Lernort Auschwitz

Erziehung in Gedenkstätten
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Das Buch ist eine unausgesprochene Hommage an die Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, die seit 1986 unzählige Besucher aus Polen, Deutschland, Europa und Übersee zusammengeführt hat

Wolf Ritscher hofft, "dass die Begegnung mit diesem Ort nachhaltig auf die ethische Positionierung der BesucherInnen wirkt". Ritscher, Mitglied im Stiftungsrat der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, zeichnet in seinem Buch den langen und komplizierten Weg dazu nach, gibt Anregungen und Einsichten in die historischen, zeitgeschichtlichen, psychologischen, therapeutischen und pädagogisch-methodischen Zusammenhänge. Ein voluminöses Werk mit 450 Seiten einschließlich einer umfassenden Literaturkiste - mit Recht und aus Notwendigkeit heraus: Wer Bildung angesichts von Terror und Menschenverachtung anstrebt, begibt sich in einen mühsamen Prozess, der schließlich heilsam sein kann, wenn alle Beteiligten die Täler und Tiefen durchschritten haben. Deshalb ist handgestrickte Bildungsarbeit bei diesem Thema und an diesem Ort völlig unangemessen. Und so legt der emeritierte Professor der Hochschule Esslingen seine umfassende, akribische Arbeit vor - aus seiner eigenen wissenschaftlichen, beruflichen und auch familiären Sicht und Erfahrung heraus. Dabei streift er auch selbstkritisch die "Verstrickungen der Sozialen Arbeit in das NS-System". Der ganze "Lernort Gedenkstätte" wird mit seinen Chancen und Risiken umfassend beschrieben. Die Ambivalenzen sind in pädagogischer Offenheit auszuhalten. Aber selbstverständlich hat der Autor während seiner beruflichen Laufbahn viele Studierende bewegt, damit Auschwitz "nicht noch einmal sei" ... Der etwas spröde Titel des Buches nimmt dieses berühmte Diktum Theodor Adornos auf. Und ohne die intellektuelle und emotionale Verpflichtung dieses Ansatzes hätte Ritscher auch dieses Buch schreiben können.

Zu Anfang klärt und definiert Ritscher kenntnisreich und klug - auch detailliert - die Gruppen der Täter, Verfolgten, Menschen im Widerstand und Zuschauende. Zusammenhänge und Hintergründe werden offen gelegt. Ritscher führt dabei in die Historie ein und informiert über weniger geläufige Themen - zum Beispiel über die Verfolgung der Zeugen Jehovas, die entsetzlichen Kindersterilisationen, den "Widerstand des Herzens" sowie die ersten Krankenmorde in Grafeneck/Schwäbische Alb 1940.

Dann gewährt der Autor einen vielseitigen Einblick in das von seinem Vorgänger im Amt, Kurt Senne, 1984 initiierte und von Ritscher bis in die Gegenwart durchgeführte Hochschul-Projekt "Erziehung nach Auschwitz" mit allen methodischen und inhaltlichen Schritten. Eine Vielzahl von ausgezeichneten Materialien (auch Fragebögen) über die Gedenkstätte Auschwitz, über den Ort Oswiecim, über das Konzentrationslager, über Einstellungsveränderungen der Teilnehmenden greift das an Johann Heinrich Pestalozzi orientierte Konzept auf: "Lernen mit Kopf, Herz und Hand". So gewinnt "selbst organisiertes Lernen", "selbst reflexives Lernen" oder "(selbst) entdeckendes Lernen" Gestalt, das von allen Teilnehmenden eine hohe Professionalität verlangt. Auch multikulturelle Aspekte werden dabei bedacht, denn Lebenswelt und Biografie der unterschiedlichen Jugendlichen werden in das Konzept einbezogen.

Interessant sind schließlich noch weitere Beobachtungen: Das Thema hat eine spirituelle Dimension, die zur politischen Bildung dazu gehört. Ritscher streift dies immer wieder kurz und zurückhaltend: das "Gedenken" der hebräischen Tradition, das "Schweigen" als angemessenes Ritual, die Frage nach der Lebenswelt der Teilnehmenden, "Lernen durch Erinnern, Gedenken und emotionale Präsenz" als therapeutische Interpretation der Zeitzeugengespräche und damit die wichtige Rolle des "Erzählens" als Tradierungsform des kulturellen Gedächtnisses.

Das Buch ist eine unausgesprochene Hommage an die Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, die seit 1986 unzählige Besucher aus Polen, Deutschland, Europa und Übersee zusammenführt und wo das im Buch skizzierte Projekt seinen strukturellen Ort hat. Aber vor allem lädt Wolf Ritscher mit seinem Werk dazu ein, ähnliche Bildungsreisen mit diesem Ansatz zu unternehmen. Deshalb ist das Buch für jedes Schulkollegium, für jede Erwachsenenbildungseinrichtung - für alle, die sich der "Erziehung nach Auschwitz" stellen, eine wirkliche Hilfe und starke Motivation.

Wolf Ritscher: Bildungsarbeit an den Orten nationalsozialistischen Terrors. Beltz Verlag, Weinheim 2013, 450 Seiten, Euro 49,95.

Christian Buchholz

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