Prekär besänftigt

Liedermacherei des Oliver Maurmann, alias Guz
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Alltag - und dann trifft er uns doch, der Sonnenstrahl, Guz sei Dank: "Lass' uns Drogen nehmen und rumfahren."

Inzwischen heißt "Networking", was früher "Beziehungen" oder schlicht "Vetternwirtschaft" waren. Alles fließt, auch die Tarnfarben der Korruption. Dabei lässt sich schweißfreie Bedürfnisbefriedigung durchaus unverschwurbelter benennen: "Wir werden immer jemand finden/den wir anpumpen können/heute oder morgen sonst wann ? egal", singt Guz. Guz ist Oliver Maurmann, Mastermind der "Aeronauten", einer 1991 in Schaffhausen gegründeten Band, deren Punk-Ansatz mit seiner Offenheit für Westerncountry, Soul, Fünfziger-, Sechzigerjahre-Filmmusik, Chansons und Elektroelemente spannend blieb.

Songfreiheiten, die sich Guz auch solo nimmt, indem er "Anpumpen" kaltlächelnd zum Outro von "Hey Jude" inszeniert, mit Streichern und süffigem Chorgesang, dazu die kratzige Nölstimme. Zur gepickten Akustischen, dem Bass und Keyboardtupfern zwischen Farfisa und Klavier folgt entspannt der Weisheitsanker des Albums: "Lass' uns Drogen nehmen und rumfahren." Cool, pur. Infragestellung mit Spaß dabei. Ein Song, den er bereits mit Knarf Rellöm und Bernadette La Hengst einspielte, darin so wundervolle Zeilen wie "Wir wollen keine Gratiszeitung/und auch den Anbieter nicht wechseln/und unsere Klamotten stinken nur von außen/tut uns leid/wir sind breit." Die Leichtigkeit und Seltenheit solcher Momente, das Glück, sie einzufangen, Guz übernimmt das für uns.

Denn seien wir doch ehrlich: Mal ist der Bauch zu voll, müssen die Kinder von der Schule abgeholt werden, ein Abgabetermin drückt oder der Wagen steht als Geisel in der Werkstatt, abgeschleppt, worüber man froh ist, aber die Rechnung steht noch aus. Alltag, und dann trifft er uns doch, der Sonnenstrahl, Guz sei Dank: "Lass' uns Drogen nehmen und rumfahren."

Um Unschuld und einst hoffnungsvolle Beziehungen geht es auch, brüchige Erotik und Sehnsucht sowieso, während andernorts "Systemkritik" genanntes Beschweren immer ganz selbstverständlich nebenher fließt, als Haltung sozusagen. Im stets passenden Soundgewand kommen Sätze dazu, die Depots bilden: "Unsere erste Million machten wir mit Schwarzfahren" ("Sommer 1984"), "Warum einen andern/wenn du mich haben kannst" ("Morgen gehörte uns"). Oder allein schon manche Titel: "Liebe beißt an seltsamen Stellen". Hier kannst du Mensch sein oder erst wieder werden. Er hat ein Händchen für das, was fehlt. Songs zum sich verlieren, mehr noch zum sich wiederfinden. Man hat es ja schon mal gewusst, irgendwann, hat es vor allem gefühlt. Und natürlich eröffnet das Album, wie sich das für ihn gehört, ein feines Western, Prärie & Weite-Instrumental: "General Guz befreit Pyongyang". Noch Fragen?

Guz: Der beste Freund des Menschen. Rookie Records/Cargo 2013

Udo Feist

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