Jever, oh weh

Ein Punktum
Pah, das ist ja nun das Letzte! Ein Bier macht sich zum Sklaven dessen, was gängig ist!

Manche Orte sind berühmt, weil aus ihnen berühmte Produkte stammen. Beispiel Solingen: Aus Solinger Stahl sind die schönen scharfen Küchenmesser, na klar. Daneben gibt es aber auch Orte, bei denen man vielen Menschen erst einmal klar machen muss, dass sie wirklich ein Ort sind und nicht nur ein Produkt.

Zumindest gilt das für Jever. Sie wissen schon, "Jever", die Biersorte. Natürlich kennen viele den Gerstentrunk dieses Namens, aber wissen nicht, dass es Jever auch unabhängig davon gibt, nämlich als wunderschöne kleine nordwestdeutsche Stadt zwischen Aurich und meinem Heimatort Wilhelmshaven gelegen. Jever, die Perle des Landkreises Friesland. Soweit, so gut, nun zum "Jever-Problem". Was ist das denn? Es ist das phonetische Ärgernis, dass alle im engeren Sinne nordwestdeutsche Menschen überfällt, wenn sie in den Diskursen der Republik den Namen jenes Bieres hören, von dem hier bisher die Rede war. Ja, auch Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, haben im Laufe dieses Artikels bisher siebenmal das Wort "Jever" zumindest vor ihrem inneren Ohr ausgesprochen. Die Frage ist: Wie haben Sie es getan? Ich befürchte, die meisten von Ihnen haben "Jewer" gesagt, oder "(?je?v?)", um es in korrekter Lautschrift wiederzugeben. Das haben Sie gesagt oder zumindest gedacht und nicht "(?je?f?)", also "Jefer". Das aber wäre richtig, denn es heißt nun mal "Jever" mit scharfem "v". Jeder Eingeborene in Jever und Umgebung weiß das, und es ist für uns immer wieder eine narzisstische Kränkung, dass das so viele falsch machen.

Wäre es nur Unwissenheit, dann wäre es ja nicht so schlimm, denn Toleranz ist eine Tugend und soll es bleiben. Das Schlimme an der falschen Jeverphonetik ist aber, dass die Brauerei selbst dem Fehler auch noch fahrlässig Vorschub leistet. Im berühmten Fernsehspot "Wie das Land - so das Jever" klingt das "v" ganz windelweich! Wenn man bei der Brauerei nachfragt, bekommt man folgende Antwort: "Wir kommunizieren in der Werbung von 'Jever Pilsener' den Namen bewusst mit einem 'w', weil in gängiger Weise in der deutschen Sprache Wörter, die ein ,v' in der Mitte des Wortes haben, welches von Vokalen eingerahmt wird, wie ein 'w' ausgesprochen werden." Als Beispiele werden dann unter anderem "Revier", "Leviten" und "Sklave" genannt.

Pah, das ist ja nun das Letzte! Ein Bier macht sich zum Sklaven dessen, was gängig ist - Jever, oh weh! Hier gilt es aufzustehen für ein Europa der Regionen. Aber wahrscheinlich werden wir paar versprengten Nordwestdeutschen den Konsonantenkampf verlieren - traurig aber wahr. Da tröstet nur, dass es ähnliches Hadern auch in anderen Gegenden gibt. Echte Bayern leiden zum Beispiel wie ein Hund, wenn Durchschnittsdeutsche die "Maß Bier" gedehnt als "Maass" aussprechen. Eigentlich hieße es kurz und zünftig "Mass". Na denn, Prosst!

Reinhard Mawick

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