Exodus der Christen

Im Nahen Osten suchen Kirchenführer nach Perspektiven für ihre bedrohte Religion
Christliche Flüchtlinge aus Karakosch im Nordirak suchen Zuflucht in der Mor Schmony Kirche in Ankawa. Foto: dpa/ Christophe Petit Tesson
Christliche Flüchtlinge aus Karakosch im Nordirak suchen Zuflucht in der Mor Schmony Kirche in Ankawa. Foto: dpa/ Christophe Petit Tesson
Die christliche Tradition im Orient ist bedrohter denn je. Viele nahöstliche Christen fühlen sich vom Westen im Stich gelassen. Sie suchen jetzt verstärkt den Schulterschluss mit den moderaten Muslimen in der Region. Die Journalistin Katja Dorothea Buck beschreibt die Lage vor Ort.

Die Lage der Christen im Nahen Osten ist dramatisch. Aus allen nahöstlichen Kirchen sind dringende Hilferufe zu hören. Erst kürzlich wandte sich der Höchste Rat der Evangelischen Gemeinden in Syrien und Libanon mit einem dringenden Appell an alle evangelischen Kirchen und Organisationen in der Welt, sie sollten doch bitte das Ihre tun, die vollständige Zerstörung christlicher Präsenz im Nahen Osten zu verhindern. Allein der Tonfall ließ aufhorchen. Bisher waren gerade die evangelischen Kirchenvertreter aus der Region dafür bekannt, zurückhaltend und besonnen zu formulieren. Panikmache gehörte nicht zu ihrem Repertoire.

Nun ist aber über die Grenzen der Denominationen hinweg Existenzangst herauszuhören. Anfang September reisten alle orthodoxen Patriarchen aus dem Nahen Osten nach Washington, um sich bei der internationalen Gemeinschaft Gehör zu verschaffen. Beschara Rai, Patriarch der mit Rom unierten maronitischen Kirche, rief die USA und den UN-Sicherheitsrat auf, "eine klare Haltung einzunehmen und noch aggressiver aufzutreten, um die Christen zu schützen, die vom Islamischen Staat und anderen terroristischen Gruppen abgeschlachtet und vertrieben werden."

Neu sind aber auch andere Töne. Immer öfter ist der Vorwurf zu hören, der Westen setze sich nicht genug für die Christen im Nahen Osten ein. Man fühle sich im Stich gelassen. "Wenn der Koran verbrannt wird, gibt es Demonstrationen auf der ganzen Welt. Wenn aber Tausende von Christen umgebracht werden, steht niemand auf", sagte kürzlich Habib Ephrem, Vorsitzender der Christlich-Syrischen Gemeinschaft im Libanon bei einer Konferenz in Kairo, zu der die "Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen im Nahen Osten" (FMEEC) eingeladen hatte. Die aus Amerika, Schweden, Dänemark, Holland, Frankreich, Deutschland und der Schweiz angereisten Kirchenvertreter konnten dem nichts entgegensetzen. Man appelliere zwar an die jeweilige Regierung und versuche auf der politischen Ebene die Belange der Christen im Nahen Osten zu Gehör zu bringen. Das generelle Interesse in der Bevölkerung sei aber eher gering, gaben die westlichen Teilnehmenden zu.

Tote Winkel

In Frankreich beispielsweise gebe es nur wenig Verständnis für das Schicksal der nahöstlichen Geschwister, sagte Albert Huber von "Action Chrétienne en Orient". "Wir haben unsere toten Winkel, wie zum Beispiel den Neokolonialismus oder die starke Lobbyarbeit für Israel, die viele andere Brennpunkte in den Schatten stellt." Nach wie vor herrsche die arrogante Meinung vor, der selbsternannte Weltgendarm zu sein. "Wir müssen noch viel Aufklärungsarbeit leisten", sagte Huber. Dem konnte Mogens Kjaer von "Danmission" nur zustimmen. In Dänemark setzten sich nur wenige für die Christen im Nahen Osten ein. "Die Medien sind nicht daran interessiert." Nach den Vorfällen in Mosul hätten die Hauptgeschichten von den Jesiden gehandelt, nicht von den Christen, sagte Kjaer. Er frage sich, wie es um die internationale christliche Solidarität bestellt sei. Gerade die bräuchten die Christen im Nahen Osten dringend, um eine Chance zu haben. Dabei ist es für den Irak vielleicht schon zu spät. Kenner der Region fürchten, dass die fast 2.000-jährige christliche Tradition am Euphrat in den letzten Monaten den entscheidenden Dolchstoß erlitten hat. Der radikale Islamische Staat (IS) hat nicht nur zahlreiche Kirchen und Klöster und damit das kulturelle Erbe der Christen zerstört. Die Terrormiliz hat ihnen auch das Vertrauen in eine Zukunft im Irak genommen.

Wer vor den Grausamkeiten des IS fliehen musste, ist glücklich, wenn er sich woanders eine sichere Existenz aufbauen kann. Und wer den Irak noch nicht verlassen hat, muss auch in den Gebieten, die nicht vom IS kontrolliert werden, jederzeit mit dem Tod rechnen, wie zum Beispiel Gemeindeglieder des irakischen Pfarrers Farouk Badeel Hammo. Während er Mitte September in Kairo mit Kirchenvertretern aus aller Welt zusammensaß, riss in Bagdad eine Autobombe eine Frau und ein Kind aus seiner Gemeinde in den Tod. "Ich sage meiner Gemeinde immer, dass wir jederzeit bereit sein müssen", sagte Hammo. "Wir stehen aber kurz vor dem Kollaps."

Auch in Syrien hat der Exodus in manchen Regionen ein dramatisches Ausmaß angenommen. Der armenisch-evangelische Pfarrer Haroutune Selimian aus Aleppo berichtete zum Beispiel, dass die Menschen in seiner Gemeinde große Angst vor der Zukunft hätten. Seit Jahren würde die Stadt immer wieder angegriffen, wobei die Kriegsparteien zynischer Weise besonders die Ziele ins Visier nähmen, wo viele Menschen lebten. "Im Stadtzentrum gibt es mittlerweile kein einziges Gebäude mehr, in dem jemand wohnt", sagte Selimian. Fast die gesamte armenische Gemeinschaft sei mittlerweile nach Armenien ausgewandert. Aus Aleppo seien in den letzten Monaten allein 15.000 Armenier weggegangen.

Schulterschluss mit Muslimen

Wer aber könnte diesen Exodus aufhalten? Wer könnte verhindern, dass das Christentum in der Region, in der es seine historischen Wurzeln hat, für immer erlischt? Der Westen kann in der Tat vielleicht nur sehr wenig tun, um dieser Dynamik Einhalt zu gebieten.

Das wird offenbar auch immer mehr Christen im Nahen Osten bewusst. Sie suchen deswegen verstärkt den Schulterschluss mit den moderaten Muslimen in ihren Ländern. Die zentrale Frage für ihre Zukunft in der Region ist nämlich nicht: Was tut der Westen? Existenziell ist vielmehr, was die muslimische Mehrheit von den religiösen Minderheiten hält und wie sich die muslimische Welt entwickelt. Wird sie radikaler, wird das Christentum nach 2.000 Jahren im Nahen Osten aussterben. Können sich aber die moderaten Muslime Gehör verschaffen, haben die Christen in der Region noch eine Chance.

Zu ihrer Konferenz hatte die FMEEC deswegen zahlreiche muslimische Würdenträger und Intellektuelle aus dem Libanon, Tunesien, Sudan und Ägypten eingeladen. Und diese machten anhand verschiedener islamischer Gesellschaftskonzepte, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelt wurden, deutlich, dass der Koran einer rechtlichen Gleichheit zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen keineswegs im Wege steht. Das große Problem ist aber: Die breite Masse der Muslime kennt diese Konzepte überhaupt nicht. Deswegen mahnte Al Sadiq Abdallah Al Faqeeh vom "Arab Thought Forum" in Amman, nicht mehr nur nach der Theorie zu fragen, sondern zu handeln. "Wir müssen dringend umsetzen, was wir predigen." Prediger dürften nicht länger gegen Christen hetzen. Sie sollten den Leuten beibringen, dass die arabischen Christen schon vor dem Islam in der Region waren und Vorreiter in der Medizin, Philosophie und in den Wissenschaften waren.

Auch für Scheich Muhiy Eddine Al Afeefi vom Rat für Islamische Studien an der Al-Azhar, der höchsten Lehrinstitution im sunnitischen Islam, ist das Erstarken des Extremismus ein Ausdruck mangelnder Bildung. "Wir müssen zu den Menschen gehen und ihnen erklären, warum die Dschihadisten ein falsches Bild vom Islam zeichnen. Sie müssen lernen, dass der Islam moderat ist", sagte er und setzte mit Blick in die Runde hinzu: "Dabei brauchen wir Ihre Hilfe."

Chance durch Bildung

Diese Avance den Christen gegenüber kam nicht von ungefähr. In Bildungsfragen sind die Christen im Nahen Osten, insbesondere die evangelischen, Vorreiter. Kirchliche Schulen sind ein fester und wichtiger Bestandteil in den Bildungssystemen der Länder zwischen Euphrat und Nil. Sie genießen auch bei vielen Muslimen einen guten Ruf, weil die Kinder dort nicht nur einen guten Unterricht bekommen, sondern auch Werte wie Toleranz und Respekt dem anderen gegenüber lernen.

Leider kann sich die breite und vor allem arme Masse den Besuch einer solchen Schule nicht leisten und geht in die völlig überfüllten und schlecht geführten staatlichen Schulen. "Radikale Denkmuster lassen sich nur ausschalten, wenn wir gemeinsam in die Bildung der breiten Masse investieren", sagte Munib Younan, der lutherische Bischof aus Jerusalem. "Wir müssen die Lehrpläne in der arabischen Welt ändern, damit die Menschen lernen, sich in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und friedlich miteinander zu leben", sagte Younan.

Auch Habib Badr, Leitender Pfarrer der Nationalen Evangelischen Kirche in Beirut, sieht im Bildungsbereich einen Schlüssel für die Zukunft der Christen im Nahen Osten. "Moderate Ideen werden vor allem von denjenigen vertreten, die eine gute Bildung haben." Er sei enttäuscht, dass der Westen an der Bildungsfrage im Nahen Osten kein großes Interesse mehr habe. Früher habe der Westen in Bildung eine seiner Hauptaufgaben in der Region gesehen. Heute kämpften viele Schulen ums Überleben.

Der Einfluss, den die Christen über ihre Bildungseinrichtungen auf die Gesellschaft nehmen können, ist in den letzten Jahren stetig gesunken. In Palästina beispielsweise waren Mitte des 20. Jahrhunderts noch die Hälfte der Schulen in kirchlicher Trägerschaft. Heute sind es nur noch zwei Prozent. Deswegen kann Bildung allein es auch nicht richten. Es braucht Gelegenheiten, den jeweils anderen besser kennenzulernen. Der Dialog spielt für die Zukunft der Christen im Nahen Osten eine ebenso große Rolle. Dieser darf allerdings nicht nur hinter verschlossenen Türen stattfinden, sondern muss im konkreten Leben verankert sein.

Die anglikanische Kirche hatte beispielsweise nach den Attentaten vom 11. September 2001 ein Dialogprogramm mit der islamischen Wissenschaftsinstitution Azhar, die vom ägyptischen Staat finanziert wird, begonnen. Jedes Jahr trafen sich die Würdenträger und diskutierten miteinander. "Dieser traditionelle Dialog der Religionsführer hat nicht viel gebracht", sagt Munir Anis, Bischof der anglikanischen Diözese Nordafrika und vom Horn von Afrika. "Es gibt heute mehr Gewalt als je zuvor in unserer Region." Seine Kirche setze deswegen seit zwei Jahren auf Dialogprogramme, die Menschen von der Basis zusammenbringen; sei es in gemeinsamen Alphabetisierungskursen, in gemeinsamen Retreats für Pfarrer und Imame aus den gleichen Ortschaften, in Kunstausstellungen, Theater oder Musik. "Wir müssen die Leute erreichen, wenn wir etwas bewirken wollen."

Wenn die Christen im Nahen Osten eine Zukunft haben sollen, dann muss aus dem bisherigen Nebeneinander ein konkretes Miteinander mit den Muslimen werden. Nur so haben sie eine Chance, die dramatischen Zeiten des Bürgerkriegs und das grausame Treiben der Terrormilizen zu überstehen. Und bei dieser großen Aufgabe können die Kirchen im Westen durchaus eine unterstützende Rolle spielen; sei es durch Finanzierung, sei es durch Ermutigung oder durch freundschaftliche Begleitung.

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Katja Dorothea Buck

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