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Biographie Meister Eckharts
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Dieses Buch ist sowohl für Eckhartkenner als auch für jene, die einen ersten Einblick in die Denkweise des Meisters erhalten möchten, ein Gewinn.

Der Tübinger Theologe und langjährige Präsident der interdisziplinären Meister-Eckhart-Gesellschaft, Dietmar Mieth, hat eine bereits lange fällige, handliche und gut lesbare Darstellung des Denkens des mittelalterlichen Philosophen, Predigers und Mystikers, Meister Eckhart (1260-1328), vorgelegt. Sie bewegt sich auf dem neuesten Stand der interdisziplinären Forschung und ist sowohl für Eckhartkenner als auch für jene, die einen ersten Einblick in die Denkweise des Meisters erhalten möchten, ein Gewinn.

Mieth deutet Meister Eckhart nicht allein aus dessen umfangreichem lateinischen und mittelhochdeutschen Werk, sondern skizziert - in gebotener Kürze - zugleich die historischen und systematischen Bezüge, die für ein Verständnis des Meisters heute bedeutsam sind: zur intellektuellen Umwelt seiner Zeit, zu den Texten der 1310 in Paris als Ketzerin hingerichteten Marguerite Porète, aber auch zur heutigen Rezeption im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog.

Die übersichtliche Gliederung orientiert sich nach einer kurzen Einführung an den für Meister Eckhart zentralen Themen: Gott und Mensch - Einheit im Wort, im Denken und im Bild - Offenbarung, Wahrheit und Gewissheit - Gottesgeburt und Gottesentzug - Spiritualität, Ethik, Mystik - Häresie im Widerstreit, und schließt mit der Frage nach einem Zugang zu Meister Eckhart von heute her.

Mieths Überzeugung von der Relevanz des Querdenkers Eckhart für unsere Zeit kommt aber nicht erst in diesem Schlusskapitel ins Spiel, sondern bestimmt den Duktus des gesamten Buches - bei aller Präzision bleibt der Autor nämlich nicht an den mittelalterlichen Terminologien haften, sondern übersetzt sie nach Möglichkeit in die Denkkategorien der Gegenwart. So nimmt er die Leserinnen und Leser mit. Dies sei exemplarisch am ersten und grundlegenden Kapitel "Gott und Mensch" veranschaulicht. Darin gelingt es Mieth, die Struktur des Eckhartschen Denkens anhand der Verhältnisbestimmung von Vernunft und Offenbarung, von Natur, Freiheit und Gnade neu zu erschließen - und zwar so, dass evident wird, warum Eckharts Auseinandersetzung mit diesen Fragen Menschen bis heute angeht und fasziniert. Indem Eckhart zum Beispiel parallele Bilder und Begriffe für die Beschreibung der Schöpfung als auch für die Beschreibung Gottes verwende (wie Licht, Natur, Gnade), also nicht für einen bestimmten und begrenzten Bereich reserviere, gehe er davon aus, dass Gott und Mensch, dass Philosophie und Theologie einander wechselseitig erschließen. Das heißt, es gibt nach Meister Eckhart keine philosophische Erkenntnis, die nicht bereits erleuchtet wäre, und keine theologische Offenbarung, die nicht bereits der Schöpfung von ihrem Ursprung (Principium) her inhärent wäre. Theologie kann so als Denkvorgang verstanden werden, "der 'Offenbarkeit' voraussetzt, die", so Mieth, "ihrerseits wieder im Glauben an eine geschichtliche 'Offenbarung' entfaltet ist". In dieser Sicht zeigt sich etwa Liebe (vorhanden als Realität zwischen Menschen und von daher erschließbar als Realität zwischen Gott und Mensch beziehungsweise in Gott selbst) als "verinnerlichte Offenbarkeit des trinitarischen Prozesses". Und "Freiheit erscheint (...) als Offenbarkeit der Gnade" beziehungsweise "der Vollzug der Gnade in der sich selbst lassenden Freiheit."

Es ist zu wünschen, dass das Buch, indem es Meister Eckhart mit gegenwärtigen Denkweisen ins Gespräch bringt, zum Anlass wird, dass Meister Eckhart mehr als bisher als ein Denker rezipiert wird, der zu unseren Fragen heute Entscheidendes zu sagen hätte.

Dietmar Mieth: Meister Eckhart. C. H. BeckVerlag, München 2014, 298 Seiten, Euro 16,95.

Christine Büchner

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