Bach für alle

Kantaten pointiert erschlossen
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Konzentrierte Einführungen in die Kantaten in gut verständlicher Sprache.

Zweifellos gehören die geistlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach zum Weltkulturerbe des Protestantismus. Für fast alle Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres komponierte der Thomaskantor Kantaten, die in den Gottesdiensten der Leipziger Kirchen erklangen. Sie bezogen sich auf das Evangelium des jeweiligen Sonntages, das Grundlage der Predigt war. Die Kantate nun brachte den biblischen Text noch einmal mit anderen Mitteln zur Aufführung. Sie war musikalische und dichterische Auslegung des Evangeliums, also eine künstlerische Aktualisierung des Bibeltextes. Diesen Schatz erschließt Konrad Klek nun für heutige Ohren und Augen. Der Professor für Kirchenmusik an der Universität Erlangen hat den ersten Band seines dreiteilig geplanten Kommentares zu den geistlichen Bachkantaten vorgelegt. Dabei steht die theologische Deutung der Werke im Vordergrund. Sie bezieht sich sowohl auf die musikalischen Zusammenhänge als auch auf die vielfach sperrigen Texte der Kantaten, die vollständig abgedruckt sind.

Dem Theologen und Kirchenmusiker Konrad Klek sind konzentrierte Einführungen in die Kantaten in gut verständlicher Sprache gelungen. Die Grundlinien ihrer Dramaturgie erschließen sich beim Lesen - am besten auch vorher und/oder hinterher anhören. Dazu gibt es Bezüge zu anderen Bach'schen Werken oder Hintergrundinformationen zu den theologischen Horizonten der Zeit. Ein kleines Glossar an musikalischen Fachbegriffen ist beigefügt, der Satz übersichtlich und das kleinformatige Buch liegt gut in der Hand. In diesem ersten Band ist der Choralkantatenzyklus vom 1724/25 kommentiert. Am Ersten Sonntag nach Trinitatis 1724, genau ein Jahr nach seinem Amtsantritt in Leipzig, begann Bach einen Jahrgang mit Kantaten zu Chorälen nach diesem Bauplan: Die erste und letzte Liedstrophe erklingt im Wortlaut, dazwischen sind Rezitative und Arien in freier Dichtung zu hören, die sich an das Evangelium und weitere Choralstrophen anlehnen. Wer diese Texte gedichtet hat, bleibt leider unbekannt. Erstaunlicherweise führte der Thomaskantor diesen Jahrgang nicht zu Ende, sondern beschloss ihn mit der vierzigsten Kantate - vier Tage nach seinem vierzigsten Geburtstag. Dies veranlasst Klek zu einer kühnen Hypothese, die hier erstmals formuliert ist: Bach plante diesen Jahrgang von vornherein als "Projekt 40". Denn diese biblisch vielfältig belegte Zahl (vierzig Jahre Wüstenwanderung Israels, vierzig Tage Versuchung Jesu in der Wüste, ...) gilt als Symbol der Umkehr. Zudem begann nach dem vierzigsten Zykluswerk 1725 just die Passionszeit, in der keine Kirchenkantaten in Leipzig aufgeführt wurden. "Die bis zu dieser Bußzeit reichenden 40 Choralkantaten wären demgemäß als Bußakt zu deuten, mit welchem Bach zu seinem 40. Geburtstag vor Gott tritt und um Gnade bittet, der er im Glauben durchaus gewiss sein kann." Diese Theorie wird gestützt durch die heute fremd und maßlos wirkende Betonung der eigenen Schuld der Gläubigen in gerade diesen Kantatentexten. Nun sind Deutungen mit Zahlensymbolik in der Bachforschung höchst umstritten. Doch Klek "haben sich so viele einschlägige Phänomene aufgedrängt", dass er jede Kantate komplett durchzählte. So präsentiert er auch in den Einzelbesprechungen der Kantaten manche überzeugende Korrelation.

In der heutigen Kirchenmusik hat der Einsatz für qualitätvolle und populäre neue Lieder erheblich zugenommen - Gott sei Dank. Doch ebenso gilt es, breitere Zugänge auch zu den Schätzen der Tradition zu ebnen. Dazu sind die Erklärungen von Konrad Klek vorbildliche Beiträge. Und vielleicht verführen sie ja manche alten und neuen Bachfans dazu, ihr Kirchenjahr von diesen Choralkantaten begleiten zu lassen - ob sie schon vierzig sind oder es noch werden.

Konrad Klek: Dein ist allein die Ehre. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2015, 360 Seiten, Euro 19,90.

Gudrun Mawick

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