Trost und Trotz

Wider den Reformstress
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Christian Möller setzt kirchlichen Reformpapieren eine sorgfältig ausgewählte Sammlung protestantischer Traditionsschätze entgegen.

Vernachlässigt die evangelische Kirche die menschlichen Sinne? Ja, leider, findet Christian Möller - doch nur in den entsinnlichten oder gar sinnlosen "Plastikwörtern" gegenwärtiger kirchlicher Reformpapiere! Solche in sich selbst abgeschlossen Wortketten aus Begriffen wie Kompetenz, Qualität, Ressourcen und so weiter verdunkeln laut Möller die spürbaren Dimensionen des Protestantismus. Anlass genug für den emeritierten Professor der Praktischen Theologie eine sorgfältig ausgewählte Sammlung protestantischer Traditionsschätze dagegenzusetzen. Reizvoll dabei ist, dass er seine in einem schmalen Band gesammelten Kontrapunkte dem Hören und Riechen, Sehen, Schmecken und Fühlen zuordnet.

Dabei kommt der Musik als "Ton von Trost und Trotz" eine besondere Bedeutung zu. Natürlich sind die Widerständler Martin Luther und Paul Gerhardt hier wichtige Kronzeugen. Aus ihren Werken wird pointiert zitiert. Seltener in diesem Zusammenhang ist eine Reflexion über die Tradition des Hiob als Schutzpatron der Musik. Denn seine Erfahrungen sind der Prüfstein dafür, ob Musik ins Leere spielt und Menschen trostlos zurücklässt.

Die große Stärke des Bändchens besteht darin, dass kundig ausgewählte Abschnitte aus der belletristischen Literatur zu theologischen Texten in aktuelle Beziehung gesetzt werden. So wird im Geruchskapitel "Duft der Ewigkeit in der Zeit" beschrieben, wie Mark Twain bereits im 19. Jahrhundert die Gestaltung des Sonntags in Deutschland im Unterschied zu den USA genoss. Heute jedoch scheint der Sonntag im Wochenende aufzugehen. Möller setzt dagegen den Ursprung des Sonntags im Sabbat, der die ganze Gesellschaft vor Entleerung bewahren kann - auch wenn nur wenige an Gottesdiensten teilnehmen.

Gottesdienste stehen im Zentrum des "optischen" Kapitels. Für den Autor bleibt ihre Feier fraglos das Zentrum christlicher Praxis: Die Kirche veranstaltet nicht Gottesdienste, sondern sie ist Gottesdienst. Dabei prägen die beiden Pole "Zeitansage" und "Zuflucht" deren Reichtum. An den Heidelberger Universitätsgottesdiensten der Sechzigerjahre sei zu sehen, wie sich die biblische Zeitansage in eine journalistisch gegenwartsbezogene verändert. Ist nur noch das Besondere wichtig? Vielerorts leider ja. Demgegenüber propagiert Möller in Abgrenzung von den "Leuchtfeuern" des EKD-Reformpapiers "Kirche der Freiheit" das Pfarramt als ein "Kompetenzzentrum der Normalität".

Im kulinarischen Kapitel "Der Geschmack des Alltäglichen" ist dem Autor ein anschaulicher Einblick in Leben und Werk von Johann Peter Hebel gelungen. Der mundartlich dichtende Pfarrer sehnte sich aus seinen Sonderaufträgen heraus sein ganzes Leben hindurch nach einer Landpfarrstelle.

In "Kirche zum Anfassen" möchte Möller die Ortsgemeinde als Kirche in der Nähe stärken. Fruchtbar in diesem Zusammenhang liest sich seine Deutung von Sören Kierkegaard. Der dänische Philosoph sieht die Sorge um die Zukunft als "heidnisch" an, die das Leben zu einer "Krankheit zum Tode" werden lasse.

Das Büchlein möchte zur Diskussion anregen, doch dafür bieten an seinem Ende die sieben Thesen zu einer Gemeindetheologie zu wenig Substanz. Wenn der Autor weniger gegen den "ungeistlichen" Reformstress gewettert hätte, wäre mehr Platz für die wirklich gut dargebotenen Kostbarkeiten aus der Tradition gewesen. So ermüdet die ständig berufene Negativfolie etwas und hinterlässt ein Geschmäckle vom besonders hoch gelegenen Elfenbeinturm des Emeritus. Gegenwärtig sind viele Gemeinden mit Strukturaufgaben gefordert. Doch etliche von ihnen haben nach einem bewältigten Reformschub durchaus wieder Lust auf und Luft für eine sinnlich erfahrbare Kirche.

Christian Möller: Kirche mit allen Sinnen. Neuenkirchner Verlagsgesellschaft, Neuenkirchen-Vluyn 2015, 128 Seiten, Euro 19,99.

Gudrun Mawick

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