Selber schuld?

Überschuldung ist nie nur ein materielles Problem. Sie bedroht Menschen existenziell.
Foto: privat
Wie hart und unbarmherzig der "Große Crash" insbesondere Menschen in prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen trifft, darüber wird öffentlich nur selten gesprochen.

Die Schuldenkrise europäischer Länder und der USA, die Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten und die Gefährdung der weltweiten Konjunktur haben dramatische Ausmaße angenommen. Die politischen Entscheidungsträger versuchen milliardenschwere Rettungsschirme zu span nen, um die Schuldenkrise zu lösen und die europäische Währung zu schützen. Die eklatanten Schwächen des Finanzsystems, die Regulierungs-Schlupflöcher im Bankensystem und die Anreize für hohe Risiken sind politisch noch immer nicht gelöst. Wieder ist es der Steuerzahler, der letztlich in Haftung genommen wird, um drohende Banken- und Staatspleiten abzuwenden.

In diesem Zusammenhang lohnt sich derzeit ein Besuch in den deutschen Kinos. Der Film Der große Crash von Regisseur J. C. Chandor erzählt die Geschichte der Menschen, die 2008 für die weltweite Finanzkrise verantwortlich waren. Der noch unerfahrene Analyst Peter Sullivan erkennt, dass die Zahlen in den Büchern seines Arbeitgebers nicht stimmen und sich das Unternehmen am Rand des Ruins befindet. Gemeinsam entwickeln die führenden Köpfe der Firma einen Plan, der für den weltweiten Finanzmarkt katastrophale Folgen haben wird. Nicht ein anonymes Bankensystem, nicht die gesichtslosen Finanzmärkte verursachen ein globales Desaster. Der Film rückt konkrete Menschen in den Mittelpunkt, ihr Fehlverhalten, ihre Schuld und ihre Verantwortung. Der Einzelne zählt, so sehr er auch eingebunden ist in ein Wirtschafts- und Finanzsystem.

"Schulden haben" und "Schuld sein"

Während beim großen Crash die Frage nach den Schuldigen längst in den Hintergrund getreten ist, wird bei privaten Schuldnern immer noch allzu schnell "Schulden haben" und "Schuld sein" in eins gesetzt. Doch Überschuldung stellt nie nur ein materielles Problem dar: Sie bedeutet für die Menschen eine tiefgreifende existenzielle Bedrohung, die mit Scham und eben auch Schuldgefühlen besetzt ist. Dabei bleiben Menschen in prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen wenige Spielräume für eigene Entscheidungen und Problemlösungen, der fatale Weg in die Schuldenfalle scheint - und ist oft – unausweichlich.

Wie hart und unbarmherzig der "Große Crash" insbesondere Menschen in prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen trifft, darüber wird öffentlich nur selten gesprochen. Doch wenn die Rede von dem "Leben in Würde" mehr als eine bloße Floskel sein soll, wenn sie auch eine Aufgabe der Gemeinschaft bezeichnet, gilt es, sich um jeden Einzelnen zu kümmern.

Ohne professionelle Hilfe kommen die Betroffenen nur schwer oder gar nicht wieder auf die Füße. Schuldnerberatungsstellen von Kirche und Diakonie können Wege aus der privaten Überschuldung aufzeigen. Fachkräfte hören den Menschen zu und helfen ihnen, individuelle Lösungen zu finden und Spielräume für verantwortungsvolle Entscheidungen zurückzugewinnen. Sie sind mit ihrer Arbeit ein Garant dafür, dass Menschen nicht unter der Last ihrer Schuld(en) zusammenbrechen, sondern auch in dieser Situation erleben, dass Gott uns Menschen unabhängig von unserem Leistungsvermögen eine unverlierbare Würde geschenkt hat.

Johannes Stockmeier

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