Raffiniert

Engel über der Erde
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Dieser Engel passt jedoch nicht nur in das Genre der Kinder- und Jugendliteratur, er ist, wie Engel nun mal sind, alters- und geschlechtslos.

Ein einsamer Engel sitzt auf einer Parkbank, im Hintergrund zeigt sich die Skyline von Manhattan. Das Cover stimmt melancholisch. Und es macht neugierig: ein Bildband, eine Collage, Zeichnungen? Nun, gleich auf der ersten Seite des Buches schweben viele Engel über der Erde, ihre Hände sind zum Gebet geschlossen und es entfaltet sich eine Mischung aus alldem. Ein wenig Cartoon, ein wenig Film, Skizzen, Fotos und vereinfachte Zeichnungen bilden eine Kunstwelt, die wie eine dunkle Traumwelt daherkommt, in der sich dann die weißen Engel verirren. Sie wollen beschützen, begleiten und heilen, doch die Menschen blicken nicht auf, scheinen blind zu sein für die Lichtgestalten, die dem Betrachter in den Collagen gespenstisch hell erscheinen.

Das Buch besteht aus drei Kapiteln und vielen Metaphern, es besticht in seiner Schlichtheit und gleichzeitigen Raffinesse, lässt Raum für Phantasie und Eigeninterpretation, denn es ist nur mit wenig Text, Sequenzen gleich, versehen. Nur spärliche Farben beleben die Seiten, ein glühender Abendhimmel, eine grüne Wiese, herbstlich goldenes Laub. Die Welt erscheint somnambul, entfremdet und bedrohlich, mal aus der Weltraumperspektive, dann im Detail. Schließlich bleibt nur noch ein Engel bei den Menschen, in der Metro, in Restaurants, auf Treppen und zwischen Hochhausschluchten hat er eine Menge zu tun. Erschöpft holt er Atem in Kirchen und U-Bahnschächten, um schließlich völlig ermattet und unbeachtet auf einer Parkbank niederzusinken. Hier verstummt und versteinert das Himmelswesen und ist damit plötzlich als Engelsstatue für die Menschen sichtbar, um dann auf einem Sockel zu landen.

Es ist der Engel, der uns im Traum erscheint. Der Engel, der am Ende selbst gerettet werden muss, von den unschuldigen Wesen unseres Planeten, Kindern, Tieren, Fabelwesen. Sie geben ihn zurück an das Universum und das Buch endet, wie es beginnt - mit der Perspektive aus dem All auf unsere nächtlich funkelnde Welt.

Der Autor Tohby Riddle lebt in Sydney und studierte Kunst und Architektur, bevor er Schriftsteller und Illustrator wurde. Er veröffentlichte einige Bilder- und Sachbücher, sowie einen Jugendroman und ist in Australien auch mit seinen Cartoons im Sydney Morning Herald bekannt. "Der Engel aus dem Nirgendwo" passt jedoch nicht nur in das Genre der Kinder- und Jugendliteratur, er ist, wie Engel nun mal sind, alters- und geschlechtslos. Das Kunstbuch besteht aus 128 außergewöhnlich illustrierten Seiten, die sich aus Riddles großer Sammlung von Postkarten und Fotos aus dem 19. und 20. Jahrhundert, handgemalten Details und graphischer Bearbeitung zusammensetzen.

Tohby Riddle: Der Engel aus dem Nirgendwo. Gabriel Verlag, Stuttgart 2014, 128 Seiten, Euro 24,99.

Angelika Hornig

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