Fakten und Fiktion

Ein Musikroman
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In Neuseeland, das dieses Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, hat Sarah Quigley mit diesem Roman große Erfolge erzielt. Die Musikerin schildert mit großem Insiderwissen die Machtkämpfe und Querelen innerhalb eines Orchesters und die Qual im Kampf um Perfektion mit dem Instrument.

Die große Leningrader Symphonie nimmt in der russischen Geschichte einen wichtigen Platz ein; um Entstehung und Aufführung ranken sich Mythen und Legenden. Fasziniert davon rekonstruiert die neuseeländische Schriftstellerin Sarah Quigley diese Zeitgeschichte in einem Roman. Als sie im Jahr 2000 nach Berlin zog, so Quigley in einem Interview, sah sie noch Einschusslöcher in Gebäuden, hörte dazu Geschichten von Berlinern und Russen. Da sei ihr der Krieg plötzlich sehr nah gewesen. Und sie fragte sich, wie es sei, Kunst in einem repressiven Regime zu schaffen?

Der Roman, dessen Erstauflage eine CD mit der Symphonie Nr. 7 beigefügt ist, setzt 1941 ein, als Hitlers Belagerung beginnt. Drei durch die Musik verbundene Russen sind die Protagonisten: der berühmte Komponist Dimitri Schostakowitsch, sein Freund Nikolai Sollertinski, Professor an der Musikhochschule, und der Dirigent des Leningrader Rundfunkorchesters, Karl Eliasberg.

Fakten und Fiktion fügt Quigley zusammen, beschreibt, wie eine unsichere Zeit aus selbstbewussten Männern unsichere Personen macht, die sich ihrer Identität, ihrer Stellung nicht mehr bewusst sind. Und ebenso wie die äußeren Fassaden bröckeln, stehen doch auch die Beziehungen der Menschen untereinander auf einem harten Prüfstand. So unterschiedlich die drei Männer sind, so ihre Familien.

Schostakowitsch fühlt sich zerrissen zwischen seinen Pflichten als Familienvater und denen, die seinem Genie geschuldet sind. Das Komponieren, Musizieren dominiert alles andere - ein permanenter Konfliktstoff zwischen ihm und seiner Frau. Professor Sollertinski, früh verwitwet, lebt in einer symbiotischen Beziehung mit seiner hochbegabten neunjährigen Tochter, einer angehenden Cellistin. Und auch das Leben des Dirigenten Eliasberg ist kompliziert: Er ist ein Einzelgänger, der autistische Züge trägt.

Eindringlich schildert Sarah Quigley die moralischen Dilemmata, wenn Hunger, Angst und eisige Kälte die Menschen in die Knie zwingen und mehr als eine Million Leningrader Zivilisten sterben. Als alle Einwohner verpflichtet werden, die Stadt zu verteidigen, hebt Schostakowitsch Gräben aus. Doch selbst bei dieser Arbeit klingt Musik in seinen Ohren, und er meint nur hier, am Ort des Grauens, seine Symphonie vollenden zu können. Wer kann, verlässt die Stadt, zuerst die Kinder, dann die Frauen, und auch er wird im Herbst auf Drängen seiner Familie ausgeflogen.

Karl Eliasberg, ein großer Bewunderer Schostakowitschs, soll in Leningrad mit der Aufführung der Symphonie ein Zeichen setzen. Sein Orchester besteht nur noch aus einem traurigen Rest, auf Staatsbefehl wird es aufgestockt mit Musikern, die an der Front sind. Diese Elenden brechen, von Krankheit und Hunger geschwächt, bei den Proben zusammen.

In Neuseeland, das dieses Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, hat Quigley mit diesem Roman große Erfolge erzielt. Ins Deutsche übertragen hat ihn jetzt die renommierte Übersetzerin Bettina Abarbanel. Sarah Quigley, selbst Musikerin, schildert mit großem Insiderwissen die Machtkämpfe und Querelen innerhalb eines Orchesters und die Qual im Kampf um Perfektion mit dem Instrument. Fast analytisch schildert sie auch die Gräueltaten, zu denen Menschen in Leid und Hunger außerhalb jeder Moral und Zivilisation getrieben werden. Doch bleibt bisweilen eine Fremdheit gegenüber den Figuren. Die beiden Hauptpersonen, Schostakowitsch und Eliasberg, laufen lange aneinander vorbei, es gibt eher seltene, zufällige Begegnungen. Erst aus der Distanz vereint die beiden am Schluss die Musik und die Liebe zu einer Frau.

Sarah Quigley: Der Dirigent. Aufbau Verlag, Berlin 2012, 398 Seiten, Euro 22,99.

Angelika Hornig

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