Luthers Lehr'

Warnung: Gefahr des Festlesens
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Es ist den Autoren nicht genug zu danken, dass sie Luther und das weite Feld der Reformation den interessierten Gebildeten aller Fakultäten zugänglich gemacht haben.

Luthers Geburtstag: 10. November 1483. So hat man es sich eingeprägt. Fester Bestandteil des Wissens. Wer weiß aber, dass Jahr und Tag von Luthers Geburt keineswegs gewiss sind? Dass er möglicherweise 1482 oder, noch wahrscheinlicher, 1484 geboren wurde? Im Lutherlexikon stößt man drauf, auch wenn man es gar nicht so genau wissen wollte, vielleicht beim Kreuz- und Querlesen. Für beides gedacht, ist es zu beidem hervorragend geeignet, zum gezielten Nachschlagen wie zum Querlesen. Dabei gelangt man schnell zu der Einsicht, dass man gerade dem für unumstößlich gehaltenen eigenen historischen Wissen misstrauen sollte und gerät so unvermittelt in die Gefahr des Sich-Festlesens auch und gerade wer sich einbildet, einigermaßen mit Luther und seiner Zeit vertraut zu sein, kann nicht aufhören, zu prüfen, was er noch weiß, wie er es weiß und was es noch zu lernen gibt. Von Letzterem gibt es die Fülle.

Herausgeber des Luther-Lexikons sind Volker Leppin, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen, und Gury Schneider-Ludorff, Professorin für Kirchengeschichte an der Universität Oldenburg (Mitarbeit: Ingo Klitzsch). Sie und rund 170 weitere renommierte Autoren haben die Beiträge verfasst. Ob das Werk ohne das bevorstehende Reformationsjubiläum entstanden wäre, sei einmal dahin gestellt, sein Erscheinen nun ist ein Glücksfall - nicht zuletzt für alle, die sich für 2017 noch einmal oder zum ersten Mal up to date bringen möchten.

Ein Lexikon, bei dem das Wirken eines Einzelnen im Zentrum steht, ist kein Brockhaus. Anders als bei ihm sieht man sich unwillkürlich verleitet, nach einem roten Faden zu suchen, etwa nach einem konsistenten Lutherbild. Was dies angeht, bildet sich der Rezensent ein, fündig geworden zu sein: Zwar lassen sich unter den einzelnen Stichworten persönliche Vorlieben, Hintergründe, Zugangsarten der jeweiligen Autoren erkennen, aber fast durchgehend gerät da ein Luther in den Blick, der ein Kind seiner eigenen Zeit war, der nicht, wie so oft in der Vergangenheit, für Zeitgeistpräferenzen in Anspruch und nur in historisch vertretbarem Maß in Haftung genommen wird, keine überlebensgroße Führungsfigur, noch auch der Popanz, der vorgeblich deutschen Ungeist inauguriert hat und in eine Linie bis zu Hitler gestellt zu werden gehört. Und siehe da: Gerade aus dem nüchternen Blick gegenwärtiger Wissenschaftler erweist sich der Reformator als ein Großer auch jenseits - "Gottes Wort und Luthers Lehr vergeht nun und nimmermehr" aller konfessionellen Verehrung. Befreit von den alten Überschreibungen gewinnt er wieder Aktualität als ein Leitstern, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnt, für Christen einschließlich der Theologen und ganz allgemein für denkende Menschen.

Schließlich bleibt es eine Verlockung für den Gegenwartsmenschen, Luthers theologische Aussagen ungeachtet des Reformators Abneigung gegenüber der Vermischung von Philosophie und Theologie in gegenwärtige Begriffe und Vorstellungen zu übersetzen. Ob dies angemessen oder nur erlaubt ist und wie weit es trägt, ist umstritten. Doch immerhin schafft so ein Verfahren Verständnisbrücken und Anschlüsse zwischen einem halbjahrtausendalten Denken und dem gegenwärtigen. Nehmen wir die Frage nach dem freien Willen: Sie ist eine der ältesten durchgehenden Streitpunkte menschlichen Denkens, weit über die Theologie hinaus. Im Christentum bekämpfte Augustinus entschieden die Auffassung des Pelagius, vom freien Willen her eröffne sich der Weg zum Heil: Dies hieße, entschieden dem Menschen zu viel zuzutrauen und Gott zu wenig, meinte Augustinus. So auch später der Ex-Augustinermönch Luther, der darüber eine berühmte Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam führte. Dieser vertrat ein Konzept der Willensfreiheit ("De libero arbitrio" hieß sein entsprechendes Werk, "Vom freien Willen"), und war aufgrund dessen für Luther der ärgste Pelagianer: Von einem freien Willen auf Seiten des Menschen könne nicht die Rede sein, der Wille sei vielmehr durch Gott (oder den Teufel) determiniert. Übersetzt in säkulare Diskurse gilt die Feststellung, dass der freie Wille populär als aufklärerische Errungenschaft für unbestreitbar gilt, dass andererseits die Wissenschaften seit Sigmund Freud immer wieder auf seine Grenzen hinweisen - gegenwärtig bestreitet eine Reihe von Neurowissenschaftlern leidenschaftlich die Existenz eines freien Willens.

In dem erhellenden Eintrag zu diesem Thema wird auch Luthers Unterscheidung von "deus revelatus" und "deus absconditus" als den zwei Seiten Gottes (offenbart und verborgen) erläutert, die er in seiner Schrift "De servo arbitrio" vorgetragen hat, präzise, aber hinsichtlich der Begriffe dieser schwierigen und bedeutsamen Distinktion vielleicht zu wenig dezidiert. Unter "Trinität" erst findet sich der Verweis auf den gesonderten Eintrag hierzu. Liest man diesen, können einem allerdings schon Zweifel kommen, ob er nicht diejenigen ein wenig ratlos zurücklässt, die von der Sache nicht mehr als schon einmal gehört haben.

Ähnliches mag bei dem einen oder anderen Artikel eintreten, doch im großen Ganzen gilt: Es ist den Mitwirkenden nicht genug zu danken, dass sie Luther und das weite Feld der Reformation den interessierten Gebildeten aller Fakultäten zugänglich gemacht haben, unbeschadet dessen, dass sie hiermit ein Standard-Nachschlage- und Referenzwerk für Wissenschaftler und ein hervorragendes Hilfsmittel für Studenten der Theologie und der Geschichte vorgelegt haben, das so schnell keinen Nachfolger finden dürfte.

Volker Leppin / Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Das Luther-Lexikon. Bückle & Böhm Verlag, Regensburg 2014, 820 Seiten, Euro 98,-.

Helmut Kremers

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