Prüfet alles

Warum die Piraten irritieren
Foto: privat
Wandel ist ein Zeichen des Lebens, und das nicht erst für unsere gegenwärtige Zeit. Allerdings erleben wir den Wandel unserer Sozialstrukturen und Kommunikationsformen in den vergangenen Jahren als besonders rasant und gravierend. Und nicht nur mir fällt es offensichtlich nicht leicht zu ermessen, was dieser Wandel für das Leben unserer Kirche bedeutet.

"Denn was neu ist, wird alt, und was gestern noch galt, stimmt schon heut oder morgen nicht mehr." So sang Hannes Wader vor dreißig Jahren. Schon da zeichnete sich ab, dass neue technische Entwicklungen eine grundlegende Veränderung auch unserer Kultur und unserer Gemeinschaftsformen nach sich ziehen werden. Mit den so genannten Neuen Medien wurde ein Wandel befördert, der nicht nur Fortentwicklung und Ergänzung, sondern vielfach auch Verdrängung und Abschied ist. Das beobachte ich beispielsweise bei der zwischenmenschlichen Kommunikation, wenn direkte Formen zunehmend durch medienvermittelte Formen ersetzt werden. Und auch hinsichtlich des Leseverhaltens vieler - vor allem junger - Menschen befürchte ich, dass durch verstärkte Online-Nutzung ein "Selektivlesen" gefördert wird und die Lust auf Bücher abnimmt.

Ich muss zugeben: Der Abschied von manchen kulturellen Verhaltensweisen, die mir wertvoll und unverzichtbar sind, verunsichert mich.

Mir liegt daran, dass auch heute und morgen noch gilt: Virtuelles Leben ist bei allen Möglichkeiten und Chancen doch nur ein Abbild oder ein Planspiel des "echten" Lebens. Virtuelle "Freunde" ersetzen keine echten Freundschaften. Lebendige Gemeinschaft braucht die direkte Begegnung, das direkte Sehen, Hören, Berühren und Schmecken.

Ich nehme zur Kenntnis, dass die neuen Medien und die weltweite Vernetzung große Hoffnungen auch im politischen Leben wecken. Hoffnungen auf mehr Transparenz, mehr Demokratie und mehr Freiheit. So wenig wie ich diese Hoffnungen durch realpolitische Einwände und kulturpessimistische Gedanken konterkarieren will, so wenig kann ich die gegenwärtig zunehmende Begeisterung für die "Piratenpartei" verstehen. Der erste Satz in der Präambel ihres Parteiprogramms lautet: "Im Zuge der Digitalen Revolution aller Lebensbereiche sind trotz aller Lippenbekenntnisse die Würde und die Freiheit des Menschen in bisher ungeahnter Art und Weise gefährdet." Dieser Gefährdung wollen sie entgegenwirken, indem sie durch eine "freie demokratisch kontrollierte technische Infrastruktur" mehr Demokratie wagen und Bürgerrechte stärken. Das klingt vielversprechend. Ich kann aber noch nicht erkennen, wo und wie konkrete Vorhaben und Aktionen der Piraten das Gemeinwohl aller Bürgerinnen und Bürger im Blick haben. Ihr Kampf gegen den Karfreitag als geschützten stillen Feiertag und ihr Einspruch gegen eine in der Bundesrepublik Deutschland bestehende "Privilegierung der traditionellen christlichen Kirchen" irritieren mich. Was sagt das uns als Kirche?

Grundsätzlich gilt: Eine Kirche, der Martin Luther ecclesia est semper reformanda ins Stammbuch geschrieben hat, kann und darf sich einem Wandel nicht verschließen, denn Wandel ist ein Zeichen von Lebendigkeit. Aber es gilt auch, was der Apostel Paulus sagt: "Prüfet alles, das Beste behaltet!".

Nikolaus Schneider

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