Schulprojekt als luxuriöse Ausnahme

Statt zusammenzuarbeiten, beäugen die Kirchen in Syrien einander meist skeptisch
Gottesdienst in einer Kirche in Nordsyrien. Foto: dpa / Christophe Petit Tesson
Gottesdienst in einer Kirche in Nordsyrien. Foto: dpa / Christophe Petit Tesson
In Krisenzeiten fällt der Schulterschluss mit ungeliebten Geschwistern leichter - nicht so in Syrien. Hier steckt die Ökumene in der Misere, davon profitieren Islamisten. Eine Ausnahme ist ein Vorschulprojekt zweier Kirchen im "Tal der Christen". Die Journalistin Katja Dorothea Buck hat sich mit Akteuren vor Ort unterhalten.

Dieser Tage startet im "Tal der Christen" ein kirchliches Hilfsprojekt, das für syrische Verhältnisse einige Besonderheiten aufweist: Es ist nachhaltig und ökumenisch. Zwei Kirchen, nämlich die Nationale Evangelische Kirche von Beirut (NECB) und die Evangelische Kirche in Syrien, haben sich zusammengetan und eine Vorschule für Flüchtlingskinder eröffnet. Dreißig Mädchen und Jungen im Alter von vier bis sechs Jahren werden in den Räumen eines leer stehenden Hotels betreut und unterrichtet. Außerdem bekommen sie täglich eine warme Mahlzeit. Das Vorschul-Projekt ist vorerst auf drei Jahre angelegt und geht bewusst über die reine Nothilfe hinaus. "Wir müssen davon ausgehen, dass der Bürgerkrieg noch lange dauert", sagt Habib Badr, leitender Pfarrer der NECB und Mitinitiator des Projekts.

Das "Tal der Christen" nordwestlich von Homs trägt seinen Namen nicht ohne Grund. In der Gegend leben mehrheitlich Christen. Es gilt nach wie vor als relativ sicher. Kampfhandlungen zwischen Regierungstruppen und Rebellen haben hier bisher nicht stattgefunden. Entsprechend groß ist die Zahl der Binnenflüchtlinge. Angesichts der unermesslichen Not in Syrien erscheint das Projekt wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks sind 4,25 Millionen Menschen innerhalb Syriens auf der Flucht. 2,3 Millionen sind in die Nachbarländer Libanon, Jordanien, Türkei und Irak geflohen. Kinder sind besonders vom Bürgerkrieg betroffen. Neben allem Chaos und Elend verlieren sie viele Chancen auf Bildung - keine guten Perspektiven für die Zeit nach dem Bürgerkrieg. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF haben seit Beginn des Konflikts im Jahr 2011 rund drei Millionen syrische Kinder ihre Schulausbildung abgebrochen.

Nachhaltigheit trotz Not

Dass sich zwei Kirchen für ein Hilfsprojekt zusammentun, ist in Syrien etwas Besonderes. Von den anderen Kirchen werde man allenfalls skeptisch beäugt, sagt Badr. "Ein Projekt, das auf Nachhaltigkeit angelegt ist, erscheint angesichts der Unwägbarkeiten dieses Bürgerkriegs und der großen Not als purer Luxus." Sie hofften allerdings, dass sie Christen aus anderen Kirchen für die Mitarbeit an dem Projekt gewinnen könnten. "Ökumene ist wichtig."

Statt der Aufmerksamkeit der Glaubensgeschwister vor Ort bekommen die beiden Trägerkirchen Unterstützung aus der weltweiten Ökumene. Die Evangelische Mission in Solidarität (EMS) mit ihren 28 Kirchen und Missionsgesellschaften in Asien, Afrika und Europa hat das Vorschul-Projekt zu ihrem eigenen erklärt. Fast alle EMS-Kirchen - von Württemberg über Baden, Hessen-Nassau, der Pfalz und den Herrnhutern bis hin zu verschiedenen Kirchen in Indonesien, Korea und Japan - unterstützen das Projekt im "Tal der Christen" finanziell und ideell. So viel Ökumene kennt man in Syrien sonst nicht.

Die gut zwei Millionen syrischen Christen bilden mitnichten eine homogene Gruppe. Das fängt bei der Vielzahl der Konfessionen und Denominationen an. Ein Blick in die syrische Kirchenlandschaft lässt die dogmatische, hierarchische und politische Vielfalt erahnen. Neben den 500.000 Griechisch-Orthodoxen stellen die griechisch-katholischen Christen mit bis zu 240.000 Mitgliedern die zweitgrößte Gruppe, gefolgt von den armenisch-apostolischen Christen (150.000), den syrisch-orthodoxen Christen (90.000) und der syrisch-maronitischen Kirche mit 60.000 Mitgliedern. Erwähnt werden sollten schließlich noch die armenisch- katholische, syrisch-katholische, chaldäisch-katholische sowie die vielen kleinen protestantischen Kirchen.

Eigener Ritus, eigener Klerus

Jede Kirche hat nicht nur ihre eigene Geschichte und ihren eigenen Ritus, sondern auch ihren eigenen Klerus. Und das kann insbesondere in Bürgerkriegszeiten zum Problem werden. Denn was der eine Bischof sagt, muss der andere noch lange nicht meinen. Anfang Dezember beispielsweise verbreitete sich die Nachricht, dass der griechisch-orthodoxe Bischof Lukas El Khoury, Assistent des Patriarchen von Antiochien in Damaskus, alle jungen Christen aufgerufen haben soll, die Heimat Syrien im Zweifelsfall auch mit der Waffe zu verteidigen. Schnell wurde dieses Statement von anderen Bischöfen wie dem syrisch-katholischen Erzbischof Jacques Behnan Hindo kritisiert, bis El Khoury selbst dementierte, jemals etwas Derartiges gesagt zu haben. Die Medien hätten ihm diese Worte in den Mund gelegt. Was vielleicht tatsächlich eine unangemessene Zuspitzung der Medien war, würde allerdings gut zur nicht funktionierenden syrischen Ökumene passen.

Solidarische Zusammenarbeit über Kirchengrenzen hinweg gibt es zwar immer wieder auf lokaler Ebene. Unterschiedliche Gemeinden arbeiten in der Flüchtlingshilfe zusammen, gewähren Schutzsuchenden in ihren Kirchen und Gemeindehäusern Obdach und Heizung und organisieren gemeinsam Nahrungsmittel und medizinische Versorgung. "Doch auf der Ebene der Kirchenführungen ist die Zusammenarbeit sehr schwer", sagt Habib Badr. Es sei schwierig, die Bischöfe und Patriarchen an einen Tisch zu bringen. Für Badr ist diese Erkenntnis umso schmerzhafter, weil er seit vielen Jahren zu den wenigen treibenden Kräften in der nahöstlichen Ökumene gehört. Auch Riad Jarjour, ehemaliger Generalsekretär des Nahöstlichen Kirchenrats und selbst aus Syrien stammend, kann in seiner Heimat keine ökumenischen Ansätze entdecken. "Leider ist der Middle East Council of Churches, der jetzt eigentlich eine einigende Rolle spielen müsste, dazu derzeit nicht in der Lage", sagt Jarjour.

Den syrischen Christen fehlt es nicht nur an einer einigenden Instanz. Sie haben nicht einmal ein gemeinsames Feindbild. Wie die restliche syrische Bevölkerung teilen sich die Christen in (wenige) Befürworter des Regimes, (wenige) Anhänger der Opposition und eine große schweigende Mehrheit, die weder für die eine noch die andere Seite Partei ergreifen möchte. Vor allem werden sie immer wieder zum Spielball der Konfliktparteien. "In Syrien missbrauchen sowohl das Assad-Regime als auch die fanatischen Jihadisten die Christen als Treibstoff in ihrem Krieg gegen den jeweils anderen", sagt Najib Awad, außerordentlicher Theologieprofessor am Hartford-Seminar in Connecticut, usa, der ebenfalls aus Syrien stammt. "Beide Seiten bringen die Christen gezielt in Situationen, in denen sie sich zwangsläufig loyal mit der einen oder anderen Seite erklären müssen."

Zusammenschluss der Islamisten

Mit ihrem Unvermögen, an einem Strang zu ziehen, stehen die Christen in Syrien nicht allein. Andere religiöse und ethnische Gruppen tun sich in diesem Punkt genauso schwer. Jahrzehntelang haben die Führungsköpfe aus dem Assad-Clan, der selbst zur schiitischen Minderheit der Alawiten gehört, ihre Macht mit der Strategie "divide et impera" gefestigt. Den Christen suggerierten sie, dass sie sie vor den radikalen sunnitischen Muslimen schützen würden. Und innerhalb der Christen privilegierte das Regime die eine Kirche mehr als die andere. Jeglicher Gemeinschaftssinn wurde so im Keim erstickt. Entsprechend schwer fällt den Kirchen jetzt der Schulterschluss. Der politischen Opposition geht es da übrigens nicht anders.

Nur eine Gruppe zeigt derzeit den Willen, für ein gemeinsames Ziel Kompromisse einzugehen. Ausgerechnet die verschiedenen islamistischen Rebellengruppen, die zum Teil aus Syrien stammen, zum Teil aus dem Ausland kommen, haben erkannt, dass sie nur erfolgreich sein können, wenn sie gemeinsame Sache machen. Der Zusammenschluss von sieben islamistischen Rebellenbewegungen Ende November 2013 zur Islamischen Front war für viele ein Alarmzeichen. Die Islamisten haben den Vorteil, dass sie eine klare Vorstellung davon haben, wie das Land einmal aussehen soll: Sie kämpfen für einen islamischen Staat in Syrien. Die Frage, welchen Platz die Christen (und auch andere ethnische und religiöse Minderheiten) in einem solchen Staat einnehmen würden, ist so berechtigt wie unbeantwortet. Entsprechend groß ist die Angst vor einer solchen Zukunftsvorstellung.

Hinzu kommen die gezielten Übergriffe auf Christen. Im Mai wurden zum Beispiel zwei Bischöfe aus Aleppo entführt, von denen bis heute jede Spur fehlt. Christliche Dörfer und Städte, die eigentlich keinen militärstrategischen Wert haben, werden immer wieder Ziel von islamistischen Rebellengruppen. So zum Beispiel Maalula. Mehrfach wurde die kleine Stadt nordöstlich von Damaskus angegriffen. Sie ist der einzige Ort auf der Welt, in dem noch Aramäisch, die Sprache Jesu, gesprochen wird. Für syrische Christen hat Maalula besondere Symbolkraft. Doch auch andere christliche Orte werden zur Zielscheibe der Islamisten. In Sadad nördlich von Damaskus starben im Oktober 45 Zivilisten. Nach Aussagen von Augenzeugen wurden sie auf der Flucht erschossen. Zahlreiche Kirchen wurden zerstört oder dienten als Rückzugsort für die Kampftruppen. Hassparolen gegen Christen wurden auf Häuserwände geschmiert. Von Zwangskonvertierungen wird berichtet.

Erheblicher Mitgliederschwund

Später vertrieben die Regierungstruppen die Rebellen wieder aus Sadad. Wer will es den Christen vorwerfen, dass sie dies als Befreiung empfunden haben? Und wer will es den Christen verübeln, die in der Auswanderung ihre einzige Chance sehen? Mehr als 400.000 syrische Christen sollen das Land bereits verlassen haben. Täglich werden es mehr. Die Chancen, dass die Auswanderer irgendwann einmal in die Heimat zurückkehren, sinken, je länger der Bürgerkrieg andauert. Für die Kirchen bedeutet dies einen erheblichen Mitgliederschwund. "Die meisten Bischöfe und Patriarchen sorgen sich um die Zukunft ihrer eigenen Kirche, und das führt dazu, dass man noch weniger solidarisch untereinander ist", sagt Habib Badr.

Für kirchliche Hilfsorganisationen außerhalb Syriens stellt diese ökumenische Misere ein echtes Problem dar. Gerne würde man wie üblich die Gelder an eine zentrale kirchliche Einrichtung überweisen, mit der alle oder wenigstens die meisten Kirchen in Syrien vertrauensvoll zusammenarbeiten und die sich dezidiert neutral verhält. Doch diese Instanz gibt es nicht. Da verwundert es nicht, dass die Diakonie Katastrophenhilfe (DKH) beispielsweise erst 2013 in die humanitäre Hilfe in Syrien eingestiegen ist. Man habe lange nach einem Partner gesucht, der den entwicklungspolitischen Kriterien des Hauses entspreche, heißt es bei der DKH. Mittlerweile arbeite man mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchat von Antiochien zusammen.

Unter dem Dilemma der Hilfsorganisationen leiden die syrischen Christen am allermeisten. Und manch einer fühlt sich von den Schwestern und Brüdern im Westen im Stich gelassen. Das bemerken besonderes diejenigen, die persönliche Kontakte zu syrischen Christen haben. "Bei Telefonaten mit den Partnern muss ich mir erst einmal anhören, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung gerade engste Verwandte verloren hat, dass die Kirche, in der alle seine Kinder getauft worden waren, zerstört wurde, dass Bekannte von Kampftruppen als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden oder dass es von Freunden kein Lebenszeichen mehr gebe", sagt Owe Boersma, Nahost-Referent des Evangelischen Missionswerks in Deutschland. "Ich komme da oft in die Rolle des Seelsorgers." Er stelle immer wieder fest, dass es in Deutschland im Umgang mit syrischen Partnern keine "Struktur des Zuhörens" gebe. Aber "syrische Christen brauchen neben finanzieller Hilfe auch die Möglichkeit, überall das Verlorene betrauern zu dürfen", sagt Boersma.

Katja Dorothea Buck

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