Komödie statt Gedicht

Ein Punktum
Nicht schon wieder die Keule auspacken! Gemach, gemach!

Eigentlich ist es ganz einfach: Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe: Man kann den Kommunismus kritisieren, weil man jede Gewaltherrschaft ablehnt. Oder weil man den Kampf für eine gerechtere Gesellschaft denunzieren will.

Eigentlich ist es ganz einfach: Man kann den Kapitalismus kritisieren, weil man für eine wirklich soziale Marktwirtschaft eintritt. Oder weil man Kommunist ist.

Eigentlich ist es ganz einfach: Man kann den Papst kritisieren, weil man eine aufgeschlossene, menschenfreundliche Kirche anstrebt. Oder weil man das Christentum ablehnt und es mit der Kritik am Papst treffen will.

Eigentlich ist es ganz einfach: Man kann kritisieren, dass Deutsche - meist christliche, seltener jüdische - auf Landsleute mit der Antisemitismuskeule eindreschen. Oder weil man mit dem Hinweis auf die Keule Kritik an Antisemiten verhindern will.

Eigentlich ist es ganz einfach: Man kann Palästinenser kritisieren, weil sie anders als die Inder nicht gewaltlos gegen die Besatzer kämpfen. Oder weil sie Groß-Israel im Weg sind.

Eigentlich ist es ganz einfach: Man kann Israelis kritisieren, weil man von Juden (zu) viel erwartet. Oder weil man nur seinen Judenhass tarnen will.

Grips und guter Wille

Eigentlich ist es ganz einfach, zu differenzieren. Aber dazu braucht es Grips und guten Willen. Letzterer fehlt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Und an beidem mangelt es seinem Innenminister Eli Jischai. Der betrachtete es "als Ehre", dass er Günter Grass die Einreise nach Israel verweigert hat. Welch eine Ehre, von einem Jischai ein Einreiseverbot zu bekommen. Der hatte behauptet, afrikanische Flüchtlinge "bringen Hepatitis, Aids und Drogen mit" nach Israel. Und "Schwule und Lesben sind krank", sagte der ultraorthodoxe Jude. Leider habe man "noch keine Medizin dagegen gefunden, aber ich hoffe, es wird irgendwann einmal sein".

Grass hätte eine Komödie über Jischai und seine Freunde von der Schas-Partei schreiben sollen, statt ein bierernstes schlechtes Gedicht über Israel und den Iran. Jischais Vorgänger Arie Deri und der frühere Gesundheitsminister Schlomo Benisri mussten wegen Bestechlichkeit ins Gefängnis. Und "Eli Jischai ist ein finsterer Rassist".

Nicht schon wieder die Keule auspacken! Gemach, gemach! Das hat nicht Grass über Jischai gesagt, sondern der linksliberale Knesseth-Abgeordnete Nitzan Horowitz. Dass ein Innenminister (scharf) kritisiert werden darf, erinnert daran: Der Judenstaat ist trotz gravierender Mängel eine Demokratie - die einzige im Nahen Osten. Eigentlich ist es ganz einfach ...

Jürgen Wandel

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Meinung"