Anzug statt Lutherrock

Mit einem Kreuz am Revers vertritt Martin Dutzmann die EKD gegenüber der Politik
Prälat Dutzmann auf dem Balkon des Hauses der EKD in Berlin Mitte. Foto: Rolf Zöllner
Prälat Dutzmann auf dem Balkon des Hauses der EKD in Berlin Mitte. Foto: Rolf Zöllner
Martin Dutzmann ist seit knapp einem Jahr oberster Kirchenlobbyist in Berlin und Brüssel. Als Bevollmächtigter des EKD-Rates bei der Bundesrepublik und der Europäischen Union muss der frühere Militärbischof die Interessen der Kirchen in der Politik vertreten, mit Politikern verhandeln, ihnen aber auch als Seelsorger zur Seite stehen.

Die Glocken des Kölner Doms erklingen im Berliner Reichstag. Regelmäßig lädt das Geläut vom Band die Abgeordneten und Mitarbeiter des Bundestages zur Andacht. An der Tür steht Martin Dutzmann - groß und gerade im blauen Anzug mit Kreuz am Revers - und erwartet die Gäste. Am Abend vorher hat Deutschland den Einzug der Nationalmannschaft ins Achtelfinale der Fußball-WM gefeiert, noch sind die Stühle im Andachtsraum leer. "Hoffentlich kommt überhaupt jemand", sorgt sich die Dame von der Bundestagsverwaltung. Martin Dutzmann lächelt: "Wir freuen uns über jeden, der kommt, und ärgern uns nicht über die, die nicht kommen".

Es kommen ein Dutzend Besucher, die schmalen Holzstühle mit der hohen steilen Lehne sind zur Hälfte besetzt. Die Glocken vom Band verstummen, der Organist beginnt mit dem Vorspiel, später erklingt "Geh' aus mein Herz". Dutzmann steht mit gespanntem Körper hinter dem Altarblock inmitten der Nagelbilder Georg Ueckers und stellt Paul Gerhardts Lied in den Mittelpunkt der Andacht. Das fröhliche Sommerlied wurde zur Beerdigung seiner Mutter gesungen, denn sie habe es sich so gewünscht. "Sie war eine Frau voller Lebensfreude." Aber dieses Lied ist ja auch mehr als eine farbenfrohe Beschreibung der Natur. Dutzmann verweist auch auf die Hoffnung, dass Gott am Ende alle Tränen trocknet. Und dass es in den letzten Strophen darum geht, selber zum Baum zu werden, der Frucht bringt - sehr passend, auch für Menschen, die tagtäglich Politik machen.

Zwischen diesen bewegt sich Martin Dutzmann nun seit knapp einem Jahr als "Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union". Ein langer Titel für ein anspruchsvolles Amt, dessen Inhaber den Titel "Prälat" trägt. Schließlich gilt es, gleichzeitig als Lobbyist und Seelsorger zu arbeiten. Dutzmann sieht darin keinen Widerspruch: "Man muss beide Aufgaben voneinander unterscheiden. Aber es hat schon etwas sehr Ganzheitliches, Menschen auf unterschiedlichen Ebenen zu begegnen." Und die Politiker, so die Erfahrung in seinem ersten Amtsjahr, nutzen auch die gesamte Bandbreite, die Kirche ihnen in der Person des Beauftragten bietet. "Viele seelsorgerliche Gespräche beginnen zwischen Tür und Angel nach einer Veranstaltung, das ist wie in der Gemeinde." Oder sie entwickeln sich auch aus Fachgesprächen, wie etwa bei der Frau, deren vehemente Kirchenkritik ihn stutzig machte. Es folgte dann ein Treffen unter vier Augen, das zu einem seelsorgerlichen Gespräch wurde. Dutzmann zeigt Verständnis für die "besondere Aufgabe" von Politikern, die das Gewissen schwer belasten könne.

Leutnant der Reserve

Etwa wenn es um die Frage geht, ob deutsche Soldaten in ein Krisengebiet geschickt werden oder nicht. Die Welt der Soldaten kennt Dutzmann aus eigener Erfahrung. Vor seinem Wechsel ins Amt des Prälaten war er sechs Jahre lang nebenamtlicher Militärbischof. In dieser Zeit hat sich das Bild der Bundeswehr verändert, die Wehrpflicht wurde abgeschafft, gleichzeitig sind deutsche Soldaten international im Einsatz, unter anderem im Kosovo, in Afghanistan, Mali, am Horn von Afrika. Dass solche grundlegenden Reformen, wie sie die Bundeswehr in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, zu Unsicherheit bei den Soldaten führt, liegt auf der Hand. Dutzmann konnte ihnen mit Verständnis für ihren Dienst begegnen, schließlich war er selber zwei Jahre lang Soldat gewesen und als Leutnant der Reserve aus dem Dienst geschieden. Dass er - wie auch seine beiden Brüder - Wehrdienst leistete, war für den Vater selbstverständlich gewesen. Er arbeitete als Internist im Ruhrgebiet und war Sohn eines Generals, der den deutschen Feldzug in Russland nicht überlebte. Doch auch die Mutter, ausgebildete Krankenschwester, hat Dutzmann und seinen Brüdern ein Beispiel für den Umgang mit inneren Verpflichtungen gegeben. In den Jahren vor der Konfirmation, in denen die Gottesdienstbesuche verpflichtend waren, hat sie jeden ihrer Söhne an jedem Sonntag in den Gottesdienst begleitet.

Eine enge Bindung an die Kirche hatten die Dutzmanns jedoch nicht, der Berufswunsch Pfarrer war nicht in die Wiege gelegt. Dass sich Sohn Martin nach dem Wehrdienst für das Theologiestudium einschrieb, war unter anderem Folge der Gespräche, die er mit dem Militärpfarrer geführt hatte. "Ich hatte ein eher intellektuelles Interesse an der Theologie", sagt Dutzmann. Doch das bedeutete gerade nicht den Rückzug in den Elfenbeinturm der Wissenschaft. Theologie sei doch "kein Selbstzweck", betont er. "Sie muss mit dem konkreten Leben von Menschen zu tun haben."

Deshalb habe er sich auch trotz Promotion gegen eine universitäre Laufbahn entschieden und wurde 1987 Gemeindepfarrer in Remscheid im Bergischen Land. Damals wie heute reizt es ihn, danach zu suchen, "was die Bibel Menschen in prekären und schwierigen Situationen zu sagen hat." Selber Fragen stellen, selber nach Antworten suchen, die Wissenschaft als Anregung und Korrektiv nutzen, aber nicht als Monstranz vor sich hertragen - das ist bescheiden und selbstbewusst zugleich. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine Karriere in der Kirche. Dutzmann wird Superintendent im Kirchenkreis Lennep (Remscheid), wechselt dann aus der unierten rheinischen in die reformierte lippische Landeskirche, an deren Spitze er als Landessuperintendent acht Jahre steht.

Klare Worte

In deren Prägung habe er sich gut eingefunden, sagen einige, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Aber auch, dass er ein Mann der deutlichen Worte und klaren Positionen ist und diese auch gegen Widerstände durchsetzen kann. Der Reformdruck war steter Begleiter seiner Arbeit, immer wieder ging es um die Frage, wie eine sowieso schon kleine Landeskirche auf Dauer überleben kann, wenn immer weniger Menschen eine innere Verpflichtung zur Mitgliedschaft empfinden. Und Dutzmann erfüllte hier weniger die Rolle des Seelsorgers, als die des Managers. Es galt, zu sparen, und es wurde gespart: Ein Tagungshaus der Landeskirche wurde abgestoßen, Verwaltungen umgebaut, Stellen abgebaut. Damit macht man sich nicht bei allen beliebt. "Aber es war ihm wohl wichtig, dass er seinen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit dieser Landeskirche leistet und seinem Nachfolger kein unbestelltes Feld überlässt", heißt es aus seinem Umfeld.

In seinem nüchternen Büro mit sehr aufgeräumtem Schreibtisch am Berliner Gendarmenmarkt hing vor einem Jahr noch ein Kreuz aus Kunststoff, das neongrün leuchtete. Dutzmann gefiel es nicht, der Sekretärin schon, deshalb fand es jetzt einen neuen Platz im Vorzimmer. Im Büro selbst hängen nun Bilder, die eine genauere Betrachtung brauchen, um sie zu verstehen. Mittelalterliche Darstellungen aus Assisi sind wie bei einer Doppelbelichtung unterlegt mit modernen Fotografien der Stadt. Auch der Blick aus dem Fenster fällt auf eine Komposition von Geschichte und Gegenwart, inmitten vieler Neubauten aus der Nachwendezeit steht der Französische Dom und gleich davor die Französische Friedrichstadtkirche, die Anfang des 18. Jahrhunderts von der Berliner Hugenottengemeinde errichtet wurde.

Hierher lädt die EKD einmal im Jahr, im Juni, zum "Johannisempfang", bei dem sich kirchliche und politische Prominenz begegnen. Der Ratsvorsitzende hält den Festvortrag, doch der Bevollmächtigte tritt als Gastgeber vor Kanzlerin und Kabinettsmitglieder und setzt den ersten Akzent des Abends durch seine Begrüßung. Dutzmanns Vorgänger Bernhard Felmberg hat diese Rolle stets charmant parlierend ausgefüllt. Im vergangenen Jahr musste dann kurzfristig sein Stellvertreter übernehmen, weil die EKD ein Disziplinarverfahren wegen "Fragen der Lebensführung" gegen ihren obersten Repräsentanten in der Bundespolitik eingeleitet hatte. "Der Prälat, der zu viele Frauen liebte", titelte damals die Bild-Zeitung. Das alles sorgt in Kirchenkreisen noch immer für verdruckste Mienen.

An diesem verregneten Sommerabend begrüßt nun Martin Dutzmann zum ersten Mal die Gäste in der vollbesetzten Kirche. Wird er seinen Vorgänger erwähnen, mit dem ihn in diesen Minuten viele im Raum vergleichen? Während jener stets im Lutherrock und mit großem Prälatenkreuz vor dem Bauch die Gäste begrüßte, wählt Dutzmann erneut den Anzug und das kleine Ansteckkreuz am Revers. So hat er es schon bei seiner Einführung als Militärbischof gemacht, nicht nur, weil er weder Lutherrock noch Kollarhemd besitzt. Dahinter steckt auch eine Grundhaltung: "Das Priestertum aller Getauften ist für mich ein wichtiger Grundsatz, dem ich auch durch meine Kleidung Rechnung tragen möchte", sagt er später.

Große Vorgänger

In seiner Begrüßung verweist Dutzmann auf alle bisherigen Beauftragen. Hermann Kunst, Heinz-Georg Binder, Hartmut Löwe, Stephan Reimers - wohl die wenigsten Besucher können mit allen Namen etwas anfangen. Aber Dutzmann will an diesem Abend deutlich machen: "Ich hatte große und großartige Vorgänger im Amt, auf deren Schultern ich stehe." Auch auf denen seines direkten Vorgängers, den er ausdrücklich als "verlässlichen Partner" lobt. "Bernhard Felmberg machte mir den Beginn im Amt des Prälaten leicht."

Durch die lange Liste von Namen fällt die Begrüßung länger und weniger geschmeidig aus, als sich das so mancher Besucher wünscht. Doch sie hat ihr Ziel erreicht: Alle Vorgänger haben ihren Platz in der Galerie - und der neue Prälat hat seinen Platz eingenommen. Betont bodenständig, wie es zu einem kernigen Mitfünfziger passt, der einmal in der Woche im Kirchenchor singt, seit 25 Jahren im Sommer im gleichen dänischen Ferienort Urlaub macht und für den eine zünftige Jause nach dem Wandern wohl ein größerer Genuss ist, als der Besuch eines Szene-Restaurants in Berlin-Mitte.

Seit dem 1. Oktober ist er in Berlin und Brüssel auf dem politischen Parkett unterwegs, oft gemeinsam mit seinem katholischen Amtskollegen, trifft sich mit Abgeordneten, lädt ein zu sogenannten "Gebetsfrühstücken" und Gottesdiensten. Mit seinen Antrittsbesuchen bei den Ministern ist er noch nicht durch, aber das Lobbying läuft. Das geplante Freihandelsabkommen ttip begleitet er in einem Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums und achtet auf die Konsequenzen für die Entwicklungspolitik. Er wirbt bei den Innenpolitikern für eine menschlichere Flüchtlingspolitik. Die ist schon lange eines seiner Herzensthemen, das aber durch einen Besuch der Hungerstreikenden am Brandenburger Tor nochmal einen existenziellen Schub erfahren hat.

Menschenwürdiges Sterben

Auch die Frage des assistierten Suizids, die derzeit in der Politik verhandelt wird (siehe Seite 8), steht immer wieder auf der Agenda. Dutzmann will die Diskussion noch ausweiten auf die Frage des "menschenwürdigen Sterbens in unserem Land". Manchmal geht es aber auch um die Eigeninteressen seiner Kirche - und recht trockene finanzpolitische Details. Etwa um eine EU-Richtlinie, deren Übertragung in deutsches Recht dazu führen kann, dass Kirchengemeinden Mehrwertsteuer zahlen müssen, wenn sie ihr Gemeindehaus anderen Kirchengemeinden zur Verfügung stellen.

Bei alldem orientiert sich Dutzmann an der Fünften These der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, wonach die Kirche grundsätzlich den Staat unterstützt, der Recht und Frieden schafft. "Das widerspricht einer wohlfeilen Politikerschelte, bedeutet aber umgekehrt nicht, dass wir ihnen nach dem Mund reden", sagt er. Denn in Barmen V heißt es auch, dass die Kirche an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten erinnert. Kirche muss gegenüber der Politik also auch manchmal als Mahnerin auftreten, betont Dutzmann. "Aber die Kritik muss erkennbar theologisch und biblisch begründet sein."

Stephan Kosch

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