Mehr Flexibiliät

Altersarmut und Generationengerechtigkeit sind keine abstrakten Themen
Das vierte Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren" wird hochaktuell. Denn es geht nicht nur um den Gehorsam kleiner Kinder gegenüber ihren Eltern, sondern um die Würde des Alters.

Eine Pfarrfrau aus Ostdeutschland schreibt mir: Fast dreißig Jahre habe sie ihren Mann unterstützt, in der Gemeinde mitgearbeitet, Kinderchor und Frauenkreis geleitet. Das Pfarrhaus öffnete sie für alle mit ihren kleinen und großen Sorgen. Als er Ende 50 war, ließ der Mann sich scheiden und wurde noch einmal Vater mit einer wesentlich jüngeren Frau. Für die Pfarrfrau brach nicht nur mit Blick auf ihr soziales Umfeld eine Welt zusammen. Ihr wurde klar: Das Alter wird sie in Armut verbringen.

Ich gratuliere einem ehemaligen Kollegen zum 90. Geburtstag. Lachend sagt er: "Jetzt bin ich schon länger in Pension, als ich im landeskirchlichen Dienst war."

Altersarmut und Generationengerechtigkeit sind keine abstrakten Themen, auch nicht im kirchlichen Arbeitsfeld. Fast jeder zweite Bundesbürger geht heute vor seinem 65. Geburtstag in Rente, und das bedeutet finanzielle Abschläge. Gleichzeitig soll das Rentenalter, geht es nach den Wirtschaftsweisen, sukzessive sogar auf 69 Jahre erhöht werden. Für viele Arbeitnehmer, die dieses Alter im Beruf nicht erreichen, verschärft sich das Absturzrisiko. Immer mehr Menschen werden von Altersarmut betroffen sein.

Und gleichzeitig stehen wir vor dem Problem, dass die Zahl der jungen Menschen, also der Erwerbstätigen, sinkt, während Ältere im Schnitt gesegnete 80 bis 85 Jahre erreichen. Die Lebenserwartung Neugeborener hat sich in den vergangenen 130 Jahren mehr als verdoppelt!

In ihrer Denkschrift "Im Alter neu werden können" macht die EKD zunächst deutlich, dass sich die Lebensphase "Alter" inzwischen über einen Zeitraum von rund dreißig Jahren erstreckt und viel differenzierter gesehen werden muss als früher. In der Folge ist es wichtig, einen individuellen Blick auf das Alter zu richten. Deshalb hilft es nicht, statische gesetzliche Ruhestandsgrenzen für alle festzulegen, sondern flexibel zu sein. Die einen fühlen sich mit 55 völlig erschöpft, andere sind im Alter von 70 topfit. Hier muss es Möglichkeiten geben, Übergänge von einer Vollzeittätigkeit in den Ruhestand flexibel zu gestalten. In den USA darf beispielsweise bei einer Einstellung nicht nach dem Geburtsdatum gefragt werden, das wäre "Agism", Altersdiskriminierung. Der Mensch kann dort selbst entscheiden, ob und wann er in den Ruhestand geht. Altersarmut aber gibt es auch dort.

Sie bleibt jenseits aller Zahlen in den kommenden Jahren eine zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaft - denn sie wird steigen. Die Rentenreformen der vergangenen Jahre haben die Ansprüche künftiger Rentner und Rentnerinnen reduziert. Gleichzeitig haben prekäre Beschäftigungsverhältnisse zugenommen. Immer öfter werden Erwerbsbiografien unterbrochen, sei es durch Arbeitslosigkeit oder durch geringen Verdienst. So entsteht Altersarmut, zeigt die Denkschrift eindrücklich. Und sie betrifft insbesondere Frauen.

Nein, eindeutige Lösungen können Kirche und Diakonie nicht bieten. Aber sie können von der Politik fordern, dass die Folgen gebrochener Erwerbsbiografien gerade auch von Frauen bei den Rentendebatten besser berücksichtigt werden. Das vierte Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren" wird hochaktuell. Denn es geht nicht nur um den Gehorsam kleiner Kinder gegenüber ihren Eltern, sondern um die Würde des Alters, den Respekt vor Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise alt werden und sind.

Margot Käßmann

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