Vielfältig

Gottesdienst im Raster
Bild
Folkert Fendler hat sich ein Instrument aus dem Qualitätsmanagement geliehen, um einen neuen Blick auf unsere Gottesdienste zu werfen.

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. In Sachen Gottesdienst scheint er gar eine besondere Vorliebe für die liturgischen Nebensächlichkeiten zu haben, die dann plötzlich und wider Willen zur Hauptsache werden: Das Mikrophon etwa, das bei der Schriftlesung notorisch nach unten rutscht und nach jedem zweiten Vers wieder hoch gebogen wird; samt diabolischem Knarzen und unkontrolliertem Laut- und Leiserwerden. Oder - ungleich gravierender - der falsch ausgesprochene Name bei der Trauerfeier, der für die Angehörigen jede noch so lupenreine Liturgie mit der Frage durchkreuzt, wie ernst es dem Pfarrer überhaupt ist mit seiner Anteilnahme und seinem Trost und seinen Gebeten.

Wenn von Qualität im Gottesdienst die Rede ist - und in beinahe jedem Gespräch nach dem Gottesdienst ist davon die Rede -, dann müssen auch solche scheinbaren Nebensächlichkeiten zur Sprache kommen. Aber nicht nur: Der Herausgeber, Folkert Fendler, hat sich für dieses Buch ein Instrument aus dem Qualitätsmanagement geliehen, um damit einen neuen Blick auf unsere Gottesdienste zu werfen. Nach diesem Modell erleben Menschen Qualität auf drei Ebenen: in Grunderwartungen (1), die so selbstverständlich sind, dass sie nur dann zur Sprache kommen, wenn sie nicht erfüllt werden (das Mikro); in Leistungserwartungen (2), auf die man zu Recht hoffen darf (eine gute Predigt); in Begeisterungsfaktoren (3), die über das Erwartete hinausgehen (ein Chor, der mein Lieblingslied intoniert). Aus diesen drei Ebenen entwickelt Fendler nun ein Qualitätsraster für den Gottesdienst, das die meisten der Beiträge gliedert: "was stimmen muss" (1), "was wesentlich ist" (2) und "was begeistern kann" (3).

Mit diesem Raster werden zunächst achtzehn verschiedene Gottesdienstformate, vom Kindergottesdienst über die Trauung bis zur Osternacht, unter die Lupe genommen. Ein zweiter, kürzerer Teil behandelt dann einige Querschnittsthemen wie Gebet oder Raumgestaltung, die in allen Formaten zum Tragen kommen. Eine Reihe von kurzen, frei gestalteten Exkursen, etwa zur Akustik, zu Störungen oder zur Kleidung, schließt den Band als dritten Teil ab.

Was kommt heraus, wenn man in dieser Weise nach der Qualität von Gottesdiensten fragt? Zuerst ein sehr vielfältiges Buch. Schon allein, insofern mehr als vierzig Autoren an ihm mitgewirkt haben, die unweigerlich auch ihren eigenen Stil und ihren eigenen Geschmack einbringen. Qualitätskriterien schließen offenbar nicht aus, dass Qualität stets auch subjektiv und vielfältig ist.

Dann ein Buch, das Fragen anstößt: Was macht die Qualität von Gottesdiensten aus, und zwar jenseits von Mikrophonen und Beleuchtungen, von dieser oder jener Form, ein Gebet zu sprechen? Gibt es etwas Gemeinsames, ein "Wesen" von Gottesdienstqualität, das durch ihre Erscheinungen hindurchschimmert? Hinzu kommt, dass man unweigerlich seine eigenen Erfahrungen und Vorlieben daneben stellt. Vielleicht liegt darin die größte Stärke dieses Buches: Es löst etwas aus, es regt an, über Gottesdienste nachzudenken und über die eigenen Qualitätskriterien, mit denen man sie misst.

Denn nicht zuletzt ist dies auch ein pragmatisches Buch - im besten Sinne des Wortes. Es begibt sich in das bislang noch wenig beackerte Feld, das zwischen agendarischen Werken, praktischen Gottesdienstmaterialien und grundlegenden Gottesdiensttheologien liegt. Von allen drei Gattungen hat dieses Buch etwas an sich, ohne in einer von ihnen aufzugehen. Das Verbindende ist jeweils eine pragmatische Perspektive, die davon ausgeht, dass nicht nur der Teufel, sondern - so der Herausgeber - auch der Heilige Geist im Detail stecken kann.

Folkert Fendler (Hg.): Qualität im Gottesdienst. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, 336 Seiten, Euro 24,99.

mehr zum Thema

Tobias Braune-Krickau

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen