Was den Geist erleuchtet

Zum EKD-Jahr der Kirchenmusik: Die Musik in den Religionen der Welt
Sitarspieler am Ufer des Ganges. Foto: picture alliance
Sitarspieler am Ufer des Ganges. Foto: picture alliance
Nicht in jeder Spielart der Religionen dieser Welt ist Musik willkommen - aber in den meisten hat sie eine besondere Bedeutung für die religiöse Praxis, weiß Verena Grüter, Theologin und Musikerin. Sie arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt zur Musik in interreligiösen Begegnungen.

Ein silbrig klingender Bordunton eröffnet das Konzert der südindischen Musikgruppe Dakshin. Gespielt von der Tanpura oder dem Harmonium, gibt er dem ganzen Stück seine tonale Grundlage. Dann setzt die Sängerin und Flötistin Shantala Subramanyam ein und singt langsam die Grundmelodie, den Raga. Abwechselnd mit der indischen Laute, der Chitravina, stellt sie den Raga den Zuhörenden in seinen verschiedenen Gestalten vor. Der Einsatz der doppelfelligen Trommel Mridangam markiert den Einsatz der eigentlichen Komposition. Die Trommel steuert das Tempo und führt am Ende in eine fulminante Steigerung. "Ich singe gern lange Improvisationen, sogar über mehrere Stunden hinweg", sagt Shantala Subramanyam. "Musik machen ist für mich eine persönliche Reise, ein Ausdruck meiner Persönlichkeit. Dann bin ich ganz ich selbst, nah bei Gott. Als Musikerin möchte ich meinen Zuhörern eine persönliche Botschaft bringen, ich möchte ihre Gefühle erreichen." Dazu bedient sie sich der rund 32.000 Ragas der indischen Musik, verbunden mit den einhundertfünf möglichen rhythmischen Zyklen aus den Talas.

Raga und Tala bilden gemeinsam die Grundform indischer Musik, das Material für schier unendliche Möglichkeiten der Improvisation, die die indische Musik im Unterschied zur europäischen horizontal strukturieren. Eine vertikal geschichtete Harmonik kennt die indische Musik nicht. Ihre Wirkung beruht auf der hohen Kunst, aus den melodischen und rhythmischen Materialien immer neue Schöpfungen hervorzubringen. Dabei hat jeder Raga einen ganz bestimmten Charakter, und die Kompositionen sind häufig mythologischen Inhalten gewidmet, können aber auch philosophische Gedanken enthalten oder sogar Liebeslieder sein. Die langsame Einleitung sowie die schnellen Teile der Improvisation werden jedoch nur auf Tonsilben gesungen.

Musik als geistliche Disziplin

Ein Raga ist, was den Geist erleuchtet - heißt es. Er will die Musizierenden und die Hörenden in ein religiöses Erleben hineinnehmen, doch ist nicht liturgische Feier, sondern das Wecken der Lebensenergie die Aufgabe der Musik im Hinduismus. Das individuelle Bewusstsein soll durch das Erleben von Musik zugunsten einer höheren Bewusstseinsebene ausgeschaltet werden. Musik wird so "eine geistliche Disziplin auf dem Wege der Selbstverwirklichung" (Ravi Shankar). Sie stellt einen Weg dar, auf dem die Hörenden und die Musizierenden sich - religiös geglaubte - Wirklichkeit ästhetisch anverwandeln.

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Tanzende Derwische in Istanbul.

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Rezitation in der Synagoge.

Aristoteles hingegen unterscheidet Musik je nach ihrer Wirkung in ethische, praktische und enthusiastische und empfiehlt gerade auch die von Platon kritisierte enthusiastische Musik wegen ihrer kathartischen, die Seele reinigenden Funktion. In der Zeit religiöser Umbrüche und Ungewissheit, in der Aristoteles lebte, setzte er diese Musik bewusst in Theateraufführungen ein, um damit starke religiöse Gefühle zu binden und die Menschen zu einem friedlichen Zusammenleben im Staat zu befähigen. Religiöse Verwendung findet solche "biogene Musik" vor allem in Ritualen so genannter Primärreligionen, meist in Verbindung mit Tanz, der zu Trance oder Ekstase führt.

Zügellose Begierden

In den drei monotheistischen Religionen hingegen setzte sich eine skeptische Haltung gegenüber dieser Art von Musik durch. Über den jüdischen Theologen Philo von Alexandrien wird Platons Dualismus in der jüdischen und später in der christlichen Theologie rezipiert. Mit scharfen Worten geißelt Philo die Verwendung von Instrumenten im Gottesdienst, da sie lediglich mithilfe des Gehörsinns die zügellosen Begierden entfachten, was im Widerspruch zur geistigen Natur Gottes stehe. Auch von frühen christlichen Theologen wird die ekstatische Wirkung kultischer Instrumentalmusik kritisch beurteilt.

Eine andere Art elementarer musikalischer Gestaltung religiöser Praxis ist hingegen in allen fünf Weltreligionen bis heute unumstritten: die Rezitation der heiligen Schriften. Im jüdischen Synagogengottesdienst wird die Thora feierlich rezitiert. Festgelegte Vortragszeichen helfen dem Kantor oder der Kantorin, den Sinn des Textes durch die musikalische Rezitation zu unterstreichen. Auch im christlichen Gottesdienst wurde der Bibeltext - wie die gesamte Liturgie - im gregorianischen Stil singend rezitiert. Insbesondere in den orthodoxen Kirchen, die ihre eigene Kirchenmusik ausgebildet haben, ist dies heute noch Brauch.

Die Kantillation des Koran hat im Islam einen hohen Stellenwert: Diese Art der Schriftlesung erinnert daran, dass der Prophet Mohammed die göttliche Offenbarung als Audition, als Hörerlebnis empfing. Im Zentrum des Islam steht das Wort der Schrift, das sich Gehör verschaffen und zum Gehorsam rufen will. So bekommen die Neugeborenen als ersten Satz das islamische Glaubensbekenntnis ins Ohr gesungen. In der Koranschule lernen auch die Laien, den Koran - in einem weniger anspruchsvollen Stil - auf Arabisch zu rezitieren. Die arabische Sprache des Koran gilt als besonders schön, und nur dem Klang des Originals wird zugetraut, das Herz der Gläubigen zu bewegen.

Die "logogene" Musik

Aber auch das indische Schrifttum der Veden, der Upanishaden und die epischen Erzählungen wurden singend rezitiert. Schließlich lässt sich sogar für den Buddhismus nachweisen, dass die Sammlung der Reden des Buddha vor ihrer schriftlichen Fixierung über mehrere Jahrhunderte mündlich rezitierend tradiert wurde.

Diese "logogene" Musik, wie Reinhard Flender sie nennt, weist auf den gemeinsamen Ursprung von Musik und Sprache im Gehörsinn hin. Beides sind kulturell bedingte Kommunikationssysteme. Während Sprache konkrete Bedeutungen vermittelt und daher ein geschlossenes System darstellt, ist Musik ein offenes System, das nicht auf konkreten Bedeutungen basiert, sondern Bedeutungsträger verschiedener Emotionen sein kann. Sprache und Musik können sich daher ergänzen. Das jüdische Glaubensbekenntnis "Sch'ma Israel" ("Höre, Israel"), das paulinische "der Glaube kommt aus dem Hören", der muslimische Ruf zum Gebet vermitteln eine Botschaft, die sowohl den Verstand als auch das Gefühl ansprechen und durch die Einladung in eine Gemeinschaft zum Handeln auffordern will.

Foto: epd
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Evangelisch: Posaunenchöre und ...

Foto: epd/Jens Schulze
Foto: epd/Jens Schulze

... Orgelklang.

Im Blick auf Musikstile und Verwendung von Instrumenten in religiösen Zeremonien unterscheiden sich die Weltreligionen hingegen sehr stark. An den europäischen Universitäten wurde im Mittelalter mit der griechischen Philosophie auch die pythagoreische Lehre von der Ordnung des Kosmos durch Zahlenverhältnisse rezipiert. Musik als Ausdruck von Zahlenverhältnissen, als Spiegelung der "Sphärenharmonie" wurde in den Fächerkanon der Universitäten aufgenommen.

Mit der Erfindung der Notenschrift entwickelt sich dann die mehrstimmige Musik. Martin Luther greift die mittelalterliche Lehre von der Sphärenharmonie auf und begründet seine positive Einstellung zur Musik schöpfungstheologisch: Musik gilt ihm als Geschöpf Gottes, das gemeinsam mit allen anderen Wesen geschaffen wurde und in der gesamten Schöpfung wirkt. Auf dieser theologischen Grundlage konnte sich in den Kirchen der lutherischen Reformation eine reiche kirchenmusikalische Kultur entwickeln. In der ablehnenden Haltung der Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin gegenüber der Instrumentalmusik im Gottesdienst spiegelt sich der platonische Vorbehalt gegenüber leiblichen Emotionen in religiösen Kulten.

"Verbotene Freuden"

Während das Erste Testament einen reichen Gebrauch von Instrumenten im jüdischen Tempelkult bezeugt, wurde Instrumentalmusik nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch den römischen Kaiser Titus im Jahr 70 unserer Zeitrechnung als Zeichen der Trauer untersagt. In den Synagogen entwickelte sich stattdessen gottesdienstliche Musik in Form der Psalmodie. Im osteuropäischen Chassidismus wurden im 18. Jahrhundert Volksliedmelodien in die Liturgie übernommen. Im 19. Jahrhundert schufen Komponisten wie Lewandowski, Naumburg und Sulzer unter dem Einfluss der europäischen Romantik eine eigene jüdische Chor- und Orgelmusik. Im heutigen Israel spielen die musikalischen Traditionen des aschkenasischen, sephardischen und orientalischen Judentums zusammen mit zeitgenössischen westlichen Musikstilen und bringen eine vielfältige religiöse Musik hervor, wie sie beispielhaft etwa vom Moran Choir repräsentiert wird.

Im Islam hat sich über die Kantillation des Koran hinaus eine offizielle kultische Musik nicht ausbilden können. Der Koran selbst verbietet kultische Musik nicht direkt. Jedoch leiten manche islamische Rechtsschulen aus verschiedenen Hadithen die Einsicht ab, Musik gehöre zu den "verbotenen Freuden", denen der Prophet und seine Anhänger sich nicht hingaben. In Moscheen erklingt daher keine Instrumentalmusik.

Zu ausdrücklich religiösen Zwecken wird sie hingegen im Sufismus verwendet. Der Tanz der Derwische wird von verschiedenen Instrumenten begleitet, etwa kleinen Pauken, Rahmentrommeln, der Rebab (Schoßgeige), der Zither und der Rohrflöte Ney. Zu therapeutischen Zwecken wurde Musik im Orient bereits in vorislamischer Zeit verwendet. In Verbindung mit dem Sufismus wird sie als "altorientalische Musiktherapie" auch im muslimischen Kontext gepflegt und sogar in Europa rezipiert.

Stille Meditation

Der Buddhismus ist gegenüber der Verwendung von Musik im Kult indifferent. Die grundlegende Form buddhistischer Spiritualität ist die stille Meditation. Im Vajrayana-Buddhismus, dem so genannten Diamantweg, der in Tibet und in der Mongolei verbreitet ist, bildete sich eine besondere Haltung gegenüber der Musik aus: In dem dichten Gewebe des "Tantra", das Mikro- und Makrokosmos miteinander verbindet, werden bestimmte Klänge gezielt dazu eingesetzt, durch ihre magische Wirkung die Gläubigen zur Erleuchtung zu führen. Diesem Ziel dienen tibetische Tempelorchester und mongolische Maskentänze.

Im japanischen Zenbuddhismus pflegte die Fuke-Sekte das Spiel der Bambusflöte Shakuhachi zum Zwecke meditativer Versenkung. Nachdem die Sekte aufgelöst worden war, fand die Shakuhachi Eingang in die säkulare Musik. Musiker wie Tadashi Tajima verbinden die traditionelle religiöse Spielweise des Instruments mit zeitgenössischer Musik und vermitteln so die Eigenart einer Musik, die ursprünglich reine Meditationspraxis war.

In allen Religionen dient klangliche Gestaltung der ästhetischen Kommunikation und der Wertebildung. Im Judentum, Christentum und im Sufismus wirkt die Ausübung von Musik auch gemeinschaftsbildend. Musik prägt so die jeweilige individuelle und kollektive religiöse Identität. Als offenes Kommunikationsmedium kann sie eine Brücke zur Fremdheit und Eigenart anderer Religionen bilden. Und angesichts allgegenwärtiger Beschallung lädt religiöse Musik ein zum Hinhören, Verweilen und zum reflektierten Handeln.

Verena Grüter

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