Herausragend

Lebensbuch Günter Kuhn
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En miniature und wie in einem Brennglas sammeln sich in den sieben Kapiteln Erfahrungen und Erlebnisse der Geschichte der evangelischen Kirche in der DDR.

In einer "Berichtigungs- und Ergänzungsmitteilung" der Stasi aus dem Jahr 1971 wird die "operative Personenkontrolle" für den Superintendenten des Kirchenkreises Hohenmölsen Günter Kuhn angeordnet. Zur Begründung stehen nur zwei Worte: "reaktionärer Pfarrer". Im Sommer 1989 will die DDR den Superintendenten von Fürstenwalde, Günter Kuhn, "wegen hervorragender Verdienste" für jene Republik die Verdienstmedaille der DDR zueignen. Der Mann folgt dem Rat seines Pfarrkonvents und seiner Frau und lehnt ab.

Als junger Pfarrer will Kuhn in einem Industriebetrieb arbeiten. Er will sich als Sozialpfarrer bewähren und die kirchliche Sozialarbeit auch in der Kirche der DDR befestigen. Damals gilt er nicht wenigen seiner Amtsbrüder und Vorgesetzten als der "rote Kuhn". Und als er in seiner Zeit als Superintendent des Kirchenkreises Fürstenwalde bei Berlin mit ungeheurem Fleiß und Erfindungsreichtum an den Wiederaufbau des Fürstenwalder Doms geht, kämpft er auch mit denen, die in der Kirche eine solche kräfte- und finanzzehrende Unternehmung als klerikal und rückwärtsgewandt ansehen. Dauernd hat der Mann in Spannungen gestanden, in welchen er es sich selbst und anderen nicht leicht gemacht hat. Er war aber in seinem Dienst kein Streithammel, sondern ein getreuer Jünger seines Herrn Jesus von Nazareth, der ja auch bekanntlich sich selbst und andere nicht geschont hat: ein Mann der Freiheit und niemandem untertänig.

Günter Kuhn wird 1928 in Wernigerode im Harz geboren. Als Knabe muss er noch in den Krieg. Seine kirchliche Laufbahn beginnt er in der Uckermark, dann als "Pfarrer in der Industrie" in Brandenburg und als Gemeindepfarrer in Lehnin. Kuhn wird danach zunächst zum Superintendenten in Hohenmölsen berufen (1964-1973) und daraufhin zum Superintendenten des Kirchenkreises Fürstenwalde (1974-1994). Seine äußeren "Denkmäler", die seine Amtszeit überdauern, sind die von ihm ausgegangene und gegründete "Arbeitsgemeinschaft für Soziologie und Theologie in der DDR" (1957) und der Fürstenwalder Dom. Dieser ist das letzte große kirchliche Wiederaufbauwerk im Bund der Evangelischen Kirche in der DDR. 1995 wird der Dom wieder in Dienst genommen. Und Kuhn wird Ehrenbürger von Fürstenwalde.

Nun hat der alte Mann sein "Lebensbuch" vorgelegt. Hier wird die persönliche und berufliche Dimension seines Lebens dargestellt - selbstbewusst, aber ohne Hochmut. En miniature und wie in einem Brennglas sammeln sich in den sieben Kapiteln Erfahrungen und Erlebnisse der Geschichte der evangelischen Kirche in der DDR - verbunden mit einer charaktervollen Biographie. Herausragend. Wer wissen will, wie es war und wie es sich anfühlte, greife zum "Kuhn".

Günter Kuhn: Fürchte dich nicht, glaube nur. Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung, Berlin 2014, 251 Seiten, Euro 19,90.

Rolf Wischnath

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