Objektivität mit Grenzen

Die Geschichte der Bibelauslegung lehrt: Alles hat Voraussetzungen
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Jede Interpretation der Bibel hat eigene Kriterien, "Sola scriptura" pur kann schnell zur Illusion werden.

Im Rahmen der theologischen Reflexionsarbeit zum Reformationsjubiläum kann man derzeit auch manches zum reformatorischen Schriftprinzip lesen - nicht zuletzt in zeitzeichen. Das Deutungsspektrum ist so vielfältig wie die Spannbreite theologischer Positionen und reicht von fundamentalistischen bis hin zu aufgeklärt-liberalen Spielarten. Im letztgenannten Sinne ergeben sich, ausgehend von einem Zitat aus Martin Luthers Vorrede zur Ausgabe des Neuen Testaments von 1522, einige Überlegungen.

"Aus diesem allen kannst du nun recht über alle Bücher urteilen und unterscheiden, welches die besten sind. Denn das Evangelium des Johannes und die Briefe des Paulus, insbesondere der an die Römer, und der erste Brief des Petrus sind nämlich der rechte Kern und das Mark unter allen Büchern, welche auch billig die ersten sein sollten." (WA DB 6, 10; Luther Deutsch, Bd. 5, S. 41)

Es lohnt sich, sich zunächst vier Voraussetzungen dieser Worte bewusst zu machen:

1. Die Metapher 'Kern und Mark' steht für die Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem. Sie bedarf der rationalen Operation des "Urteilens und Unterscheidens".

2. Beide Operationen bedürfen ausweisbarer Kriterien. Diese können nicht dem entnommen werden, was beurteilt und worin unterschieden wird. Es kann sich also nur um außerhalb der Bibel liegende externe Kriterien handeln, die an das Neue Testament angelegt werden.

3. Diese können nur von einer je vorgängigen impliziten oder expliziten Wesensbestimmung christlicher Religion abgeleitet werden.

4. Für Luther gilt der Rechtfertigungsglaube als diese implizite Wesensbestimmung. Selbst wenn der Reformator diese der Herkunft nach als paulinisches Evangelium und als Mitte der Schrift verstanden hat, entspringt deren Geltung nicht der Bibel selber.

Fragen an Luther

Daraus ergeben sich vier Fragen und Folgerungen, die bis heute vielbemühte Grundannahmen lutherischen Bibelverständnisses betreffen:

1. Kann nicht die Bibel, sondern vielmehr nur eine theologisch zu verantwortende Wesensbestimmung christlicher Religion in einer bestimmten religiösen Gemeinschaft (Kirche) als Norm und Richtschnur für den Bibelgebrauch gelten? Und kann aufgrund sich ändernder religiöser und kultureller Kontexte eine je aktuelle Wesensbestimmung christlichen Glaubens identisch mit derjenigen Luthers sein?

2. Verkennt das Beharren auf einem einfachen Sola-Scriptura-Prinzip nicht die Notwendigkeit, dass ein theologischer und religiöser Zugriff auf die Bibel immer auf Traditions- und Überlieferungsbestände der Christentumsgeschichte zurückgreifen muss? Schon die Dogmen- und Bekenntnisbildung der Alten Kirche, aber auch die gedanklichen Fortschritte und Umformungsleistungen der Reformation und des Neuprotestantismus zeigen die Ergänzungsbedürftigkeit der Bibel an. Daher ist es auch wenig sinnvoll, die Christentumsgeschichte lediglich als Auslegungsgeschichte der Bibel zu verstehen.

3. Legt die Bibel sich selber aus, wenn ihre Deutung ein hochgradig variabler Prozess ist? Von einer Klarheit der Schrift kann nur unter der Bedingung einer klaren wie vorgängigen Wesensbestimmung christlichen Glaubens gesprochen werden.

4. Luther hat die Bibel nicht als ganze als Wort Gottes und Offenbarung verstanden. Sie ist es nur dann, wenn sich ihre äußeren Worte (etwa durch Predigt vermittelt) als innere Worte (geistvermittelt), als Wort Gottes und somit als Offenbarung kommunikativ erschließen lassen.

Resümee: Im Zitat erweist sich Luther als ein Theologe, der in der Lage war, sich des konstruktiven Charakters seines Schriftgebrauchs bewusst zu werden. Luthers faktischer Schriftgebrauch erschließt sich nur durch eine kritische Rekonstruktion seines theologischen Denkprozesses, den er an dieser Stelle offenlegt. Darin erweist sich seine spezifische Deutung der paulinischen Rechtfertigungslehre als eine implizit vorausgesetzte Wesensbestimmung christlicher Religion. Dadurch eröffnen sich einige Fragen an Luthers eigene normative Schriftprinzipien und deren normative Überdehnungen. Oder zugespitzt: Ein noch so emphatischer Biblizismus und jede Form normativ-exklusiven Bibelverständnisses kann de facto den eigenen uneinholbaren Ansprüchen nicht genügen, sondern speist sich aus impliziten bis unbewussten Vorannahmen.

Georg Raatz ist promovierter Theologe, Pastor der Nordkirche und derzeit Theologischer Referent im Amt der VELKD in Hannover.

Georg Raatz

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