Nur eine Utopie?

Gewalt überwinden - ist das nicht Utopie, Vision?
Im Mai trafen sich in Kingston (Jamaika) mehr als tausend Menschen aus aller Welt, um gegen Resignation aus christlicher Perspektive ein Zeichen zu setzen. Die "Internationale ökumenische Friedenskonvokation" (IöFK) bildete den Abschluss der Ökumenischen Dekade "Gewalt überwinden".

Gewalt überwinden - ist das nicht Utopie, Vision? Müssen wir uns nicht mit der Realität von Gewalt abfinden? Im Mai trafen sich in Kingston (Jamaika) mehr als tausend Menschen aus aller Welt, um gegen solche Resignation aus christlicher Perspektive ein Zeichen zu setzen. Die "Internationale ökumenische Friedenskonvokation" (IöFK) bildete den Abschluss der Ökumenischen Dekade "Gewalt überwinden". "Wir verstehen Frieden und Friedenstiften als unverzichtbaren Bestandteil unseres gemeinsamen Glaubens", heißt es in der Botschaft der Versammlung, die unter dem Titel "Ehre sei Gott und Friede auf Erden" verabschiedet wurde.

Sicher, das ist nicht neu. Aber die Dekade, die 2001 in Berlin eröffnet wurde, hat in vielen Kirchen das Nachdenken über die Fragen von Gewalt neu angeregt. Erste Impulse gab es bereits im Engagement der Kirchen in Südafrika, als im Rahmen der ersten freien Wahlen 1994 Christinnen und Christen alles daran setzten, der Gewalt, die ausbrach, ein Ende zu setzen. In einem Programm wurden Initiativen gegen Gewalt in sieben Städten miteinander verknüpft. Gewalt gegen Frauen wurde in vielen Kirchen erstmals offen thematisiert. Und es gab intensive Bibelarbeit: Welches Gottesbild prägt uns?

Das Ende der Versammlung ist ein Anfang. Das Schlussdokument bietet eine Palette von Themen, die aufzugreifen sind. Da geht es um "Friede in der Gemeinschaft" mit all den Fragen des Zusammenlebens, des Rassismus, der Geschlechtergerechtigkeit und auch den Fragen der Sexualität, die immer wieder spaltende Kraft in und zwischen den Kirchen entfalten. Es geht um "Friede mit der Erde" und die Umweltkrise, die als "zutiefst ethische und spirituelle Krise der Menschheit" bezeichnet wird. Es geht um "Friede in der Wirtschaft" mit all den Herausforderungen struktureller Gewalt. Gefordert wird, für eine Wirtschaft im Dienst des Lebens einzutreten. Und es geht um "Friede zwischen den Völkern", bei dem eine Abkehr vom Konzept des "gerechten Krieges" hin zum "gerechten Frieden" als Konsens betont und Rüstungskontrolle gefordert wird. Auch das große Dilemma der Frage nach militärischen Interventionen wird aufgegriffen: "Wir ringen um die Frage, wie unschuldige Menschen vor Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt geschützt werden können. In diesem Zusammenhang stellen wir uns tiefgreifende Fragen zum Konzept der ‚Schutzverantwortung‘ und zu dessen möglichem Missbrauch."

Gewiss, wer das mit skeptischen Augen liest, wird sagen: viele Themen, kein Fokus. Und doch: Diese Versammlung liegt historisch gesehen in einer Linie der Geschichte des Ökumenischen Rates seit 1948. Die evangelischen Kirchen in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren an vielen Punkten eingebracht und waren auch in Jamaika mit einer Delegation vertreten. Dabei hat die Versammlung gezeigt, wie wichtig es ist, im Austausch zu stehen, zu hören, welche Gewalt etwa Dalits in Indien erleben. Auch die Konflikte zu sehen, wenn einige Kirchen eher in der Rückkehr zu Glauben und Moral den richtigen Weg sehen als im gesellschaftspolitischen Engagement. Deutlich wurde, dass in vielen Ländern des Südens die strukturelle Gewalt Leben zerstört. Und dass der Dialog der Religionen ein entscheidendes Thema ist, wie der katholische Theologe Hans Küng seit Jahrzehnten sagt: Kein Friede unter den Völkern ohne Frieden zwischen den Religionen.

Margot Käßmann

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