Der einsame Planet

Morrissey in zwölf Songs
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Morrisseys jüngstes Werk mit zwölf Songs, die nichts von dem vermissen lassen, was ihn groß macht.

Niemand ist besser unverstanden als Morrissey. Wo andere längst ihr Basislager am Fuß des Pizzakartons aufgeschlagen haben, schmachtet, klagt und schimpft der große Verächter stilvoll weiter hochalpin. "Vauxhall and I", eins seiner besten Alben - mit Songs wie "Now My Heart Is Full", "I Am Hated For Loving", "The More You Ignore Me, The Closer I get" oder "Speedway" und tollem Klangteppich von Produzent Steve Lillywhite - wurde als "20th Anniversary Definitive Master" (Parlophone/Warner) gerade frisch veröffentlicht. Ergänzt um ein Konzert von 1995 und mit einem Foto, das "Mozza" (so nennen Fans den provokanten Ex-"The Smiths"-Frontmann) schlummernd auf den Gleisen zeigt. Ein Geschenk. Kurz darauf kam "World Peace Is None Of Your Business" heraus, Morrisseys jüngstes Werk mit zwölf Songs, die nichts von dem vermissen lassen, was ihn groß macht. Schmelz in der schmeichelnden Stimme, Pathos, wohltemperiertes Dandytum (er verehrt Oscar Wilde), Weltschmerz, rüde Beschwerde oder böse angriffslustig, etwa in "The Bullfighter Dies", wo der mit dem Mannsein stets Ringende ("I'm Not A Man") den Spieß einfach umdreht: "The bullfighter dies/and nobody cries/because we all want the bull to survive". Worte, die der kämpferische Vegetarier durchaus so meint. Man denke nur an das Smiths-Cover, das einen GI in Vietnam zeigt, auf dessen Helm "Meat is Murder" prangt.

Doch falsch liegt, wen der spanische Swing an Munro Leafs "Stier Ferdinand" denken lässt. Pazifismus ist nicht sein Ding, das Spiel mit Assoziationen schon. Zwischen Flamenco und Santana kommt "Earth Is The Loneliest Place" daher, nicht "Samba pa ti"-selig, sondern rauh, mit Fantasien vom Flüchtling, der am Zaun steht: "But you're in the wrong place/and you've got the wrong face/And humans are not really very humane/And earth is the loneliest planet of all". Die Akzente setzen Rockelemente, wobei der Text die Konkretion letztlich meidet. Mozza fokussiert zwar Gleichgültigkeit und Abstumpfung, besonders dramatisch in der ruppigen Ballade "Istanbul": Da sucht ein Vater seinen Sohn, der Hörer wähnt ihn als Leiche am Taksim-Platz liegen. Allzu eindeutige (oder platte?) Aufrufe oder Statements macht er jedoch nicht. Verlust, Einsamkeit, Ausgeliefert- und Missverstandensein bleiben Mozza-typisch individualisiert. Eben Pop, darum übertragbar. Höchst präzise, nie abstrakt, dennoch leicht unscharf. Hier passt viel rein. Morrissey nutzt den Platz, auch musikalisch.

Das Album trägt sogar Songs mit unbekümmert hüpfendem Schlagersound, weil die Texte so würzig sind, vom sattsam bekannten Selbstmitleid über deftigen Humor bis hin zu rüder Bosheit vor dem Traualtar: "Kick The Bride Down The Aisle" - schubs sie in den Kirchengang, sie will doch bloß einen Sklaven! Starke Songs, große Gesten, und niemandem etwas beweisen: Morrissey. Immer bis an den Rand biestiger Überheblichkeit.

Morrissey: World Peace Is None Of Your Business. Harvest Records/Universal 2014

Udo Feist

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