Ein Krüglein voll Honig "Unsere Herzen, nimmst du sie an?"

Edzard Schaper und seine Legende vom vierten König
Der kleine König hat es nicht geschafft – er wird Jesus erst dreißig Jahre später unter die Augen treten. Foto: akg-images/Erich Lessing
Der kleine König hat es nicht geschafft – er wird Jesus erst dreißig Jahre später unter die Augen treten. Foto: akg-images/Erich Lessing
Edzard Schapers Legende vom vierten König galt gleich nach ihrer Veröffentlichung als ein literarisches Meisterwerk. Zu Recht, meint Matthias Hilbert, nicht zuletzt deswegen, weil sie so ganz den Geist russisch-orthodoxer Frömmigkeit spiegle.

Edzard Schaper, 1908 in Ostrowo (Ostrów Wielkopolski), geboren und 1984 in Bern gestorben, war noch bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts ein Romanautor, dem eine überaus große Lesergemeinde anhing. Später geriet sein umfangreiches Werk allmählich in Vergessenheit. Nur seine wunderschöne Legende vom "Vierten König" sowie die Erzählung "Das Christkind aus den großen Wäldern" haben ihn überlebt und müssen nicht aus dem Antiquariat bezogen werden.

In nicht wenigen seiner Werke, wie "Die sterbende Kirche", "Der vierte Advent", "Der vierte König" oder "Der Henker", hat Schaper sich nicht nur zu einem Fürsprecher der verfolgten orthodoxen Kirche des Ostens gemacht, sondern auch zu einem Anwalt der seinerzeit von der mächtigen Sowjetunion bedrängten baltischen Völker. In diesen wie auch in seinen anderen Romanen ("Die Macht der Ohnmächtigen", "Die Freiheit der Gefangenen" oder "Der Gouverneur") geht Schaper den Fragen nach menschlicher Freiheit, menschlicher Identität und sittlicher Bewährung nach. Dabei spielen die Schicksale seiner Romanfiguren sich vielfach in inneren wie äußeren Grenzsituationen und -regionen ab, gekennzeichnet durch Gefangenschaft, Flucht und Verfolgung.

Seine Romanmotive hängen aufs Engste mit seiner Biographie zusammen. Oftmals in Lebensgefahr geratend und mehrmals flüchtend, hatte er es zu gleich mehreren Staatsbürgerschaften gebracht (der deutschen, estländischen, finnischen und der schweizerischen). Die Konfrontation mit den Totalitarismen hatte ihn zunehmend davon überzeugt, dass der Mensch einer transzendenten Bindung bedürfe, und das hieß für ihn: einer das Gewissen und Tun verpflichtenden Bindung an Gott, eines auf Christi Erlösungswerk hoffenden und setzenden Glaubens.

Anfang der Dreißigerjahre hatte sich Schaper als freier Schriftsteller in Estland niedergelassen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, als die Russen in den baltischen Territorien ihren Einfluss ausbauten, verließ er zunächst das Land recht überstürzt. Danach stellt sich sein weiterer Werdegang recht verwirrend dar. Jedenfalls kehrte er im Frühjahr 1940 mit einem Empfehlungsschreiben der Reichsschrifttumskammer nach Estland zurück. In seiner "autobiographischen Skizze" heißt es lapidar: "Erste Beziehungen mit der finnischen Kontraspionage. 1940 zur Tarnung und um eine Legitimation für den Verbleib im Lande zu haben, Korrespondent der United Press. Mit heiligem Leichtsinn viele merkwürdige Transaktionen gemacht, nicht ohne Unterstützung von Canaris." Schaper scheint ein undurchsichtiges Spiel zwischen den Fronten betrieben zu haben: Im Juli 1940 wurde er wegen seiner entschieden antisowjetischen Haltung und seines Engagements für die im Untergrund lebenden russisch-orthodoxen Priester zum Tode verurteilt. Die Sowjets hielten ihn für einen Spion, der estnische Geheimdienst hatte ihn im Visier und die Nazis fragten sich misstrauisch, auf welcher Seite der Journalist und Schriftsteller stand und für wen er arbeitete.

Zuflucht in Finnland

Nach der endgültigen Annexion der kleinen baltischen Länder durch die Sowjetunion im August 1940, der in Estland kurz zuvor eine Verhaftungswelle und Deportierungen politisch unliebsamer Personen vorangegangen war, wurde es auch für Schaper höchste Zeit, vor den sowjetischen Häschern zu fliehen. Sein Zufluchtsort war Finnland, wo er als "Auslandskorrespondent" und Kriegsberichterstatter für die Berliner Börsenzeitung schrieb.

Mit der Zeit geriet Schaper immer mehr in Gegnerschaft zum Naziregime. Ganz geklärt, wie es dazu kam, ist es nicht, doch die finnische Staatspolizei vermerkt Anfang 1944, er habe seine Arbeit für die Berliner Börsenzeitung aufgegeben und sich von der NS-Regierung losgesagt. Am 31. Oktober 1944 wird er vom Volksgerichtshof in Berlin wegen "Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung zum Tode" in Abwesenheit verurteilt. Doch auch die Sowjets bleiben ihm auf der Spur. Als sie im weiteren Kriegsverlauf mehr und mehr die Kontrolle über ihren finnischen Nachbarn gewinnen, setzt Schaper sich nach Schweden ab, und 1947 gelingt es ihm, sich in der Schweiz niederzulassen.

Dass Schaper in offene Gegnerschaft zu den Nazis geraten war, dazu hatten wohl nicht zuletzt die aufwühlenden Erlebnisse beigetragen, die er nach dem Rückzug der Russen 1943 während einer Estlandreise gehabt hatte. Gegenüber Arnulf Otto-Sprunck, der Schapers Leben in Skandinavien nachgespürt hat, erklärte ein mit Schaper befreundeter Ikonenmaler und Priester, dass "Edzard Schaper von einer Fahrt nach Estland erschüttert nach Helsinki zurückgekehrt (sei), denn er habe während dieser Reise, die er mit mehreren finnischen Journalisten unternommen habe, mit eigenen Augen Menschenverfolgungen gesehen, die er kaum für möglich gehalten hätte."

Höhere Wirklichkeit

Offenbar spiegelt sich das Entsetzen über diese Vorgänge noch sehr viel später in seinem 1961 veröffentlichten Roman "Der vierte König". In ihm stelle der Autor "der harten, unkonventionell gezeichneten Wirklichkeit an der Ostfront des letzten Krieges mit der Gestalt des kleinen Königs eine andere, höhere und unzerstörbare Wirklichkeit gegenüber", meinte damals die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Die Rahmenhandlung beginnt in Aurich, in Ostfriesland. Im "Teezimmer" des Hotels "Piqueurhof" findet ein Treffen von Kriegskameraden statt, die zwei Jahrzehnte zuvor im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront eingesetzt waren. Der einstige Major Baron von Frederichs erzählt den ihm wie gebannt lauschenden Zuhörern von den Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen, die in einem russisch-orthodoxen Kloster im Osten Estlands, dicht an der Grenze zur Sowjetunion, begangen wurden und deren Zeuge er geworden war. Er habe sie trotz verzweifelten Bemühens nicht zu verhindern vermocht: SS-Einheiten hätten die Truppe, mit der der Major ins Kloster gelangt war, abgelöst. Sie hätten die vom Kloster aufgenommenen Alten und Kranken in den Tod geschickt und die Mönche zum Verlassen des Klosters gezwungen, aus dem sie eine "Ordensburg" machen wollten.

Mitten in die Romanhandlung, aber noch vor der Schilderung der eigentlichen Katastrophe, hat Schaper seine Version der Legende vom "Vierten König" eingebaut, "in ihrer Schlichtheit und Tiefe, in ihrer Menschlichkeit und Glaubensstärke ein Meisterwerk" (Otto-Sprunck). Die Legende handelt von einem kleinen russischen König, der sich gleich den anderen drei Königen aus dem Morgenland aufgemacht hat, dem Stern zu folgen, der zum Geburtsort des Weltenheilands führen soll. Als Geschenke führt er Pelze, Linnen, Gold und Edelsteine sowie ein Krüglein Honig mit sich. Doch der vierte König wird auf seiner Reise beständig aufgehalten, da er immer wieder auf Not und bitteres Elend von Menschen stößt, denen er seine Hilfe nicht zu verweigern vermag. Unter ihnen ist auch ein junges Bettelweib, welches soeben ein Kind geboren hat. Da sie selbst nichts zurückgeben kann, macht sie ihren Wohltäter zum "König über ihr Herz".

An Ketten geschmiedet

"Als der kleine König ein Jahr unterwegs gewesen war, konnte er in allen Taschen den Boden fühlen. Das Leinen war den Nackten und Kranken zugekommen, die Pelze den Frierenden, das Gold und die Edelsteine (...) den Bedürftigen und Gefangenen." Bienen haben sich über den Honig hergemacht, sein treuer Begleiter, das tapfere Pferdchen Wanjka, ist gestorben. Der kleine König muss zu Fuß weiterziehen.

In einer Hafenstadt kommt er hinzu, als gerade der Schiffsherr einer Galeere als Ersatz für einen verendeten Galeerenruderer von der Witwe des Toten deren jungen Sohn mit dem Argument einfordert, der Vater habe seine Schuld noch nicht abgearbeitet. Das Leid der Mutter und das Schicksal ihres halbwüchsigen Kindes, "dem man heute schon ansehen konnte, dass er dem Vater bald ins Grab folgen würde", dauern den kleinen König so sehr, dass er sich selbst anstelle des Jungen anbietet.

An die dreißig lange Jahre bleibt er mit Ketten an das Schiff geschmiedet. Als man ihm "eines Tages aus dem Dienst entließ, musste man ihn an Land tragen. Er taugte nicht mehr für die Galeerenbank, er taugte nur noch zum Sterben." Doch der kleine König hat sich und sein Ziel noch nicht aufgegeben. "Von früher wusste er noch, wo sein Stern zum letzten Male geleuchtet und seinen langen, goldenen Schweif auf die Erde gestützt hatte." Erschöpft gelangt er in eine große Stadt. Es ist Jerusalem. Er gelangt an eine Hinrichtungsstätte, und hier auf Golgatha begegnet er dem gekreuzigten Heiland in seiner Sterbestunde: "Und je häufiger er, langsam näherkommend, stehenblieb, desto deutlicher und inniger sah er den Herrn, seinen König, den größten aller Zeiten und Zonen, dem als Kind zu huldigen er vor mehr als dreißig Jahren aus Russland ausgezogen war. Er wusste, dass Er es war, der da in der Mitte hing. Er wusste das,?aber woher, das wusste er schon nicht mehr. Der Herr hatte ihn nur einmal anzuschauen brauchen in seinem Schmerz, da hatte er es für alle Zeiten gewusst."

Unendliche Strapazen

Aber die unendlichen Strapazen, die der vierte König während seiner jahrelangen Wanderschaft so tapfer auf sich genommen hat, fordern nun, da er am Ziel seiner Reise angelangt ist, ihren Tribut. Vor dem Kreuz und dem Blick des Gekreuzigten bricht er zusammen. Zwar ist er selig, weil er dem Heiland begegnet ist, doch eines belastet ihn, den einst so reichen und nun bitterarmen Pilger: "Ich habe nichts, ich habe nichts mehr von allem, was ich dir habe mitbringen wollen, dachte der kleine König beschämt und gequält. Das Gold, die Steine, das Linnen, die Pelzchen und selbst der Honig, den die Mutter mir in das Krüglein gefüllt, alles ist hin und vertan. Verzeih, Herr!"

Dann aber kommt es über ihn wie eine Erleuchtung: "Da, als es schon vor seinem Blick dunkelte, fiel ihm das Herz der Bettlerin ein, das sie ihm als Königreich geschenkt hatte, und er dachte an sein eigenes Herz: das einzige, was er noch zu verschenken hatte. Und in das Polster eines wilden Thymians hinein, das sich zwischen moderndem Gebein ausbreitete und seinen Duft in den nahen Abend verströmte, flüsterten seine Lippen, ohne dass er es da noch wusste: 'Aber mein Herz, Herr, mein Herz... und ihr Herz... Unsere Herzen, nimmst du sie an?'"

Der Abt des Klosters war es, der die Legende, die so ganz den Geist und die Mentalität russisch-orthodoxer Frömmigkeit wiederspiegelt, dem deutschen Major von Frederichs anvertraut hatte. Anschließend hatte sich der Abt einem geheimnisvollen, in völligem Verstummt- und tiefem Entrücktsein lebenden Klosterinsassen, der von den Mönchen als eine Art Inkarnation jenes vierten Königs angesehen wurde, mit folgenden Worten zugewandt: "Ach, du Armer, du bist geritten, du bist gelaufen und hast ihn doch nicht eher gesehen als am Kreuz... Ja, ja, du Lieber, du, wenn man ihn da nur vor Augen hat - alles ist gut. Die Lehre, die Gebote... welcher Mensch kann das schon alles halten, erbarme sich der Herr! Aber das Herz, Lieber, das Herz der Menschen, der Hunger nach Seligkeit im Gekreuzigten, das ist das Geheimnis..."

Wenig später wird man diesen "Tor Christi" heimlich in eine verborgen liegende Einsiedelei schaffen, um ihn vor den SS-Schergen in Sicherheit zu bringen. In der Stille und Unendlichkeit der Wälder verliert sich seine Spur.

Matthias Hilbert

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