Am Kreuz

Über Pier Paolo Pasolini
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Vieles in Zwicks Analyse ist stark und genau beobachtet.

Der 1975 ermordete Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini war tief religiös geprägt. Zuhälter und Kriminelle wie Accattone aus seinem gleichnamigen Debut-Film (1961) sind Fegefeuer-Existenzen, die der Läuterung und Erlösung bedürfen. Pasolini sieht Welt und Gesellschaft im Zeichen des Heiligen, das nicht "wider alle Vernunft", sondern jenseits der Vernunft in all seiner Ambivalenz erfahrbar wird. Jesu Tod am Kreuz verkörpert stellvertretend menschliches Leiden und verheißt Leben genauso wie spirituelle Neugeburt. Damit ist das Begriffspaar Passion und Transformation des Titels umrissen.

Ausgehend vom Jesusfilm "Das erste Evangelium - Matthäus" (1964) zeigt der Münsteraner Theologe Reinhold Zwick, dass biblische, zumal christologische Bezüge im Gesamtschaffen Pasolinis nicht oberflächlich sind, sondern bis in die geistige Tiefenstruktur seines Werkes hineinreichen. Auch wenn sich Pasolini von erbaulichen Monumentalepen absetzt, ist der von Zwick erwähnte "König der Könige" (1960) von Nicholas Ray ein unpassendes Beispiel. Denn dieser mehrschichtige Film ist wegen seiner Betonung des Widerstands gegen die römische Besatzungsmacht gerade nicht "entpolitisiert" und in seiner Haltung zwischen Glaube und Unglaube ein kaum weniger komplexes Werk als Pasolinis Jesusfilm. Der Autor will den kritischen Marxisten nicht fürs Christentum vereinnahmen, legt aber den Schwerpunkt gegenüber einseitig linker Exegese, die biblische Themen herunterspielt, auf eine theologische Lesart. "Mythisches Quartett" nennt er die Bearbeitungen antiker Tragödien "Edipo Re" (1967) und "Medea" (1969) sowie die Originalstoffe "Teorema" (1968) und "Der Schweinestall" (1969). Bei diesen vier Filmen findet Zwick etliche Hinweise auf eine christologische Dimension, die sich in Pasolinis ikonographischer Bildsprache grundsätzlich aufspüren lässt. Er sieht Opfer- und Kreuzigungsmotive als "signifikante Konstanten des Oeuvres" und räumt so den christlich konnotierten Erlösungsthemen gegenüber dem Deutungshorizont der antiken Mythen einen Vorrang ein.

Der faszinierend bizarre, aber schwer zu entschlüsselnde "Schweinestall", der das Weiterwirken des Nationalsozialismus in der (westdeutschen) kapitalistischen Gesellschaft mit Kannibalismus und Sodomie verknüpft, wird von Zwick eindringlich im Licht der paulinischen Gnadentheologie betrachtet. "Teorema" erzählt von einer Theophanie, in der ein zeitweiliger Gast die Mitglieder eines Mailänder Haushalts nicht zuletzt nach sexueller Zuwendung verändert zurücklässt. Der Gast vereint dionysische, apollinische und biblische Züge, auch dienen dem Film und dem gleichzeitig publizierten Roman der Exodus und die Wüstenwanderung als Subtext.

Vieles in Zwicks Analyse ist stark und genau beobachtet und die Deutung besonders von "Teorema" brillant (wobei Seite 154 die häufigen Druckfehler toppt, da das Kapitel mitten im Satz abbricht). Mehrdeutige Bilder und Texte begünstigen freilich auch Überinterpretationen - frontal in die Kamera gesprochener Text kann einfaches, symbolfreies Stilmittel sein, und nicht alles ist unbedingt eine Kreuzigungspose.

Gleichwohl ist sich der Münsteraner Theologe Reinhold Zwick solcher Gefahr bewusst, sodass er auch Abweichungen von christlichen Inhalten, wie etwa beim ödipalen Sühneopfer, ausdrücklich aufzeigt. Dennoch bleibt am Schluss ungeachtet bestechender Indizien ein leises Unbehagen, ob Pasolini, der zweifellos biblische Texte als gültige Deutungsmuster seiner eigenen Kultur wirksam machte, nicht doch zu entschieden auf ein apokryphes Bekenntnis zum Christentum festgelegt wird.

Reinhold Zwick: Passion und Transformation. Biblische Resonanzen in Pier Paolo Pasolinis "mythischem Quartett". Schüren Verlag, Marburg 2014, 304 Seiten, Euro 24,90.

Roland Mörchen

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