Benachteiligt

Ein Punktum
Foto: privat
Ich hatte mich längst damit abgefunden, dass ich keinerlei Benachteiligtenstatus beanspruchen kann. Nun aber hat sich eine Chance aufgetan...

Wir leben in einer Zeit der Quotierungen. Benachteiligte sollen bessere Chancen erhalten. Noch sind nicht alle Schlachten um Frauenquoten geschlagen. Und neulich wurde der SPD-Fraktionsvorsitzende Siegmar Gabriel mit den Worten zitiert: "Gelegentlich versuche ich auch noch Leute zu benennen, die Ahnung von der Sache haben." Hintergrund: Die Vertreter von Benachteiligten in der SPD hatten nachdrücklich eine angemessene Beteiligung bei der Besetzung der Arbeitskommissionen in den Koalitionsverhandlungen verlangt, die Jüngeren ebenso wie die Homosexuellen, die Sportlobbyisten, die Transsexuellen.

Ich bin auf ihrer Seite. Seit neuestem erst so richtig. Wieso? Ich hatte mich längst damit abgefunden, dass ich keinerlei Benachteiligtenstatus beanspruchen kann: Ich bin weiß, deutsch, männlich, hetero, leidlich gesund, gehöre also zu der Gruppe, deren Benachteiligung als erstrebenswert gilt. Zwar könnte ich mich allmählich gegen Altersdiskriminierung positionieren. Aber das lohnt sich wohl nur für entsprechend Beauftragte. Der Alten sind einfach zu viele. Die meisten Noch-nicht-Alten betrachten Altersdiskriminierung einfach als Notwehr.

Nun aber hat sich eine Chance für mich aufgetan, ein Sonnenplätzchen als Benachteiligter zu ergattern. Und dies dank zweier junger Wissenschaftler, einer aus den USA (Eric Luis Uhlmann), einer aus England (Raphael Silberzahn). Sie haben festgestellt, dass Deutsche mit Nachnamen, die Assoziationen zu Adelstiteln aufrufen, signifikant häufiger in gehobene Berufspositionen gelangen als diejenigen, deren Namen ein wackeres Handwerk oder bürgerliche Tätigkeit signalisieren. Also: Kaiser, König, Fürst, Graf etc. schlagen Bauer, Müller, Zimmermann, Korbmacher usf.

Merken Sie was? Ganz recht: Ich heiße Kremers. Synonym mit Kramer, Krämer, Kremer. Ein nicht- oder gar unterprivilegierter Name. 2,7 Prozent Pseudoadlige, mehr als ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, tummeln sich in Führungspositionen, Menschen mit Namen wie dem meinen liegen 1,1 Prozent unter dem Durchschnitt. Mit anderen Worten: Gar nicht auszudenken, wozu ich es hätte bringen können ohne diese meine Benachteiligung! Schade, dass ich nicht in der SPD bin, ich wäre für einen Platz in einer der Kommissionen so gut wie gesetzt.

Übrigens: Einer hat es mit einem solchen schlichten, nach arbeitender Bevölkerung klingenden Namen sogar zum Bundeskanzler gebracht: Gerhard Schröder. Ein "Schröder" ist ein "Schneider". Aber wer weiß das schon. Wahrscheinlich dachten die Leute, der Name stünde für irgendeinen adligen Obermacker.

Helmut Kremers

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