Schwarz und rot

Warum die Rose in das Zentrum des theologischen Denkens Martin Luthers führt
Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart. Foto: dpa/ Norbert Neetz
Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart. Foto: dpa/ Norbert Neetz
Seit 1516/17 verwendete Martin Luther die Rose als Siegelbild für seine Korrespondenz. Dass sich die Lutherrose wirkungsgeschichtlich als geeignete Bildmarke für evangelisch-lutherische Kirchen und ihre Institutionen erwies, ist daher kein Zufall. Warum, weiß Mareile Lasogga, Oberkirchenrätin im Amt der Vereinigten-Evangelisch Lutherischen Kirche Deutschlands.

Die so genannte "Lutherrose" ist das Siegelbild, das Martin Luther seit 1516/17 für seine Korrespondenz verwendete. Zugleich fungierte es als Schutzzeichen, das die Echtheit der Drucke von Luthers Werken verbürgen sollte. Die Entstehungsgeschichte des Bildzeichens ist nicht vollends geklärt. Möglicherweise hat Luther es im Rückgriff auf ein altes Familienwappen selbst gestaltet und sich dabei von dem Motiv weißer Rosen auf rotem Hintergrund leiten lassen, das ein Fenster im Chorraum der Augustinerkirche seines Ordens in Erfurt schmückte. Der Anlass für die Gestaltung und den Gebrauch des Siegels könnte in Luthers Übernahme des Amtes eines Distriktvikars seines Ordens 1516 begründet liegen.

Fast anderthalb Jahrzehnte später erläutert Luther die Gestaltung und Farbgebung der Lutherrose in einem Schreiben vom 8. Juli 1530 an den Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler und verleiht dem Motiv den Charakter eines "Merkzeichens" und "Compendiums" seiner Theologie. Dabei ist davon auszugehen, dass die vorgelegte Deutung - Luthers theologischer Entwicklung entsprechend - sich ihrem Verständnis von 1516 gegenüber verändert hat. Mit Blick auf die Verhandlungen über das Augsburger Bekenntnis die Confessio Augustana auf dem Augsburger Reichstag ist außerdem zu bedenken, dass Luther - der sich im Sommer 1530 auf der Veste Coburg in Reichsacht befand - vermutlich daran gelegen war, die Pointen seiner Theologie deutlich zu benennen. Die Lutherrose ist somit geeignet, in konzentrierter Form in das Zentrum seines Glaubens und theologischen Denkens hineinzuführen. Dass sich die Lutherrose wirkungsgeschichtlich als geeignete Bildmarke für evangelisch-lutherische Kirchen und ihre Institutionen erwies, ist daher kein Zufall. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, Luthers Interpretation des Bildzeichens folgend, dessen theologische Grundlinien aufzuzeigen

"Das erste soll ein schwarz Kreuz sein im Herzen, welches Herz seine natürliche Farbe hat, damit ich mir selbst Erinnerung gebe, das der Glaube an den Gekreuzigten uns selig macht" (Martin Luther). Das Kreuz als das Zeichen für den Tod Jesu Christi steht im Zentrum von Luthers Theologie. Denn es ist seine tiefe und theologisch leitende Überzeugung, dass sich in diesem Tod der heilvolle, lebenspendende Wille Gottes erweist, der den Menschen von den vernichtenden Mächten des Teufels, des Todes und der Sünde erlöst. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass Jesus nicht nur dem Willen Gottes entsprechend stirbt, sondern Gott selbst in diesem Menschen das Kreuz erleidet und ihm damit Heilsbedeutung verleiht. Das Kreuz bildet für Luther deshalb den Ausgangs- und Angelpunkt der Erkenntnis Gottes. Wer Gott ist und was er mit und für den Menschen will, erschließt sich einzig und allein in Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Dieser unlösliche Zusammenhang zwischen der Erkenntnis Gottes und der Erkenntnis Jesu Christi ist für Luthers Theologie konstitutiv.

Das Kreuz ist jedoch nicht nur der Ort der Erkenntnis Gottes, sondern zugleich auch der seiner abgründigen Verborgenheit, denn es bringt den heilvollen, lebenspendenden göttlichen Willen unter den Zeichen von Leiden, Gewalt und Tod zur Geltung. Die Verborgenheit ist ein wesentlicher Zug der Art und Weise, wie Gott selbst sich dem Menschen bezeugt oder offenbart. Luther hat es an seiner eigenen Person erfahren und zeitlebens immer wieder betont, dass der Mensch Gott nur "sub contrario", das heißt, unter seinem Gegenteil, im Widerspruch zu den Erfahrungen in und mit dieser Welt, erfahren, ergreifen und erkennen kann. Die damit verbundene Zumutung, das eigene Leben in den Differenzen von Leben und Tod, Sinn und Sein, Vertrauen und Anfechtung zu gestalten und zu bewähren, bildet für Luther die zentrale lebenspraktische Herausforderung, die im Glauben und mit Hilfe der theologischen Reflexion bewältigt werden will.

Existenzielle Differenzerfahrung

Der theologischen Antinomie des verborgenen und offenbaren Gottes entspricht auf Seiten des Menschen eine existenzielle Differenzerfahrung, die Luther wie folgt beschreibt: "Ob's nun wohl ein schwarz Kreuz ist, mortifiziert (tötet) und soll auch weh tun, dennoch läßt es das Herz in seiner Farbe, verderbt die Natur nicht, das ist, es tötet nicht, sondern es erhält lebendig" (Martin Luther). Die Macht des Kreuzes über das menschliche Herz ist paradoxer Art: Es tötet und erhält zugleich lebendig. In dieser Aussage spiegelt sich das biblische Zeugnis, dass das Kreuz zugleich "Gerichtswort über unser Leben vor Gott und Heilswort von Gottes Leben für uns ist" (Ingolf Dalferth).

Der Versuch deutlich zu machen, warum und inwiefern das Kreuz als Zeichen des Todes erst dann recht verstanden wird, wenn es als Quelle des Lebens ergriffen wird, führt direkt in das Geheimnis der Erlösung des Menschen um Christi willen hinein, das Luther im Bild des "fröhlichen Wechsels" zu fassen versucht hat: Die Eigenschaften Christi werden von Gott dem sündigen Menschen übertragen; die Eigenschaften des Sünders werden Christus aufgebürdet. Wie Luther betont, bleibt dieser Wechsel der Eigenschaften nicht äußerlich, sondern berührt den Menschen im Herzen, das heißt in seiner Identität. Dem Menschen, der den gekreuzigten Christus im Glauben als Heilsgabe Gottes ergreift, wird zugemutet, sich die fremde Identität des Gekreuzigten zu eigen zu machen; im Gegenzug nimmt Christus die Identität des sündigen Menschen an. Durch diesen Identitätswechsel wird der Mensch zum Leben befreit. Zugleich verbindet sich damit jedoch die Zumutung, die eigene Identität preiszugeben: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Galater 2, 20).

Anthropologisch macht diese Denkfigur deutlich, dass der Mensch nur dann zu sich selbst zu gelangen vermag, wenn er sich selbst in einem anderen - in Christus - erkennt und versteht. Der Glaube führt den Menschen somit in die existenzielle Differenz zwischen seiner biographisch entwickelten Identität und der fremden Identität, die ihm in Christus zugeeignet ist. Die lebenspraktische Aufgabe, die sich damit verbindet, zielt nicht darauf, diese Spannung aufzulösen - das vermag Gott allein in seiner Ewigkeit -, sondern die eigene Identität von der fremden Identität Christi immer tiefer durchdringen zu lassen.

Geschenke Gottes

"Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt und sogleich in eine weiße, fröhliche Rose setzt, nicht wie die Welt Friede und Freude gibt (Johannes 14, 27), darum soll die Rose weiß und nicht rot sein" (Martin Luther). Die Rose steht sinnbildlich für die heilvollen Erfahrungen, die sich dem Menschen im Glauben an Christus erschließen. Diese Erfahrungen lassen sich nicht selbsttätig herbeiführen, sondern sind "Gaben", von Gott geschenkt. Als solche haben sie eine eigene Qualität, die Luther als "geistlich" bestimmt und damit kategorial von der Freude, dem Trost und dem Frieden unterscheidet, die Menschen in dieser Welt zu finden und zu schenken vermögen.

Worin besteht der Unterschied? Vielleicht darin, dass die Gaben Gottes wirkmächtiger sind: sie haben Macht, das angefochtene, geängstigte und unruhige Herz in ein fröhliches Herz zu verwandeln. Denn das Evangelium von Jesus Christus ist eine Kraft Gottes, die Menschen selig macht. Die verwandelnde Kraft der von Gott geschenkten Freude, seinen Trost und seinen Frieden erschließen sich dem Glauben immer nur in gebrochener Form, denn solange er lebt, bleibt der Mensch den Mächten dieser Welt und damit auch seiner eigene Identität verhaftet. Die Natur des kreatürlichen Lebens, auf die die rote Farbe des Herzens verweist, steht somit in einer existenziellen Spannung zur geistlichen Bestimmung des Menschen, die in der weißen Farbe der Rose zum Ausdruck kommt.

"Solche Rose stehet im himmelfarbenen Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen, zukünftigen Freude, jetzt wohl schon darinnen begriffen und durch Hoffnung gefasset, aber noch nicht offenbar" (Martin Luther). Obgleich die Kraft des Evangeliums in dieser Welt nur verborgen unter dem Gegenteil wirksam ist, ist dem Glauben doch verheißen, dass die Verborgenheit einmal aufhören und offenbar werden soll, was wir vor und für Gott sein werden. Der Glaube ist deshalb wesentlich auf etwas Ausständiges, Zukünftiges ausgerichtet, auf Gott, der uns entgegenkommt.

Anbruch und Vollendung

Glaube und Hoffnung sind für Luther daher aufs engste miteinander verbunden; beide legen sich wechselseitig aus. Christliches Leben vollzieht sich somit in der bleibenden Differenz von Wirklichkeit und Verheißung, Gegenwart und Zukunft. Damit verbindet sich lebenspraktisch die Aufgabe, die eigene Selbst- und Welterfahrung im Kontext der gegenwärtigen Wirklichkeit in den übergreifenden Horizont von Gottes Zukunft einzuzeichnen und die jetzt gültigen Dinge des Lebens von den letztgültigen Dingen zu unterscheiden. Die himmelblaue Farbe, die die Rose wie ein Feld umgibt, bringt daher zum Ausdruck, dass der christliche Glaube Ewigkeitshoffnung ist.

"Und um solch Feld einen güldenen Ring, daß solche Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat, auch köstlich und über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchst, edelst und best Erz ist" (Martin Luther.) Der Ring, der das Siegelbild beschließt, ist das Symbol der Ewigkeit und damit Zeichen des Reiches Gottes, in dem Gott alles in allem sein wird. Dann wird offenbar werden, was dem Glauben in Gestalt der göttlichen Verheißung schon jetzt entgegen allem Augenschein zugesagt ist. So wie Luther den geistlichen Charakter der Gaben Gottes betont, so unterstreicht er auch die geistliche Qualität des Reiches Gottes, in dem der Mensch vom Glauben zum Schauen gelangt und in der vollendeten Erkenntnis der Wahrheit Gottes auch sich selber erkennen wird, so wie er von und vor Gott bestimmt ist.

Die Spannung von Glauben und Schauen, Anbruch und Vollendung markiert eine weitere und letzte Differenz, die das Leben des Menschen existenziell prägt. Sie hält ihn dazu an, die Erfahrungen in und mit der Wirklichkeit dieser Welt in den Sinnzusammenhang ihrer noch ausstehenden Vollendung zu stellen und im Ausblick auf Gottes Ewigkeit das eigene vergängliche Leben in der Zeit zu deuten und zu gestalten. Der schwarzen Farbe des Kreuzes als Symbol der Verborgenheit des lebendigen Gottes unter dem Gegensatz des Todes entspricht dialektisch die goldene Farbe der Ewigkeit, in der Gott als Quelle des Lebens offenbar sein wird, die Differenzen des Lebens aufgehoben, der Mensch erlöst und seine Freude vollkommen sein werden.

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Mareile Lasogga

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