseitigkeiten, die mit theologischen Prinzipien oder schlichten Gewohnheiten begründet wurden, zugunsten dessen abschwächen, was Menschen im Gottesdienst guttut. Und das trifft sicher auf beides zu: Klare Worte, die man versteht und die einen anrühren, tun gut, aber ebenso Zeichenhandlungen, die sich durch Sinnlichkeit und Einfachheit einprägen. Empfänglich für gute Worte und starke Zeichen ist man ja auch im Alltag: Ein aufmunternder Blick und ein Händedruck, wo die Worte fehlen, eine Rose zur rechten Zeit, können Wunder wirken, das Herz erwärmen, Menschen aufrichten.

Mit dem Symbol verhält es sich wie mit dem, was der Heilige Augustinus über die Zeit gesagt hat: Jeder weiß eigentlich, was sie ist, aber soll man sie definieren, weiß man es nicht mehr. Symbole sind mehr als Worte - sagt man. Aber auch Worte können symbolische Bedeutung haben. Man denke nur an das "Amen", das die Gemeinde im Gottesdienst spricht und das anzeigt, wie und ob die Liturgie in dieser Gemeinschaft funktioniert. Symbole weisen über sich selbst hinaus, während Worte eindeutig sind - heißt es. Aber Worte haben auch eine poetische Funktion. Man denke nur an das "Dreimalheilig" vor dem Abendmahl. Es erinnert an Gertrude Steins poetische Zeile "eine Rose ist eine Rose ist eine Rose".

Symbole sind nicht bestimmte Gegenstände, sondern bestimmte Handlungs- und Verstehensweisen, Kommunikationsformen. Symbolische Worte und symbolische Zeichen sollen nicht informieren und instruieren, sondern berühren und bewegen, indem sie zeigen. Die liturgische Sprache verweist auf nichts anderes als auf sich selbst, auf das Sprechen, das als Sprechen vor Gott und mit Gott gedeutet wird und so diese Welt als eine andere erscheinen lässt. Insofern ist auch das liturgische Wort symbolisch. Das gilt für alle gottesdienstlichen Elemente einschließlich der Abkündigungen. Auch die Predigt ist ein Symbol. Das zeigt schon der sie umgebende Ritus, Kanzelgruß, Kanzelgebet und Kanzelsegen, das Besteigen und Verlassen dieses prominenten Ortes einer Kirche.

Die liturgischen Sprechakte versetzen in eine andere Sinnwelt, wenn sie mit Bedacht gebraucht werden. An den Grußformeln lässt sich das gut sehen und erst recht am aaronitischen Segen: "Der Herr segne Dich und behüte Dich...". Der Segen ist weder Bitte noch Zuspruch, sondern beides - und das in einer von beidem verschiedenen Form.

Worte und Zeichen deuten auf Gott. Das macht die symbolische Funktion der Liturgie aus. Insofern kommt es weniger auf das Verhältnis von Wort und Symbol an als darauf, dass Worte und Zeichen symbolisch gebraucht werden und nicht als Informationen. Wenn der Liturg die Symbole erklärt, "wir gießen jetzt das Wasser ein und das bedeutet, dass...", misstraut er der symbolischen Funktion und zerstört sie. Das nennt man einen "performativen Selbstwiderspruch": Man schenkt seiner Geliebten eine Rose und checkt dabei auf dem Display des Smartphones, welche Mails eingegangen sind.

Protestantischer Irrtum

Auf den Umgang mit den Sachen kommt es an. Wenn es gut geht, kann man bei der Verwendung von Symbolen lernen, was symbolische Kommunikation ist. Die mit Sorgfalt erhobene Hostie lässt spüren, dass jetzt etwas Einzigartiges geschieht. Die aufgelegte Hand bei der Taufe macht herzliche Zuwendung und das Vertrauen in die Kraft des sakramentalen Handelns erfahrbar. Blick und Gestik können beim aaronitischen Segen zeigen, dass der Liturg bei jedem Einzelnen sein und Gottes Nähe vermitteln möchte. Dabei gibt es nichts zu erläutern. Und wer das macht, missachtet seine liturgische Rolle. Erklärungen sind im Vor- und Nachgespräch und im Unterricht sinnvoll, aber nicht im Vollzug.

Aus dieser Beschreibung ergibt sich die Konsequenz: Nicht auf die Symbole kommt es an, sondern auf die symbolische Qualität des Handelns. Ein typisch protestantischer Irrtum besteht in der Ansicht, je mehr Symbole man verwende, desto symbolischer würde der Gottesdienst. Dabei hebt Symbolinflation die Wirkung auf. Und eine Symbolüberschätzung kann zu kommunikativer Ermüdung führen. Auf dem Holzweg ist, wer meint, dass Kerzen, Bäume, Blätter, Herzen, Steine, Netze und Koffer das liturgische Geschehen garantieren. Das Symbolische liegt nicht in den Gegenständen, sondern in der spürbaren Erwartung, dass das Unzeigbare gezeigt wird und sich zugleich verbirgt, so dass es neu erwartet und ersehnt werden muss. Die gottesdienstliche Kunst besteht in der Mitteilung und Darstellung des nicht Darstellbaren und gerade so Gegenwärtigen. Das liturgische Mysterium - in der Regel leider nur eine katholische Kategorie - ergibt sich allein aus solchen Spannungsmomenten und nicht aus lehrmäßig richtigen Predigen oder kurzschlüssig sakralisierten Gegenständen.

Der evangelische Gottesdienst hat mit seiner Musik einen reichen Schatz symbolischer Handlungsformen. Dabei wird deutlich, dass nicht nur das lebensweltlich Vertraute zu einer symbolischen Erfahrung werden kann, sondern auch das Fremde. Johann Sebastian Bachs Melodie zu Paul Gerhardts Choral "Ich steh' an deiner Krippen hier", das Tauflied "Ich bin getauft auf deinen Namen" oder der heute leider kaum mehr gesungene Abendmahlschoral "Schmücke dich, o liebe Seele", erst recht verbunden mit dem Bach'schen Orgelchoral, diese Melodien können eine liturgische Atmosphäre schaffen, in der unsere Welt als eine andere in Erscheinung tritt. Über Bachs Orgelchoral schrieb Robert Schumann in romantischem Überschwang an Felix Mendelssohn-Bartholdy: "Um den Cantus firmus hingen vergoldete Blättergewinde, und eine Seligkeit war darein gegossen, dass du mir selbst gestandest: 'wenn das Leben dir Hoffnung und Glauben genommen, so würde dieser einzige Choral dir Alles von Neuem bringen'."

Wenn in der Tradition der lutherischen Reformation das Prinzip "allein (durch) das Wort" gilt, dann bezieht sich das nicht auf Sprechen und Zuhören, sondern auf das Vernehmen Gottes. Nicht allein das Reden macht das gottesdienstliche Geschehen aus, sondern das Hören dessen, der nicht sichtbar ist. Das Wort ist keine primär linguistische Kategorie, sondern eine religiöse, eine Metapher für den Glauben. Der Glaube liegt nicht in den Formulierungen der Bibel. Das wäre eine fundamentalistisch zu nennende "Verbalinspiration". Der Glaube liegt aber auch nicht in den Subjekten. Das wäre das, was die Reformatoren "Spiritualismus" nannten, eine gefährliche fromme Einbildung.

Der Glaube kommt aus der Beschäftigung mit dem Wort, dem Lesen, Predigen und Nachdenken und aus dem Hören. Der Glaube kann nicht garantiert werden. Er stellt sich jeweils neu ein. Das Wort wird dann laut, wenn, so Martin Luther, "unser lieber Herr selbst mit uns redet und wir wiederum mit ihm reden in Gebet und Lobgesang". Dabei spielt die Bibel selbstverständlich eine hervorragende Rolle. Anhand der Beschäftigung mit ihrem Wort kommen Gottesdienstbesucher zum Wort im religiös gefüllten, metaphorischen Sinne, zum Hören Gottes.

Dabei verhält es sich ähnlich wie mit den Symbolen. Es kommt nicht auf viele und gute Symbole an, sondern auf den symbolischen Modus des liturgischen Verhaltens. Es kommt nicht auf viele Worte an, sondern auf den metaphorischen Modus des Vernehmens Gottes. Stark sei das Gebet, aber nicht wortreich im quantitativen Sinne. Das Plappern ist - warnt Jesus in der Bergpredigt - der verzweifelte Modus derer, die nichts von der Erhörung des Gebets wissen und annehmen, dass viel Reden viel hilft. Noch etwas haben Wort und Symbol gemeinsam: Es handelt sich um Medien, um etwas Drittes, das zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mensch tritt. Direkt kann der Mensch Gott nicht gegenübertreten. Denn das hielte er nicht aus. Aber auch das Einvernehmen von Herz zu Herz ist nur wenigen Lebensmomenten vorbehalten. Worte und Zeichen schaffen darum Distanz und Nähe zugleich. Sie stellen dar und lassen offen, ohne belanglos zu sein. So geben sie dem Glauben Raum zur Entwicklung. Darum braucht der Gottesdienst beides: Worte und Zeichen im symbolischen Modus.

Rhetorischer Akt

Die Gefahr des evangelischen Gottesdienstes ist das informationstheoretische Missverständnis des Wortes. Dann erliegt man dem Irrtum, man müsse alles erklären und verstehen und darin vollziehe sich das eigentlich Liturgische. Die wahre Liturgie aber wird im Spannungsfeld von Mysterium und Verstehen gefeiert. Dieses ist im evangelischen Gottesdienst durch die Hochschätzung der Predigt institutionalisiert. Wichtig ist dabei, dass Worte und Zeichen - Stimme, Gestik, Mimik und Blick - in der Predigt anders funktionieren als sonst in der Liturgie. In der Predigt soll eine einzelne Person exemplarisch subjektiv zu anderen reden, sie überzeugen, gewinnen, berühren und zum Handeln ermutigen. Die Predigt ist ein rhetorischer Akt. Wer das bestreitet, kann nur scheitern. Denn die Predigt ist nicht Ritus, sondern Volksrede. Sie unterbricht damit den Ritus im Kontext des Ritus. Sie bringt ihn dadurch zum Verstehen, dass sie seine Handlungsformen unterbricht. Ja, die Regeln des Ritus werden dadurch unterstrichen, dass sie außer Kraft gesetzt werden.

Das evangelische Zusammenspiel funktioniert dann am besten, wenn die rituelle und die rhetorische Form des Wortes unterschieden werden. In der Predigt soll man sich nicht hinter frommen Formeln verstecken, sondern das aktuelle persönlich verantwortete Reden aus dem Glauben wagen. Die Predigt soll auch nicht zu kurz sein, sondern sich die Zeit nehmen, die zum Verstehen nötig ist. Wer etwas zu sagen hat, soll keine Angst vor der Dauer der rhetorischen Einsamkeit haben. Im Ritus aber soll man nicht schwatzend herumpredigen, sondern sich den wenigen alten Formeln überlassen und zeigen, dass man ihnen glaubt - wie gebrochen auch immer. Im Zweifelsfalle sind hier weniger Worte mehr. Das Tagesgebet sei keine intelligente Situationsanalyse und die Fürbitte keine zweite Predigt in der Form des frommen Maßnahmenkataloges. Kurz: Der Ritus sei Ritus, und die Rede bleibe Rede.

Der evangelische Gottesdienst wird katholischer und umgekehrt der katholische evangelischer. Das ist gut so, weil die Qualität des öffentlichen Betens der Christenheit wichtiger ist als die konfessionelle Abgrenzung. Dazu gehört aber auch die Bemühung, dass der evangelische Gottesdienst seine spezifische Spannung von Wort und Symbol, von Ritus und Rede behält - dass er also evangelisch bleibt.

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Michael Meyer-Blanck

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