Zwischenruf im Gottesdienst

Ein Punktum

Draußen ist es regnerisch, und ich bin froh, das sichere Kirchenschiff erreicht zu haben. Gut besucht liegt es vor mir: Familiengottesdienst. Heute dominieren nicht weiße Häupter über dunklem Tuch, die Bänke sind bunt durchmischt mit Outdoor-Trends. Es ist das Publikum, bei dem ein Handyklingeln keine Überraschung wäre. Aber nur ein heftiger Nieser rechts hinter mir hallt durch den Raum, in den ersten Reihen antwortet Kinderquieken. Plötzlich hopst ein bunter Ball in den Mittelgang, ein kleines Mädchen hinterher, stoppt ihn gerade noch vor dem Altar. Ein fröhliches Raunen geht durch die Gemeinde, das Eis ist gebrochen, noch bevor der Pfarrer die Gemeinde begrüßt.

Das obligatorische Handyklingeln lässt immer noch auf sich warten. Dafür tut sich gleich neben mir ein seniorer Mezzosopran beim ersten Lied hervor. In selbstbewusster Schräglage schmettert sie in höchsten Tönen gegen ihr Hörgerät an. Vor Beginn der Predigt für die Großen marschieren die Kleinen in einer Karawane zum Kindergottesdienst nebenan. Das erste Kind hält vorsichtigen Schrittes in höchster Konzentration eine brennende Kerze, den Blick gesenkt. Es scheint sich seiner tragenden Bedeutung in der Gemeinde bewusst.

Dann: Aufmerksamkeit für die Predigt. Aber auch hier geschieht Wundersames. Die Dramaturgie wird von einem hochgewachsenen Typen in lockerer Lederjacke bestimmt, ganz vorne links außen. In die Pausen des Predigers hinein ruft er immer wieder kraftvoll "Hallelujah" und am Ende der Predigt donnert ein einsames "Amen". Lederjacke und demonstrative Zwischenrufe erinnern mich an Bilder aus den Achtundsechzigerjahren. Jetzt erhebt sich der vermeintliche Revoluzzer auch noch, läuft in den Altarraum und geht den Pfarrer direkt an. Die Gemeinde singt, derweil ist der Pfarrer auf seinem Stuhl wortlos dem Protestanten ausgeliefert. Endlich verabschiedet sich die Lederjacke, klopft noch einmal aufmunternd seinem Hirten auf die Schulter, wendet sich zum Gehen. Jetzt erst sehe ich das Gesicht zur Lederjacke. Es trägt Methusalems Züge, und zwei feurige Augen stehen darin. Ein langes Leben bringt es mit sich, dass beseelte Geister eigene Wege gehen. Inzwischen sind die Kinder wieder keckernd in die Lücken der Bankreihen gekrabbelt, Alt und Jung wieder komplett. In Kyrie Eleison und Christie Eleison stimmen "kijahon eijahon brrr brr" neben mir mutig mit ein. Zum Segen erhebt der Pfarrer seine Hände in die Höhe. Das Kind auf den Armen des Vaters macht es ihm postwendend nach, winkt mit wedelnden Händchen zurück und segnet den Pfarrer. Demographische Studien machen eben Freude.

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