Kein aufklärendes Wort

Die EKD-Schrift zu Israel argumentiert einseitig
Foto: privat
Die Orientierungshilfe der EKD zu Israel ist eine Bestätigung des derzeitigen Mainstreams und eine reduzierte Deutung, sicher aber nicht die angekündigte Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat eine Orientierungshilfe herausgegeben, mit dem sie zu Land und Staat Israel Orientierung geben will. Auch das Verhältnis von Christen und Juden will sie damit neu bestimmen. Neben sachlichen Unstimmigkeiten, die alle zu Lasten Israels gehen, fällt der Text durch eine oft einseitige Argumentation auf.

Zunächst die Orientierung an den Leser, wie der Begriff "biblische Landverheißung" zu verstehen sei: Der jetzige jüdische Staat, so die EKD-Schrift, sei nicht theologisch zu legitimieren, weder in seiner Existenz noch in irgendwelchen Grenzen. Denn göttliche Landverheißung bedeute nicht die Zusage konkreten Landes, sondern sei nur symbolisch als Zusage von Lebensgrundlage und Sicherheit zu verstehen, und selbst diese sei nur eine Hoffnungsmöglichkeit.

Was von solch reduzierter Deutung zu halten ist und wie weit sie zu einer früheren EKD-Studie passt, nach der "Bund und Land zusammengehören", müssen Christen untereinander klären. Juden könnten mit theologischer Abstinenz von Christen gegenüber ihrem Staat gut leben. Aber die EKD lässt Israel nicht in Ruhe. Sie verpflichtet Christen zu "verantwortungsvoller und kritischer Begleitung" seiner Politik.

Diese Verpflichtung zum Engagement für den jüdischen Staat, also zur Begleitung und Kritik seiner Politik, leitet sie ab aus der jahrhundertelangen christlichen Judenfeindschaft bis hin zur Shoa. Damit folgt die Schrift offenkundig der in Deutschland verbreiteten seltsamen Logik, nach der die Beteiligung an der Shoa zu Kritik an der Politik Israels besonders qualifiziere. Die naheliegende Folgerung aus langer Judenfeindschaft, nämlich ein gewisses Misstrauen gegenüber eigenem Urteil in Hinblick auf Juden, ist für die EKD kein Thema, ganz so, als teile sie nicht das psychologische Allgemeinwissen, dass kollektive Affekte wie Judenfeindschaft über Generationen hin unbewusst tradiert werden und in immer neuen Verkleidungen Ausdruck suchen können.

Dass Israel bedroht wird, ignoriert die Schrift

Nun gibt es im Text auch beruhigende Aussagen wie etwa die, dass Israels Existenzrecht völkerrechtlich unumstritten und der Rassismus-Vorwurf gegen den Zionismus nicht haltbar sei. Seltsam im Gegensatz dazu steht nur die distanziert-neutrale Weise, mit der in der Schrift die real vorhandenen Kräfte behandelt werden, die die Existenz Israels gefährden. So kritisiert die EKD an dem ideologischen Kairos-Palästina-Dokument nur dessen theologischen Universalismus, nicht aber seine verzerrende Darstellung des israelisch-palästinensischen Konflikts. Auch die Bedrohungen Israels von moslemischer Seite aus werden, soweit nicht heruntergespielt oder gar ignoriert, wie die aus dem Iran, seltsam neutral vorgestellt. Die Hamas, so heißt es knapp, stelle ihre Organisation in einen "religiösen Kontext" oder "auch Selbstmordattentäter ... begründen ihr Martyrium in der Regel religiös." Dass die Hamas-Charta religiös argumentierend die Tötung aller Juden verlangt, wird nicht erwähnt.

Verblüffend ist auch, dass es nicht die "Argumentationsmuster" der Islamisten sind, die die EKD empören. Dieser Affekt gilt allein den "christlichen Zionisten". Deren Kritik liegt der EKD derart am Herzen, dass sie sie vorweg im Inhaltsverzeichnis ankündigt. Für keine andere Gruppierung wird vorweg das Augenmerk auf Kritik gelenkt. "Christliche Zionisten" sind in dieser Schrift auch die einzige Gruppe, der explizit Judenfeindschaft angelastet wird. Sie würden den israelisch-palästinensischen Konflikt verschärfen und stünden dem rechtsnationalen Spektrum in Israel nahe, das keine Versöhnungspolitik betriebe und kein Land an Araber zurückgeben wolle. Da ist man wohl der arabischen Propaganda auf den Leim gegangen.

Zur merkwürdige Orientierung des Textes zählt auch, dass er in die, in unserer Öffentlichkeit geradezu mantra-artig wiederholte Klage einstimmt, die Palästinenser würden an den israelischen Kontrollposten täglich gedemütigt. Kein aufklärendes Wort für die Leben schützende Funktion dieser Kontrollen, geschweige denn dazu, dass der Alltag der Juden in ihrem eigenen Staat massiv von Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen belastet ist.

Was gewinnt der Leser durch diese Schrift? Sicher nicht die angekündigte Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden, eher eine Bestätigung des derzeitigen Mainstreams. Wirklich neu wäre gewesen, wenn die EKD sich dafür eingesetzt hätte, die schlichte Normalität und Berechtigung der Interessen Israels wie auch die Gefährdung des israelischen Staates ins christliche Bewusstsein zu heben.

Birgit Schintlholzer-Barrows ist Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Die in dieser Rubrik wiedergegebenen Meinungen entsprechen nicht in jedem Falle der Redaktionsmeinung.

Birgit Schintlholzer-Barrows

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