Kundig, virtuos, liebevoll

Das Freiburger Barockorchester und der Sonnenkönig
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Ob der Sonnenkönig diesem Konzert im Himmel lauschen durfte? Zu wünschen wäre es ihm...

Was ist der Himmel auf Erden? Wenn Hille Perl aus dem Nichts ihr Präludium zu "Les folies D'espagne" von Marin Marais ansetzt! Eine Stecknagel hätte man in den Weiten des Kammermusiksaales der Berliner Philharmonie fallen hören können, als die Weltklasse-Gambistin teils allein, teils im Duett, Trio oder Quartett mit den sie begleitenden Continuospielern am Cembalo, am Cello und an der Barockgitarre zur Tat schritt. Atemberaubend. Noch bei der Suite "Les plaisirs de l'ile enchantée" - zu Deutsch: "Die Freuden der Zauberinsel" - von Jean-Baptiste Lully (1632-1687), mit der das Freiburger Barockorchester das erste Saisonkonzert 2015/2016 seiner Berliner Reihe eröffnete, hatten es einige Zuhörer zumindest in den Pausen zwischen den Sätzen gewagt, den ersten regnerischen Herbsttagen mit krampfartigen Hustenanfällen Tribut zu zollen.

Doch spätestens nach dem eleganten Ritt von Solistin Hille Perl durch die Variationen des berühmten "La-Follia"-Themas in der Lesart von Marin Marais (1656-1728) setzte sich konzentrierte Begeisterung für den Rest des Abends durch. Mehr und mehr geriet das Publikum in den Bann eines Programms, bei dem man vorher befürchtet hatte: "Oh Gott, es könnte ein wenig eintönig werden!" Denn mutig ist es schon, einen ganzen Abend nur mit französischer Barockmusik um 1700 anzubieten. Das kann ermüden - muss aber nicht, wie das Orchester und sein vom Pult leitender Konzertmeister Gottfried von der Goltz mit einer hochkonzentrierten und dennoch spielerisch-leichten Darbietung bewiesen. In diesem Konzert unter der Überschrift "Grand concert pour Louis XIV." bündelte das Barockorchester, das 1987 befreundete Musikstudenten gründeten, seine Qualitäten wie unter einem Brennglas: Virtuosität, Eleganz, viele Farben, blitzsaubere Anfänge, tief empfundene und dementsprechend gestaltete klingende Schlusstöne - all dies Ingredienzien eines musikalischen Hochgenusses und - das ist das Wertvollste - ohne jede Spur von Kraftmeierei! Ob der Sonnenkönig Ludwig XIV. als Namenspatron dieses Konzertes diesen Klängen von ferne auf irgendeiner Wolke lauschen durfte, zumal auch die "Zweite Fantaisie oder Caprice" von Michel-Richard de Lalande (1657 - 1726) erklang, die mit dem Beinamen "que le Roi demandait souvent" - zu Deutsch: ... nach denen der König oft verlangte"? Zu wünschen wäre es ihm, wenn auch offen bleiben muss, ob der Herrscher, dem der berüchtigte Satz "L'état c'est moi" nachgesagt wird, heute wirklich im Himmel ist ...

Im Laufe des Abends - und besonders als Solistin Hille Perl nach der Pause in der berückend musizierten Grabmusik Jean-Féry Rebels (1666-1747) für sein verehrtes Musiker- und Komponistenvorbild ("Tombeau pour Monsieur de Lully") wieder hinzutrat - legten die Freiburger kundig, virtuos und liebevoll ein edles Vergrößerungsglas über ein gutes halbes Jahrhundert französischer Barockmusik, und bald fühlten sich alle, die dem beiwohnten, selbst als Sonnenkönig. Voilà, so soll es sein!

Am Ende fiel es der begeisterten Menge schwer zu akzeptieren, dass auch dieses Konzert nun ein Ende haben musste und draußen immer noch der Berliner Regen wartete. Aber sie darf auf das nächste Projekt gespannt sein, das die Freiburger in ihre Kammermusikreihen in Berlin, Stuttgart und daheim in Freiburg/Breisgau einspeisen. Es trägt den Titel "Wiener Dreigestirn", unter anderem mit Beethovens 6. Sinfonie, der Pastorale. Wieder leitet Gottfried von der Goltz - natürlich ohne Taktstock, sondern mit der Geige in der Hand vom Konzertpult.

Das Konzertprojekt "Wiener Dreigestirn" ist in Deutschland in Berlin (12.11.), Freiburg/Breisgau (16.11.) und Stuttgart (18.11.) zu hören.

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Reinhard Mawick

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