Zwickmühle

Die Ethik könnte verstärkt zum Zankapfel der Ökumene werden
Auch in Deutschland und der Schweiz befolgen Katholiken nicht (mehr) die ethischen Vorschriften der Amtskirche. Und diese schleichende Protestantisierung beunruhigt Papst und Bischöfe.

Fragen des Kirchenverständnisses und der Zulassung zum Abendmahl haben in den vergangenen Jahren das theologische Gespräch zwischen Protestanten und Katholiken dominiert. Doch nun scheinen neben den dogmatischen Fragen ethische an Bedeutung zu gewinnen, das, was Menschen zu tun und zu lassen haben.

Vor einem Jahr fragte die Nachrichtenagentur Gerhard Müller, den Bischof von Regensburg und Ökumenebeauftragten der katholischen Bischofskonferenz, wie er "den Zustand der katholisch-evangelischen Ökumene in Deutschland beschreiben" würde. Und Müller antwortete, es sei "bekannt, dass in bestimmten bioethischen und in sexualethischen Fragen große Spannungen bestehen".

In dasselbe Rohr hat nun kürzlich auch Kardinal Kurt Koch gestoßen. Der Ökumenebeauftragte des Papstes betonte gegenüber, heute seien zwischen den Kirchen "vor allem" (!) die ethischen Fragen kontrovers. Und in einem Vortrag in Innsbruck forderte er, die Kirchen "müssen in ethischen Fragen endlich mit einer Stimme sprechen". Anders als Bischof Müller nannte Kardinal Koch die Probleme beim Namen: Stammzellforschung, Abtreibung, Sterbehilfe, Ehe, Familie und Homosexualität.

Freilich, in der Ethik sprechen selbst römische Katholiken nicht "mit einer Stimme". Und noch größer sind die Unterschiede im Verhalten. Nach einer Umfrage des renommierten Pew Research Center befürworten 52 Prozent der US-Katholiken, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen. Die Zustimmung ist um 8 Prozent höher als bei den Amerikanern insgesamt.

Dass Italien eine der niedrigsten Geburtenraten Europas aufweist, lässt vermuten, dass die Italiener, die zu über 90 Prozent katholisch sind, nicht nur die vom Vatikan erlaubte "natürliche" Empfängnisverhütung (Eisprungberechnung und Enthaltsamkeit) praktizieren. Auch in Deutschland und der Schweiz befolgen Katholiken nicht (mehr) die ethischen Vorschriften der Amtskirche. Und diese schleichende Protestantisierung beunruhigt Papst und Bischöfe.

Gemeinsame Anrthopologie

Da hinter den Unterschieden in der Ethik unterschiedliche Menschenbilder stünden, empfahl Kardinal Koch in Innsbruck, die Kirchen sollten eine "gemeinsame christliche Anthropologie" ausarbeiten. Das ist genauso sinnvoll, wie auszuloten, wo und wann die Kirchen sich zu ethischenProblemen gemeinsam äußern können. Freilich geraten Vertreter der evangelischen Kirche dabei in eine Zwickmühle. Auf der einen Seite müssen sie respektieren, dass in der römisch-katholischen Kirche Papst und Bischöfe das Lehramt ausüben. Auf der anderen Seite dürfen Protestanten aber auch nicht ignorieren, was das katholische Kirchenvolk denkt, sagt und tut - Menschen, die durch die Taufe zum allgemeinen Priestertum berufen sind.

Historisch gesehen hat auch Rom in der Ethik nicht immer "mit einer Stimme" gesprochen. Während 1864 ein Papst die Religionsfreiheit verurteilte, stellte hundert Jahre später ein Konzil fest, "dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat". Und wer weiß, in hundert Jahrenerlaubt Rom vielleicht das, was es heute verbietet.

Jürgen Wandel

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