Mrs. Lutheran

Margot Käßmann ist die ideale Botschafterin für das Reformationsjubiläum
Wenn ihre Frische und Authentizität auf die Reformationsfeiern 2017 und ihre Mitwirkenden abfärben, werden viele gerne evangelisch sein.

Das US-Magazin Time nannte den Kirchenmann "Mr Lutheran" und hob ihn 1958 auf die Titelseite, eine Ehre die seither wohl keinem Lutheraner mehr widerfahren ist. Doch Franklin Clark Fry, der agile und witzige Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB) von 1957 bis 1963, wurde sogar außerhalb der USA als "Mister Lutheran" bekannt.

Dass Kirchenleute das Interesse der Medien gewinnen und über die Grenzen ihrer Konfession hinaus bekannt werden, ist eher selten. Doch gerade dies ist bei Margot Käßmann der Fall. So hat die "EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017" das Zeug dazu, "Mrs Lutheran" zu werden. Und in ihrem Fall ist die englische Bezeichnung durchaus angebracht. Während 1917 der deutsche Martin Luther gefeiert wurde, wird die Lutherfeier 2017 - wie die darauf hin führende Lutherdekade - internationalen Charakter haben. Die lutherischen Kirchen Schwedens und der USA und der LWB sind schon jetzt in Wittenberg vertreten. Auch im Hinblick darauf bringt Margot Käßmann beste Voraussetzungen mit: Sie ist weltläufig, war schon als Austauschschülerin in den USA und arbeitete jahrelang im Weltkirchenrat mit.

Anders als 1917 werden römische Katholiken 2017 mitfeiern. Dabei wird deutlich werden, was die beiden Kirchen verbindet, die sich so lange bekämpften. Freilich, gerade an Margot Käßmann wird sichtbar, was beide Konfessionen auch unterscheidet. In vielen evangelischen Kirchen amtieren Pfarrerinnen und Bischöfinnen. In anderen wird die Frauenordination noch diskutiert - immerhin. Denn selbst das hat der Papst in seiner Kirche unterbunden. Und Theologinnen und Theologen, die es trotzdem tun, werden gemaßregelt. Für sie, wie für viele einfache Katholikinnen und Katholiken, ist Margot Käßmann eine Hoffnungsträgerin.

Für die mitteldeutschen Lutherstätten ist ebenfalls eine Frau zuständig, die Magdeburger Bischöfin Ilse Junkermann. Und die Schwedische Kirche vertritt in Wittenberg eine Pfarrerin. Die Frauenordination ist für die geistlichen Erben Martin Luthers kein Grund zum Triumphalismus, zumal sie hart erkämpft werden musste, aber einer zu Dankbarkeit und Stolz.

Nicht nachgedunkelt

Margot Käßmann genießt eine einzigartige Popularität. Und warum? "Sie dunkeln alle nach", spottete Adolf von Harnack über Theologen. Und was der 1930 gestorbene Theologieprofessor meinte, lässt sich auch heute beobachten. Da sprechen Amtsträger, die als Vikare noch wie ihre Altersgenossen redeten, in einem seltsamen Idiom und merkwürdig gedämpft, als hätten sie ihr Beffchen verschluckt. Wenn sie etwas missbilligen, sagen sie, etwas sei "nicht hilfreich". Und eine Forderung wird als "herzliche Bitte" bemäntelt. Das ist sicher gut gemeint, wirkt aber unnatürlich und verschleiernd. Margot Käßmann ist dagegen natürlich geblieben, authentisch, sie ist nicht nachgedunkelt.

Aktuell ist auch die (Auf-)Forderung des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900), dass die Christen "erlöster aussehen" müssten, wenn man "an ihren Erlöser glauben" soll. Als Margot Käßmann hannoversche Landesbischöfin geworden war, überschrieb das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt ihr Porträt mit: "Frisch, fromm, fröhlich, frei". Wenn das auf die Reformationsfeiern 2017 und ihre Mitwirkenden abfärbt, werden viele gerne evangelisch sein - und andere möchten es dann werden.

Jürgen Wandel

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