Mit der Keule

Israelkritik erregt die Gemüter. Es gibt nur noch Freund oder Feind
Wer in Deutschland Israel kritisiert, bekommt schnell die Antisemitismuskeule zu spüren. Besonnenheit und sorgfältiges Lesen von Texten bleiben dabei auf der Strecke.

Wer in Deutschland Israel kritisiert, bekommt schnell die Antisemitismuskeule zu spüren. Besonnenheit und sorgfältiges Lesen von Texten bleiben dabei auf der Strecke, von Nächstenliebe ganz zu schweigen. Diese Erfahrung musste der württem­bergische Ruhestandspfarrer Jochen Vollmer machen. Im Deutschen Pfarrerblatt hatte er sich kritisch mit Israels Geschichte und Politik und seiner religiösen Überhöhung auseinandergesetzt. Zugegeben, die Überschrift des Artikels ist unglücklich: "Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker". Das kann vor dem Hintergrund alter antijüdischer Klischees missverstanden werden. Als gäbe es dort den Nationalgott der Juden und hier den universalen Gott der Christen.

"Theologe outet sich als Judenfeind", titelte die Berliner Zeitung. Offen­sichtlich hatte der Redakteur, der diese Überschrift wählte, Vollmers Artikel nicht gelesen. Das kann man Ekkehard Stegemann nicht unterstellen. Immerhin ist dem deutschen Professor, der an der Universität Basel Neues Testament lehrt, Textauslegung vertraut. Auf www.audiatur-online.ch vergleicht er Vollmer mit den nazistischen "Deutschen Christen" und dem nicht weniger antisemitischen Großmufti von Jerusalem. Dabei schreibt Vollmer: "Wir, die Christenheit, verdanken Israel unaufgebbar den Glauben an den einen Gott." Durch Jesus seien Nichtjuden "zu Seiteneinsteigern in das Gottesvolk geworden", das seither "zwei verschiedene Wege geht, den einen in der Berufung auf die Tora und den anderen in der Berufung auf Jesus". Wenn das ein Antisemit schreibt, kann der Antisemitismus nicht so schlimm sein. Aber Ironie beiseite: Wer Vollmer, und sei es in heiligem Zorn, mit den "Deutschen Christen" und dem Großmufti vergleicht, ver­harmlost diese.

Vollmer zeigt, wie ein national verengtes und ein universales Gottesbild das Alte Testament durchziehen. Und das setzt sich, wie er zu Recht bemerkt, bis heute fort. Auf der einen Seite stehen nationalreligiöse Juden, die (zusammen mit fundamentalistischen Christen) den Anspruch Israels auf das Westjordanland biblisch rechtfertigen, und auf der anderen viele liberale Juden, die dem widersprechen und die Universalität des ethischen Monotheismus betonen.

So kritisch Vollmer die Israelis sieht, so unkritisch die Palästinenser. Wer es mit ihnen aber gut meint, sollte sie daran erinnern, dass Mahatma Gandhi die Briten durch gewaltlosen Widerstand zum Abzug aus Indien zwang. Mit Krieg und Terror haben die Araber dagegen nicht nur anderen geschadet, sondern auch sich selbst. Heute wären sie froh, sie bekämen ein Angebot wie den Teilungsbeschluss der UNO von 1947.

Wer es mit den Israelis gut meint, sollte sie daran erinnern, dass die Besiedelung des Westjordanlandes abstoßend ist, unmoralisch, ein Bruch des Völkerrechts - und unvernünftig. Denn dieses Unrecht wird sich bitter rächen und noch sehr lange einen Frieden im Nahen Osten verhindern. Im 17. Jahrhundert siedelten die Briten in Nordirland schottische Protestanten an. Der daraus entstandene Konflikt dauerte Jahrhunderte, vergiftete das politische Klima und kostete viele Menschenleben. Erst vor einigen Jahren konnte Nordirland befriedet werden. Aber unterschwellig hält der Hass bis heute an.

Jürgen Wandel

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