Teilen und Mitteilen

Ein optimistischer Blick auf die Stadt der Zukunft
Foto: privat
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Jeder zweite Weltenbürger lebt in einer Stadt. Tendenz steigend. Über die Folgen dieser Entwicklung diskutierten die Kirchentagsbesucher in der Podienreihe "Stadt der Zukunft".

Wie sieht sie aus, die Stadt der Zukunft? Zum Glück doch nicht so wie einst in der klassischen Moderne phantasiert, die nach der "Charta von Athen" von 1933 ungeachtet historischer Strukturen die Stadt in Funktionseinheiten zum Schlafen, Arbeiten und Erholen zerlegen wollte, um diese dann wieder durch breite Asphaltbänder miteinander zu verknüpfen. Die verheißungsvoll flirrenden Skizzen und Modelle haben überall dort, wo sie in die Wirklichkeit umgesetzt wurden, ja nicht nur nicht gehalten, was sie versprachen, sondern haben die Probleme verschärft oder gar erst geschaffen, unter denen die Städte leiden: zu viele Straßen, die den öffentlichen Raum zerschneiden und dennoch dem Verkehr nicht gewachsen sind, Trabantenstädte am Stadtrand, die die Teilung der Stadt in arme und reiche Viertel verstärken - und natürlich der Verlust von historischer Substanz, den Sedimenten der Jahrhunderte in der steinernen Landschaft, die identitätsstiftend wirken und in diesem Sinne Heimat gaben.

Doch auch wenn seine Folgen unübersehbar sind, und er hier und da noch zuckt - der Brutalismus der Moderne hat verloren, die Stadtplaner sind klüger geworden. In den Veranstaltungen zum Thema "Stadt der Zukunft" hörten die Kirchentagsbesucher viel von der kommenden Verdichtung, also intelligenter Bebauung von Brachflächen oder Aufstockung bestehender Häuser, die Platz schaffen für den wachsenden Zuzug in die Städte und Ghettos am Stadtrand verhindern sollen. Der Stadtforscher Philipp Rode berichtete von Quoten in den ach so teuren Städten London und Hamburg, die festlegen, dass mindestens ein Drittel der neugebauten Wohnungen zu "bezahlbaren" Preisen vermietet werden und die soziale Durchmischung der Quartiere (wieder) möglich machen soll. Und die Besucher lernten in Hamburg selbst und in Berichten aus anderen Städten positive Beispiele einer neuen Mobilität kennen, in der das eigene Auto ein Auslaufmodell ist, die Straßen wieder schmaler werden und die intelligente Verknüpfung von Bussen, Bahnen, Leihfahrrädern und Car-Sharing tatsächlich funktioniert. Denn der Stadtbewohner hat gelernt zu teilen, weil das in der Stadt ja gar nicht anders geht. Und er lernt auch wieder, mit kleineren Wohnungen auszukommen - weil er sich große nicht mehr leisten kann oder will.

Noch nicht massentauglich

Wer wollte, konnte auf der Internationalen Bauausstellung im Stadtteil Wilhelmsburg Häuser sehen, an deren Außenwänden Wasser und Algen in gläsernen Kästen blubbern und Biogas erzeugen. Oder er bewunderte tatsächlich formschöne Solarzellen als Balkonbrüstungen oder als blütenblättergleiche Dachkonstruktionen, welche die Öko-Stromerzeugung auf dem benachbarten Energieberg oder im umgebauten Hochbunker unterstützt. Alles bislang zwar nur Pilotprojekte für Edel-Ökos, noch nicht massentauglich und recht teuer, doch sie stehen für einen Trend zur klimafreundlichen Stadt, der optimistisch stimmt - schließlich ist ja Kirchentag.

Aber die urbane Infrastruktur ist ja nur die Hülle, die die Menschen erst mit Leben füllen. Und die - bleiben wir optimistisch - auch in Zukunft die Kirchen der Stadt aufsuchen und schätzen. Vielleicht, weil hier die ehrenamtlichen sozialen Projekte koordiniert werden, die das Miteinander im Kiez fördern. Weil Kirchen, wie Stadtplanerin Kerstin Gothe sagte, Menschen an den verschiedenen Stationen ihres Lebens durch Gottesdienste und Rituale begleiten. Weil sie als Rückzugsraum "Möglichkeitsorte" für kulturelle und religiöse Erfahrungen sind. Und weil, so der Bischof der hannoverschen Landeskirche Ralf Meister, in ihnen das "Bekenntnis von Schuld aufgehoben ist inmitten einer Gesellschaft, die eher von Rechthaberei geprägt wird". In den Kirchen der Stadt werde immer wieder über die Grundfragen des Lebens nachgedacht, Anschluss an alte Schriften gesucht und daraus eine positive Vision entwickelt. Bleiben wir also optimistisch: Die Stadt der Zukunft wird sauberer, sozialer und lebenswerter, und die Kirche wird weiter ihren Platz in ihr finden - durch das Teilen und Mitteilen.

Kirchentag: Gemeinde
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Stephan Kosch

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