Der Tod ist kein Treppenwitz

Wann und wie moderne Autoren über Krankheit und Tod Trost spenden können
Kinofilm von 1998: "Lola rennt." Foto: dpa
Kinofilm von 1998: "Lola rennt." Foto: dpa
Hohes C gehörte zu den Trösterdingen meiner Kindheit, wenn meine Freunde mit ihren stoppelfeldkurzen Haaren Drachen steigen ließen und ich in meinem Zimmer mit meiner Atemnot rang. Vielleicht war das Hohe C für meine Mutter, die in der Jugend davon träumte Opernsängerin zu werden, auch ein heimliches Trösterding. In vielen Herbsten bin ich dem Golfstrom nach Borkum nachgereist und habe mein Asthma ausgekurt, damit verschwand auch das Hohe C unmerklich aus meinem Alltag. Vor Monaten, von einer sehr ordinären Grippe niedergestreckt, habe ich mir wieder Hohes C gewünscht, und bereits beim ersten Schluck waren die Bilder wieder da, das entfernte Rufen der Freunde, die fürsorgliche Belagerung meiner Mutter, die leise ein Lied sang, meine piepsenden Bronchien, die den Ton nicht halten konnten, die Romane, deren Buchstaben mir Luft zufächerten, der Geschmack von Sommersüße auf der Zunge, der mir das Gefühl gab, mir fehle nichts. Ich hatte es nicht eilig, mein Asthma los zu werden. Das Hohe C allein tat es freilich nicht, viel eher das Ritual der glücklichen Lesestunden, das die Atemnot und die fehlenden Freunde vergessen machte. Ritualisiertes Lesen kann trösten, fraglos, aber können Romane auch bei dem großen Skandal, dem Tod, oder dem vielleicht noch größeren Skandal, dem Sterben, Trost spenden? Literarischer Meteorit Romane aus der aktuellen Produktion nehmen sich dem Thema Sterben und Tod, nachdem der postmoderne Lendenschurz abgelegt wurde, mit großer Natürlichkeit an. Wie ein großer Meteorit schlug das Buch von John Green, der zunächst als Jugendbuchautor erfolgreich war, in die sterile Literaturlandschaft ein: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Green wählt zwei Protagonisten, die auf der neonhellen Krankenhausseite des Lebens oft erstaunlich trittsicher den Alltag meistern: Gus - ein Knochenkrebspatient, dem bereits ein Bein amputiert wurde und der lange als geheilt galt, und Hazel - sie ringt mit einem unheilbaren Lungenkarzinom und muss immer eine Sauerstoffflasche mit sich führen. "Krebsbücher sind doof", bekennt Hazel ziemlich am Anfang des Romans, aber dieses Buch findet einen lakonischen Ton, der alles andere als doof ist: "Die Selbsthilfegruppe bestand aus einer wechselnden Besetzung von Jugendlichen in verschiedenen Stadien des tumorbedingten Unwohlseins. Warum wechselte die Besetzung? Noch so eine Nebenwirkung des Sterbens." In der Selbsthilfegruppe lernen sie sich kennen und sehr behutsam lieben. Hazel, die eigentlich keinen engeren Kontakt mit der Welt mehr will, ist fasziniert von seinem Witz und seinen kleinen Ritualen. So steckt er sich manchmal eine Zigarette in den Mund, ohne sie zu rauchen, er gibt dem tödlichen Ding "nicht die Macht, ihn zu töten". Selbstbewusst akzeptieren und tauschen sie die Krebsbonus-Währung: gute Mathezensuren, den Führerschein trotz des ungelenken Fahrstils wegen der Prothese, Champagner im Flugzeug, Kinokarten in ausverkauften Kinosälen, eine von der 'Feenstiftung' gesponserte Reise nach Amsterdam, wo Hazel mit Gus auf ihren Lieblingsautor van Houten treffen, der ihnen verraten soll, was aus den Figuren seines Krebs-Romans mit offenem Schluss geworden ist. Auf einer zweiten literarischen Ebene wird so das Thema Weiterleben nach dem Ende klug eingeführt. An anderer Stelle bewundert der große Entmythologisierer Gus mit Walt Whitman die "Herrlichkeit der Schöpfung" und will auch die Idee, die Seele lebe weiter, nicht ganz einmotten. Und van Houten, leider ein ziemlich unerträglicher Holländer, packt Rudolf Otto aus und preist die Begegnung mit dem Numen, dem mysterium tremendum, die notwendig sei, um seinen Roman Ein herrschaftliches Leiden zu verstehen. Dem Schrecken der Krankheit kann angemessen nur die Liebe begegnen. Sehr unprätentiös und irdisch baut Green eine kräftige Vertikalspannung auf. Tage im Schlafanzug Die ganze trotzige Energie, die beide Protagonisten investieren, dient selbstredend nur einem Aufschub, und der Autor Green verschweigt auch nicht, wie stark die Würde schrumpft, wenn der Sterbeprozess sich hinzieht. "Das waren Tage im Schlafanzug mit Bartstoppeln, mit Gemurmel und Bitten und endlosem Bedanken für alles, was jeder für ihn tat. Eines Nachmittags zeigte er mit schwacher Hand auf den Wäschekorb in der Ecke und fragte mich: 'Was ist das?' 'Der Wäschekorb?' 'Nein, daneben.' 'Daneben sehe ich nichts.' "Es war der letzte Krümel meiner Würde. Er ist ganz klein." Der Titel des Romans Das Schicksal ist ein mieser Verräter, ein Titel, der Kultstatus erlangt hat, spielt souverän mit dem Stichwort des Schicksals, jocht die menschliche Tragödie der Sterblichkeit mit der menschlichen Komödie zusammen. Das Sterben ist ernst und schrecklich, ja, aber die Liebe, die große Stellvertreterin der Unendlichkeit hat Mutterwitz, versöhnt und erlöst gleichermaßen. Ja. Das geht, eine Romeo-und-Julia-Romanze auf den Krankenhausfluren und in der Selbsthilfegruppe. Love is a losing game? Ach, quatsch! Die zündende Idee des Kinofilms Lola rennt, im Wortsinn ein running gag, wird jetzt in einem Roman rückgekoppelt in das eher bedächtige Medium Buch. Für den Medientransfer zuständig ist Jenny Erpenbeck, die den Versuchsaufbau des Films historisiert: Vier Mal wird dem Tod erzählerisch ins Handwerk gepfuscht, damit die Protagonistin doch noch ein biblisches Alter erreicht. Hier ist der Tod als Schicksal kein mieser Verräter, sondern ein tumber Sensenmann, den man relativ leicht austricksen kann. Erpenbeck kombiniert clever den geliehenen Einfall mit dem Leserbedürfnis eines Familienromans, der zugleich eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert bietet. Zunächst legt sie eine falsche Fährte, wenn sie mit einem frommen Satz startet: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Sie dreht den Satz immer wieder um: Der Herr/Frau hat's genommen, der Herr/Frau hat's gegeben: der Autor als alter deus, so selbstbewusst ist bisher kaum jemand in einen Roman gestartet. Kunst des Konjunktiv Und der Versuchsaufbau funktioniert zunächst ganz ausgezeichnet: Der Säugling einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters ist gestorben, weil beide nicht das richtige Mittel wussten, um den Krampf des Kindes zu lösen. "In der Nacht hatte er seine Frau angeschrien, weil sie das Kind zwar genommen und versucht hatte, es zu beruhigen, aber nicht gewusst hatte, was tun, weil sie kein Mittel gegen den Tod gewusst hatte, aber er hatte auch geschrien, weil er selbst kein Mittel gegen den Tod gewusst hatte. Er, der Beamte untersten Ranges, war dem Tod nicht gewachsen gewesen." Und ein Mittel gegen die Trauer kennen sie auch nicht, so schifft sich der Mann nach Übersee ein, und die Frau verschenkt sich an einen Offizier und wird genötigt, künftig die Mutter der ganzen Kompanie zu spielen. Im Intermezzo getitelten Teil zwischen den Zeiten, bietet Erpenbeck leichthändig eine Möglichkeit, das Schicksal zu korrigieren. Die Kunst des Konjunktivs greift: "Hätte aber zum Beispiel die Mutter oder der Vater in der Nacht das Fenster aufgerissen, hätte eine Handvoll Schnee vom Fensterbrett gerafft und dem Kind unters Hemd gesteckt, dann hätte das Kind vielleicht plötzlich wieder angefangen zu atmen, vielleicht auch zu schreien, jedenfalls hätte sein Herz wieder angefangen zu schlagen, seine Haut wäre wieder warm geworden, und der Schnee wäre an seiner Brust geschmolzen." Hätten die Eltern das Wissen oder die Eingebung gehabt, dann hätte sich auch der Vater nicht eingeschifft, wäre vielleicht nach Wien befördert worden und die Frau hätte sich nicht unter Tage verdingt. Im Buch Zwei ist aus dem Konjunktiv ein erzählerisches Präsens geworden, zum ersten Mal ist dem Tod ein Schnippchen geschlagen worden. Mit der Konsequenz einer Naturwissenschaftlerin verfolgt Erpenbeck ihre Versuchsanordnung weiter. 1919 lässt sich die inzwischen erwachsene, milde lebensmüde Tochter von einem Medizinstudenten im dritten Semester, den sie erst vor Stunden kennengelernt hat, erschießen. Mental falsch eingestellt, war die Tochter zur verkehrten Zeit am verkehrten Ort. Das lässt sich Gott sei Dank leicht korrigieren: "Wäre die des Lebens müde Frau, als sie von der verschlossenen Tür der Großmutter wegging und durch die Stadt irrte, von der Babenberger Straße nicht nach rechts in den Opernring eingebogen, auf dem sie ihren Tod in Gestalt eines schäbigen jungen Mannes zufällig begegnete; oder hätte die Verlobte des schäbigen Mannes erst einen Tag später die Verlobung gelöst; oder der Vater des schäbigen Mannes seine Mauserpistole nicht in die unverschlossene Schreibtischschublade gelegt; hätte die junge Frau nicht von hinten ausgesehen wie eine Käufliche, weil ihr Rock einfach zu kurz war, warum hatte sie ihn ein halbes Jahr zuvor abgeschnitten; oder ..." Ziemlich dummer Zufall Bei Erpenbeck wird die Literatur zu einer hochironischen Kontingenzbewältigungspraxis. Vielleicht ist der Tod doch nicht ein Schicksal, sondern eher ein ziemlich dummer Zufall, den man literarisch problemlos in den Griff bekommt. Noch zwei Mal entkommt die Frau dem Tod, einmal in einem kommunistischen Straflager (ein beinah zynisches Intermezzo schildert die Säuberungen als Beamtencomic), einmal entgeht sie dem finalen Treppensturz, bis sie hochbetagt stirbt. Unterwegs habe ich allerdings das Interesse an diesem Leben verloren, das liegt auch an der Personenführung und dem Erzählerstandpunkt: Die Distanz zu den Personen wird immer größer, manchmal nimmt die Erzählhaltung eine angelische Glätte an. Der Text wird nie haptisch, das Leben nie ganz plastisch, als Leser ist man nur noch an der technischen Umsetzung des Projekts interessiert. Zum Ende hin verlässt Erpenbeck dann vollständig der Wagemut: Warum mit neunzig Jahren enden? Warum nicht wenigsten die Schallmauer hundert Jahre deutlich durchbrechen? Warum nicht eine unendliche Geschichte erzählen? In seinem jüngsten Roman Die Zeit, die Zeit verfolgt Martin Suter eine ähnliche Idee, er betreibt aber erzählerisch einen bombastischen Aufwand, um Sein und Zeit neu zu verschränken und dem Tod einen Ausweg zu bieten: Die Zeit muss zurückgedreht werden, alles muss genauso aussehen wie am fraglichen Tag des Todes, gelänge diese Wiederholung, dann ließe sich der Tod abwenden. Diese hochkomplizierte Versuchsanordnung, die mit der neurotischen Verirrung der Protagonisten souverän spielt und sich nicht einfach auf den erzählerischen Konjunktiv verlässt, verrät sehr viel mehr über die erzählerische Not, als alter deus erfolgreich zu sein. Und vielleicht nicht zufällig lässt Erpenbeck den großen Skandal des Krebsleidens aus. Dieser Skandal lässt sich erzähltechnisch nicht minimieren. Der Tod ist kein Treppenwitz. So einfach kann man dem Tod den Stachel nicht ziehen. Leider. Sind Krebsbücher doof? Nein, sofern man so souverän schreibt wie Green. Können Romane trösten? Ja, sofern sie dem postsäkularen Evangelium der Liebe kitschfrei folgen. Das Ritual zur Lektüre kann jeder frei wählen. Literatur: John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Carl Hanser, München 2012, Euro 16,90. Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend. Albrecht Knaur Verlag, München 2012, 288 Seiten, Euro 19,99. Martin Suter: Die Zeit. Diogenes Verlag, Zürich 2012, 302 Seiten, Euro 21,90. Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. Carl Hanser Verlag, München 2012, 288 Seiten, Euro 18,90.

Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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