Durch Kritik gereinigt

Panentheismus: Ein Gottesbild, das Zeitgenossen einleuchten kann
Marc Chagall: Die Erschaffung des Menschen, 1956/57. Foto: akg-images
Marc Chagall: Die Erschaffung des Menschen, 1956/57. Foto: akg-images
In der Geschichte des Christentums hat es viele unterschiedliche Gottesvorstellungen gegeben: Theismus, Deismus, Pantheismus und Panentheismus lauten die Stichworte. Was sie bedeuten, erläutert der liberale Stuttgarter Theologe Andreas Rössler. Und er zeigt, wie sich die Anliegen dieser Gottesvorstellungen miteinander verbinden lassen.

In der Alltagswirklichkeit läuft alles im Zusammenhang von Ursache und Wirkung ab. Darauf verlassen wir uns. Wird dagegen der religiöse Bereich so verstanden, dass es gelegentlich wunderhafte Eingriffe des Überweltlichen in das irdische Geschehen gibt, die natürlichen Erklärungen grundsätzlich unzugänglich sind, passt das mit unserer täglichen und auch mit differenzierter wissenschaftlicher Erfahrung nicht zusammen.

Ein anderes Beispiel: Im säkularen Horizont ist das moralisch Gebotene etwas, das uns im Gewissen einleuchten muss. Würde dagegen der religiöse Bereich so verstanden, dass Gott uns absoluten Gehorsam abverlangt, und zwar auch dort, wo wir vermeintlich göttliche Forderungen als ganz und gar nicht menschenfreundlich und lebensdienlich ansehen, würde das nicht mit unserer allgemeinmenschlichen Erfahrung zusammenpassen, mit dem Gespür für Gut und Böse und der weisheitlichen Überlieferung der Menschheit.

Dies soll natürlich nicht das im alltäglichen Leben Übliche verabsolutieren. Doch würde uns eine doppelte Wahrheit - im Sinn zweier widerstreitender und doch für uns jeweils verbindlicher Wirklichkeiten - zerbrechen.

Das Religiöse und das Säkulare müssen vielmehr zusammenstimmen. Denn es gibt nur eine Wirklichkeit - freilich mit unterschiedlichen Dimensionen, Oberfläche und Tiefe. Beide greifen ineinander. Gott, wie ihn die biblisch-christliche Tradition versteht, hat mit allem zu tun, mit der gesamten Wirklichkeit, die sich ihm verdankt. Er ist die alles umgreifende Tiefe der Wirklichkeit.

Der unbekannte Gott

Der evangelische Theologe Paul Tillich (1886-1965) schrieb 1952 in seiner Abhandlung Der Mut zum Sein von dem "Gott über dem Gott des Theismus". Diese Formel bedeutet zunächst: Gott ist größer als alles, was wir uns von ihm vorstellen, denken und begreifen können. So reicht Gott über alle Namen hinaus, die wir ihm geben oder die er uns mitgeteilt hat. Er ist der namenlose, unbekannte Gott.

Das Gegebensein von Übermächtigem ist so selbstevident wie unser eigenes Dasein. Da ist etwas, das alles bedingt. Aber in der Lebenserfahrung wird das wahre Gesicht dieses Urgrundes rätselhaft. Man denke allein an die Frage, wie sich das Schreckliche in der Welt und das Leid im einzelnen Leben mit der Botschaft von der Güte Gottes zusammenreimen. Wenn so der Urgrund rätselhaft bleibt, wissen wir nicht, wo wir dran sind. Und unser Glaube wird zu einem absoluten Glauben, einem Urvertrauen ohne konkreten Anhaltspunkt. Der Glaube löst sich los von jedem konkreten Profil des Absoluten, auf das er sich beziehen und an dem er sich festhalten könnte. Der absolute Glaube gewinnt zwar Lebensmut, "Mut zum Sein", aber er weiß nicht wieso.

Waschechter Theismus zeigt sich in der Umschreibung Gottes durch den angelsächsischen Religionsphilosophen Richard Swinburne: "Die Aussage 'Gott existiert' soll hier als logisch gleichbedeutend gelten mit der Aussage 'Es existiert eine Person, körperlos (d.h. ein Geist), ewig, vollkommen, frei, allmächtig, allwissend, vollkommen gut und Schöpfer aller Dinge. Ich gebrauche das Wort 'Gott' als Name für die so beschriebene Person".

Dabei muss man freilich die Mahnung des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) von 1931 im Auge behalten: "Es gibt' nur Seiendes, Gegebenes. Es ist ein Widerspruch in sich, jenseits des Seiendes ein 'es gibt' auffinden zu wollen. (...) Einen Gott, den 'es gibt', gibt es nicht; Gott 'ist' im Personbezug, und das Sein ist sein Personsein". Mit anderen Worten: Gott gibt es nicht, wie es den Bodensee gibt. Denn Gott ist kein Stück der vorfindlichen Welt, sondern deren Grund. Und "Person" ist Gott als Grund allen Personseins, er ist also transpersonal. Klassisch dazu Psalm 94,9: "Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?"

Gegenüber zur Welt

Der Theismus versteht die schöpferische Kraft im Universum als Geist, Vernunft, Bewusstsein, zielgerichteten Willen, der mit aller Freiheit ausgestattet ist, Gegenüber zu der von ihm geschaffenen Welt und als Überperson, die sich uns menschlichen Personen zuwendet und mit uns durch Geist und Wort kommuniziert. Der so verstandene Gott ist das Jenseits des von ihm geschaffenen Diesseits. Er handelt in der Welt und wirkt auf sie ein. Und viele Theisten gehen noch weiter. Für sie greift Gott in die von ihm geschaffene Welt immer wieder ein, wenn auch nicht ständig.

Mit dem Theismus teilt der Deismus den Glauben an den einen Gott als Schöpfer aller Dinge und Wesen. Aber er behauptet, Gott überlasse die Welt ihrer von ihm verliehenen Freiheit. Und allenfalls am Ende aller Zeiten werde Gott wieder tätig. Der Deismus will unter anderem auf die Theodizeefrage eingehen, darauf wie sich die Übel und Katastrophen in der Welt mit der Güte Gottes vereinbaren lassen. Und greift Gott so oder so nicht in die Welt ein, ist er auch nicht für das Leid und Böse in der Welt zuständig.

Der Pantheismus (oder Monismus) macht Ernst mit der Einheit der Wirklichkeit. Dabei werden aber - anders als im Theismus - Schöpfer und Geschöpf, Sein und Seiendes nicht mehr unterschieden. Alles ist vielmehr ein einziger Zusammenhang, göttlich oder vom Göttlichen durchflutet. Und wir Menschen sind Bausteine beziehungsweise Teile der alles beseelenden göttlichen Kraft.

Beim Theismus und seinen Alternativen handelt es sich um Denkmodelle. Man will das Verhältnis des Menschen und der Welt zu Gott oder dem Absoluten möglichst plausibel erfassen - soweit das überhaupt geht. Übersteigt Gott doch unendlich Vorstellungsvermögen und Denkkraft des Menschen. Der Schwerpunkt dieser Denkmodelle liegt in der Ontologie, der Reflexion über die Zusammenhänge und Strukturen der Wirklichkeit. Und da das Menschsein in diesen Daseinszusammenhang gehört, ist diese Reflexion auch existenzbezogen.

Die Denkmodelle zum Verhältnis des Absoluten zur Welt und zum Menschen sind ohne zwei Voraussetzungen nicht zu verstehen. Erstens: Irgendetwas ist vorauszusetzen, eine Kraft, "ohne die nichts ist, was ist, von der wir alles haben" (frei nach Johann Heermann), die alles erst ermöglicht und alles trägt. Die Dimension des Absoluten, Unbedingten, Geheimnis hinter allem und Tiefe der Wirklichkeit, ist offenkundig. Auch kein Atheist kommt darum herum, etwas Vorgegebenes vorauszusetzen. Ontologisch bedacht ist es der Urgrund von allem, existenzial-anthropologisch der wahre Sinn, oder Inbegriff, Quelle und Garant der höchsten Werte.

Die Selbstkundgabe Gottes

Zweitens: Wie sind wir mit dem Absoluten dran? Ist es lediglich kosmische Energie? Oder blindes Schicksal? Oder auf Heller und Pfennig vergeltende Ordnungsmacht? Oder grausame Willkür und Unberechenbarkeit? Oder Güte, Liebe, Menschenfreundlichkeit? Vom wahren Profil des Unbedingten können wir nur gleichnishaft-symbolisch reden.

Im schlechtesten Fall denken wir uns das Profil des Unbedingten bloß aus, nach unserer Fantasie und unseren Wünschen. Dann sind wir bei der Auffassung des Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872), der Mensch habe Gott nach seinem Bilde geschaffen. Im besten Fall aber ist das von uns entworfene Profil Gottes voller Wahrheitsgehalt - und zwar dann, wenn es aus einer Selbstkundgabe Gottes gewonnen ist.

Aus christlicher Sicht ergeht in Jesus von Nazareth das endgültige, in ihm Mensch gewordene Wort Gottes. Es ist eingebettet in vorausgehende folgende Selbstkundgaben Gottes. Bekundungen Gottes ganz anderswo sind nicht ausgeschlossen, wenn sie nur dem Geist Jesu entsprechen. Die in An- und Zuspruch sich differenzierende Christusbotschaft wird von der Gemeinschaft der Glaubenden festgehalten und immer neu bezeugt und zeitgemäß ausgelegt. Und wo sie keine pure Behauptung bleibt, sondern einleuchtet, führt sie zu neuer religiöser Erfahrung.

Die Polarität von unmittelbar gewisser Dimension des Absoluten und dem konkreten Profil dieses Absoluten ist die Voraussetzung für den Theismus wie für seine Alternativen. Und welches Denkmodell passt am besten zur christlichen Botschaft von der endgültigen Selbstkundgabe Gottes in Jesus von Nazareth?

Anschluss gesucht

Die nur begrenzte Aussagekraft der genannten Denkmodelle zeigt sich darin, dass verschiedene Christen unterschiedliche Denkmodelle benutzen, um die Christusoffenbarung zu formulieren, und dass auch Andersgläubige auf diese Denkmodelle, vornehmlich den Theismus, zurückgreifen: Juden, Muslime und manche Philosophen.

Meines Erachtens brauchen wir einen aufgeklärten Theismus, der durch die moderne Kritik gereinigt worden ist und von den alternativen Denkmodellen aufnimmt, was einleuchtet. Der anglikanische Altbischof von Newark (USA), John Shelby Spong, macht in seinem Buch Jenseits von Himmel und Hölle eine neue Vision vom ewigen Leben zwischen dem Theismus und einem heute vertretbaren Post-Theismus einen völligen Schnitt. Aber genau genommen, kommt auch er mit seinem Panentheismus, wonach alles in dem immer größeren Gott aufgehoben ist, nicht um den kritischen Anschluss an den Theismus herum.

Der katholische Saarbrücker Theologe Gotthold Hasenhüttl schärft in seinem Buch Glaube ohne Denkverbote. Für eine humane Religion unentwegt ein, jedes Gottesverständnis sei unangemessen, das Gott als intolerant, fanatisch, grausam, unberechenbar, willkürlich, menschenfeindlich darstellt. Denn Gott erlasse keine Gebote, die dem Gewissen und bester Einsicht zuwider sind und die Menschen bedrängen, die Freiheit entziehen, sie versklaven. Und keine Gewaltanwendung könne sich zu Recht auf Gott berufen.

Gefahr des Fanatismus

Hasenhüttls Akzent ist in der Tat um der Menschenwürde willen unerlässlich und in der Debatte um das Gewaltpotenzial der monotheistischen Religionen dringend nötig. Wenn nur der eine Gott und nichts sonst unsere völlige Loyalität beansprucht und wenn neben diesem einen unbedingten Anspruch alle sonstigen Unbedingtheiten und Bedingtheiten zurücktreten, ist - mindestens psychologisch - die Gefahr des Fanatismus nicht von der Hand zu weisen.

Vom klassischen christlichen Theismus ist aber auf alle Fälle der Gesichtspunkt der Schöpfung festzuhalten. Das gilt schon im Blick auf die Dimension des Absoluten, die eine alles ermöglichende Seinsmacht enthält, wie immer diese dann in einem zweiten Schritt konkret vorzustellen ist.

Hasenhüttl blendet den Schöpfungsgedanken aus. Für ihn ist Gott ausschließlich der Prozess der Liebe zwischen Menschen. "Gott ist Liebe, sonst nichts. Nicht im Sinn eines vorhandenen Seienden, sondern nur als Sinngebung des sinnlosen Lebens." Doch die Botschaft "Gott ist Liebe" ist auf Sand gebaut, wenn nicht der Schöpfer aller Dinge und Wesen die Macht der Liebe ist. Wird dagegen nur die zwischenmenschliche Liebe mit dem Verbindlichkeits-Etikett "Gott" versehen, wird Gott bloß zum Inbegriff der höchsten menschlichen Werte, die allein der Mensch schaffen und garantieren muss. Allerdings hat Hasenhüttl damit recht, dass die in der Christusoffenbarung verdichtete und eindeutig gewordene Botschaft "Gott ist die Liebe" für den christlichen Glauben zentral ist.

Was bleibt

Ein Theismus, der heute plausibel sein will, muss wie der Atheismus - verstanden als A-Theismus, Nein zum Theismus und nicht als generelle Gottesleugnung - das Nein zu einer Verdopplung der Welt festhalten. Denn Gott steht nicht neben der Welt, er ist vielmehr die Tiefe der einen Wirklichkeit, die sich ihm verdankt.

Vom Deismus ist festzuhalten: Gott greift nicht von Zeit zu Zeit in seine Schöpfung ein, wie es der Supranaturalismus meint. Vielmehr lässt Gott die Schöpfung sein. God is letting-be, wie es der schottische Theologe John Macquarrie (1919-2007) ausdrückte, er wirkt in, mit und unter dem irdischen Geschehen.

Vom Pantheismus schließlich ist der Gedanke unverzichtbar: Gott hat mit allem zu tun, und alles gehört ihm. Nur muss die Unterscheidung zwischen göttlichem Sein und irdischem Seiendem gewahrt bleiben. Und die Entfremdung zwischen Gott und Mensch, der durch die Schöpfung gehende Riss, darf nicht überspielt werden. Im Blick auf die Ewigkeit bedeutet das die Erwartung: Gott wird durch eine Läuterung hindurch alles in sein Reich integrieren. "Gott wird sein alles in allem", wie der Apostel Paulus feststellt. Was im Weltgeschehen dem Geist Jesu entspricht, aber auch das von inspirierten Menschen Geschaffene, und auch alles tragischerweise Unvollendete und unschuldiges Leiden, sind Bausteine für das künftige Reich Gottes.

So entwickelt sich der Theismus zum Panentheismus: Alles ist getragen von Gott und bleibt in ihm aufbewahrt. Bischof Spong redet von einem neuen "universalen Bewusstsein". Dieses führt zum Mitgefühl mit allem Elend, Schmerz und Leiden: Alles geht mich an, auch der ganze Seinszusammenhang. Und dessen Klammer ist Gott, der mich unbedingt angeht.

Andreas Rössler

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