Gut katholisch

Der Papst, die Ökumene und das Reformationsjubiläum
Von den ultramontanen Katholiken, aber auch von Protestanten wird der Papst mit der katholischen Kirche gleichgesetzt. Doch das zeugt von Geschichtsvergessenheit.

Der Papst ist längst weg über alle Berge, ultra montes. In Deutschland zurückgelassen hat er ökumenisch engagierte Christen, die enttäuscht und frustriert sind. Doch letztlich müssen sie Benedikt XVI. dafür dankbar sein. Denn Enttäuschungen sind nicht nur schmerzlich, sondern auch heilsam, befreien von Täuschungen und schärfen den Blick für die Wirklichkeit.

Aber der Papst hatte doch großen Wert darauf gelegt, die Vertreter der EKD in Erfurt zu treffen, in Martin Luthers Kloster, oder? Nun hat sich wieder einmal bestätigt, was der katholische Ökumeniker Hermann Häring in seinem Buch Freiheit im Haus des Herrn schreibt: Mit Worten stößt Benedikt Nichtkatholiken oft vor den Kopf, und seine Freundlichkeit ihnen gegen über spaltet er "in die Sphäre der Gesten und Gebärden ab".

Nicht in Erfurt, sondern in Freiburg, gegenüber Vertretern der orthodoxen Kirchen, äußerte Benedikt die Hoffnung, "dass der Tag nicht zu fern ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern". Aber mit den so Umworbenen wird der Papst noch blaue Wunder erleben. Kürzlich bejubelte Wsewolod Tschaplin, der Sprecher des Patriarchen von Moskau, den Kuhhandel von Präsident Medwedew und Ministerpräsident Putin als "ein echtes Beispiel von Herzensgüte und Sittlichkeit in der Politik".

In sechs Jahren jährt sich Luthers Thesenanschlag zum fünfhundertsten Mal. Protestanten feiern dieses Jubiläum in ökumenischem Geist, wenn sie sich und anderen bewusst machen: Die evangelische und die römische Kirche sind beide Erben der ungeteilten katholischen Kirche, zumindest ihres westlichen Zweiges. Und dessen Spaltung begann nicht im 16. Jahrhundert, sondern viel früher. Papst Leo I. (400-461) hatte noch bekräftigt, dass "wer allen vor steht", auch "von allen gewählt werden" soll. Die evangelischen Kirchen stehen also in einer gut katholischen Tradition, wenn ihre Amts träger von Synoden gewählt werden. Und darauf können sie stolz sein.

Von den ultramontanen Katholiken, aber auch von Protestanten wird der Papst mit der katholischen Kirche gleichgesetzt. Doch das zeugt von Geschichtsvergessenheit. Denn das Papsttum und der römische Zentralismus von heute sind Konstrukte des 19. Jahrhunderts. Zuvor gab es starke Strömungen, die einem Konzil höhere Autorität zubilligten, als dem Papst. Und man erinnere sich an katholische Aufklärer und Kirchenreformer wie den Konstanzer Bistumsverweser Ignaz von Wessenberg (1774-1860). Er teilt das Schicksal derer, die in geistigen Auseinandersetzungen unterliegen. Für sie gilt: Die Geschichte gehört so lange den Jägern, bis die Rehe ihre Version erzählen können. Oder diejenigen das tun, die sich auskennen.

Evangelische Christen sollten dem Papst nicht unterwürfig begegnen, aber ihm den Respekt erweisen, der ihm als Inhaber eines altehrwürdigen Bischofssitzes wie Rom gebührt. So können sie ihn getrost mit "Eure Heiligkeit" anreden, wie ein selbstbewusster Republikaner die Queen mit "Your Majesty". Mit ihren katholischen Mitchristen sollten Protestanten dort zusammenarbeiten, wo es sich ergibt. Sie können von ihnen, auch den Orden, viel lernen, spirituell und liturgisch.

Ökumenisch engagierte Christen brauchen nicht zu resignieren. Denn Päpste kommen und gehen, aber die Ökumene bleibt - wenn wir es wollen.

Jürgen Wandel

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