Friedlicher Wettkampf

Erzbischof Nathan Söderblom hielt nichts von einer Kuschelökumene
Weltkirchenkonferenz Stockholm 1925: Nathan Söderblom vorne rechts. Foto: epd/ wcc
Weltkirchenkonferenz Stockholm 1925: Nathan Söderblom vorne rechts. Foto: epd/ wcc
Am Reformationstag hat im Rahmen der Lutherdekade das Themenjahr "Reformation und die Eine Welt" begonnen. Einer der großen evangelischen Ökumeniker war Nathan Söderblom (1866-1931). Sein Biograph Dietz Lange, emeritierter Theologieprofessor der Universität Göttingen, stellt Söderblom vor und zeigt seine aktuelle Bedeutung.

Nathan Söderblom, Erzbischof von Uppsala und Primas der lutherischen Schwedischen Kirche, sagte 1923 in einer Gastvorlesung in München: "Wir Evangelische ... sagen, keine wirkliche Kircheneinheit kann zustande kommen, ehe alle Christen, auch die römischen, sich zur reinen evangelischen Lehre bekehren."

Man stelle sich vor, ein evangelischer Bischof würde so etwas heute äußern. Er würde eine Flut von E-Mails bekommen, und zwar gerade von evangelischer Seite, weil er das "geschwisterliche Miteinander" mit den römisch-katholischen Christen aufs Spiel setze. In dieselbe Richtung weist das folgende Erlebnis. Ich sprach vor Jahren mit einem evangelischen Oberkirchenrat über die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von Lutherischem Weltbund und Vatikan, die 1999 in Augsburg unterzeichnet worden war. Ich wies darauf hin, dass die evangelische Seite in der hektischen Schlussphase der Verhandlungen in zwei entscheidenden Streitpunkten die eigene Position zugunsten der römisch-katholischen preisgegeben habe. Er ging darauf gar nicht ein, sondern bemerkte bloß, das sei jetzt geltendes Recht. Mit anderen Worten: Die kirchliche Autorität hat entschieden, die Diskussion ist beendet. So katholisch zu argumentieren, kann sich heute selbst der Papst nicht mehr erlauben.

Aber ist nicht der eingangs zitierte Satz Söderbloms genauso autoritär? Ist er nicht bloß eine Retourkutsche auf die katholische Vorstellung, eine Einheit der Kirche sei nur unter der Bedingung einer Anerkennung ihrer Lehre zu haben?

So sieht es aus, solange man Söderbloms Satz ohne den Zusammenhang liest, in dem er gesagt wurde. Aber die "reine evangelische Lehre" ist für den Erzbischof nicht etwas, das von einer Kirchenbehörde festgelegt wird. Er meint vielmehr eine Grundauffassung von Kirche, die sich als roter Faden durch alle - ansonsten ganz unterschiedlichen - protestantischen Denominationen zieht.

Freie Diskussion

Der Berliner Theologe Friedrich Schleiermacher (1768-1834) hat sie auf den Nenner gebracht: In katholischer Sicht ist die Zugehörigkeit zur römischen Kirche die Bedingung für den Zugang zur Erlösung durch Christus. Und evangelisch verhält es sich gerade umgekehrt: Zugang zu Christus bekomme ich nur durch den Glauben, das persönliche Vertrauen. Und erst aus dem gemeinsamen Glauben erwächst die Gemeinschaft der Kirche.

Letztlich geht dieser Gedanke auf Martin Luther zurück, der im Kleinen Katechismus nicht von Kirche oder Kirchen schreibt, sondern von der "Christenheit auf Erden". Die Einheit der Kirche besteht allein im gemeinsamen Glauben, weder in einer einheitlichen Lehre, noch einer einheitlichen Organisation.

Lehre, Auslegung des Glaubens, und Ordnung der Kirche sind immer ein Zweites, Gegenstand freier Diskussion und sorgfältiger Abwägung der jeweiligen Handlungsbedingungen. Das ist Söderbloms Ausgangspunkt, das meint er mit der "reinen evangelischen Lehre". Die Einheit der Kirche im gemeinsamen Glauben ist demnach nur als "Einheit in Verschiedenheit" zu haben, Verschiedenheit der Auslegung und der sozialen Gestalt.

Solche Verschiedenheit ist keineswegs ein Unglück oder gar ein Skandal, wie bis heute Theologen und Kirchenvertreter behaupten, sondern eine ganz natürliche geschichtliche Erscheinung. Sie finde sich in allen großen Weltreligionen, stellt Söderblom nüchtern fest. Bevor er seine kirchliche Laufbahn einschlug, hatte er an den Universitäten Uppsala und Leipzig vergleichende Religionsgeschichte gelehrt.

Voraussetzung für seine Sicht ist zweierlei: Erstens sollen die christlichen Konfessionen einander nicht mit Hass und Verachtung oder gar kriegerisch begegnen, sondern in gegenseitiger Achtung. Sie sollen miteinander reden, um einander besser zu verstehen, aber ohne Einigungszwang. Söderblom denkt an eine Art friedlichen Wettkampf, in dem jeder Partner zu seiner Überzeugung steht, weder Druck ausübt, noch sich dem anderen anbiedert.

Der Erzbischof war sich durchaus darüber im Klaren, dass dies keine leichte Aufgabe ist. Denn jede Kirche steht in der Versuchung, sich für die allein wahre zu halten und erhebt einen universalen Anspruch. Aber genau die universalen Ansprüche sollen friedlich nebeneinander existieren. Söderblom nennt das verschiedene Formen von "Katholizität". Und ostkirchliche, römische und evangelische Katholizität sollen miteinander auskommen.

Hinter dieser Forderung steht eine christliche, ja allgemeinreligiöse Grundeinsicht: Religion ist Verhältnis zum Heiligen, christlich geredet: zu Gott. Keine Religion verkörpert das Heilige oder die Wahrheit in reiner Form, auch die christliche nicht, so sehr jede Religion der festen Überzeugung ist, der Wahrheit am nächsten zu kommen. So kann sich entschiedener Glaube mit der Gelassenheit verbinden, den Ausgang des Wettkampfes getrost Gott anheimzustellen.

Zweitens sollen die christlichen Konfessionen zusammenarbeiten. Aber das kann auf der Basis des bisher Gesagten nur in einer föderativen Organisation geschehen. So hat Söderblom schon 1919 einen Weltkirchenrat ins Auge gefasst, in dem die christlichen Konfessionen gleichberechtigt zusammenwirken. Das war, wie ihm bewusst war, Zukunftsmusik. Es dauerte faktisch noch 30 Jahre, bis der Weltkirchenrat in Amsterdam gegründet wurde.

Großer Erfolg

Nach dem Ersten Weltkrieg war es zunächst nötig, die Vertreter der verschiedenen Kirchen überhaupt einmal zu einer Konferenz zu bewegen. Das gelang Söderblom erst 1925 in Stockholm. Denn deutsche und französische Kirchenleute, gefangen im Nationalismus, hatten sich gesträubt. Aber in Stockholm waren schließlich fast alle Kirchen vertreten. Die große Ausnahme war die römisch-katholische Kirche. Sie hatte in dem Dekret "De participatione" schon 1919 den Katholiken ausdrücklich verboten, an irgendeiner nicht von Rom organisierten ökumenischen Veranstaltung teilzunehmen.

Die Stockholmer Konferenz war der erste große Schritt zur Verwirklichung von Söderbloms ökumenischem Konzept. Sie sollte der Planung konkreter Maßnahmen zur Linderung der entsetzlichen materiellen und spirituellen Not nach dem Ersten Weltkrieg dienen. Doch weit kam man trotz intensiver zwölftägiger Arbeit nicht. Zu groß waren die konzeptionellen und vor allem die emotionalen Gegensätze zwischen den Kirchenvertretern der ehemals kriegführenden Nationen. Aber allein die Tatsache, dass die Konferenz stattgefunden hatte, war ein großer Erfolg.

Söderblom hatte, über kurzfristige Überlegungen hinaus, an eine Art Vorhut zur Versöhnung der Völker gedacht, die seine unermüdlichen Anstrengungen um den Weltfrieden seit 1914 krönen sollte. In dieser Hinsicht erreichte Stockholm drei Dinge. Zum einen waren erstmals Kirchenvertreter aus aller Welt versammelt, um die großen sozialen Probleme zu bedenken. Sodann verbesserte sich das Klima zwischen den teilnehmenden Konfessionen erheblich. Kirchenvertreter der verfeindeten Nationen waren in der Lage, menschlich miteinander zu reden. Und nicht zuletzt sind zentrale theologische Differenzen zwischen den angelsächsischen und den deutschen Protestanten gründlich diskutiert worden. Das betrifft vor allem das Verständnis des "Reiches Gottes". Ist es ein von Gott verheißener idealer Zustand der Welt, den die Christen durch soziale Reformen herbeiführen - oder jedenfalls herbeizuführen helfen - sollen? Das meinte die in den angelsächsischen Ländern einflussreiche Bewegung des Social Gospel. Oder ist das Reich Gottes nichts anderes als die Gegenwart Gottes selbst, die allein den Einzelnen angeht und mit den gesellschaftlichen Zuständen nichts zu tun hat? Davon waren konservative Lutheraner überzeugt. Auch Söderblom vertrat eine lutherische Sicht. Aber anders als für manche deutsche Lutheraner schlossen sich für ihn das "Reich Gottes" und das "Reich der Welt" nicht aus.

Man soll die beiden Begriffe besser durch "Verhältnis zu Gott" und "Verhältnis zur Welt, insbesondere zu den Mitmenschen" ersetzen. Dann lässt sich verdeutlichen, dass beide voneinander zu unterscheiden, aber auch miteinander zu verbinden sind. Das Reich Gottes, oder einfach Gott selbst, ist in Jesus Christus in die Welt gekommen. Das betrifft in der Tat zuerst den Einzelnen. Da hatten die damaligen Lutheraner Recht. Aber es betrifft den ganzen Menschen - also auch als soziales und politisches Wesen. Da hatte das Social Gospel Recht. Denn Gott kommt zum Menschen als bedingungslose Liebe, und sie soll sein ganzes Leben durchdringen. Daraus kann man zwar nicht unmittelbar soziale oder politische Reformprogramme ableiten. Solche können nur in steter Bereitschaft zur Korrektur durch abwägende Vernunft und vorausschauende Phantasie entworfen werden. Und das spezifisch Christliche besteht darin, dass jedes Mal die göttliche Liebe den letzten Maßstab abgibt.

Und was ist aus Söderbloms Programm geworden? Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich in der Ökumene die angelsächsische Position weitgehend durchgesetzt. Mit Söderblom wäre zu fragen, ob damit nicht eine Neigung zum Utopischen in den Vordergrund getreten ist, die den Glauben in Ethik aufzulösen droht und die kirchliche Handlungsfähigkeit gefährdet.

Evangelisches Profil

Söderbloms Kampf gegen Nationalismus und Krieg, für den er 1930 den Nobelpreis bekam, schien durch den Sieg von Faschismus und Nazismus gescheitert zu sein. Aber immerhin gab es in Deutschland eine dezidierte kirchliche Gegenbewegung. Und mit der Gründung des Weltkirchenrates 1948 kam das Anliegen des Friedens zu Ehren und blieb fortan auf der Tagesordnung.

Das Verhältnis von Protestantismus und Katholizismus schien mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf eine ganz neue Grundlage gestellt worden zu sein. Das ist für die Art, wie die Konfessionen miteinander umgehen, sicher richtig. Doch das Nachspiel zu erwähnten Augsburger Verhandlungen, aber auch Beschlüsse des Konzils zeigen: Rom ist keineswegs von seinem Anspruch abgerückt, die allein wahre Kirche darzustellen.

Die evangelische Seite war von entsprechenden kirchenamtlichen Äußerungen zunächst enttäuscht. Aber inzwischen scheint sich die Einsicht durchzusetzen, dass man mehr evangelisches Profil zeigen und die Hoffnung auf eine in Organisation und Lehre einheitliche Kirche aufgeben muss. Ja, nur ein klares Profil, nicht eilfertige Anpassungsbereitschaft verschafft Res-pekt. Nathan Söderbloms weitsichtiges und theologisch tiefgründiges Ökumeneprogramm kann helfen, beherzt zur eigenen Überzeugung zu stehen. Eine solche Haltung bedeutet keine Neuauflage des Kulturkampfes. Aber sie wird Illusionen verabschieden und zugleich jener Gelassenheit des Glaubens Raum geben, die Spannungen zwischen den christlichen Konfessionen erträglich und die Debatten zwischen ihnen fruchtbar und gesellschaftliche Zusammenarbeit möglich macht.

Literatur

Dietz Lange: Nathan Söderblom und seine Zeit. Verlag Vandenhoek&Ruprecht, Göttingen 2011, 480 Seiten, Euro 54,99 (rezensiert in zz 10/2011)

Dietz Lange (Hg.): Nathan Söderblom. Ausgewählte Werke, Band 2: Christliche Frömmigkeit und Konfessionen. Verlag Vandenhoek&Ruprecht, Göttingen 2012, 320 Seiten, Euro 110,-

Dietz Lange

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